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Mrz 14

Prominente

Prominente

In großen Städten begegnet man mehr Leuten als in kleinen Dörfern, womit sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, in großen Städten auch mehr Prominente zu treffen.

Ich lebe in Berlin und bin mit einer gewissen Erwartung unterwegs. Sylvester Stallone hat gelächelt, nachdem ich ihn angelächelt habe – ich dachte allerdings nur, dass ich diesen sich nähernden, einsamen, kleinen Mann von irgendwoher kenne. Ben Becker kauft bei der gleichen Handelskette wie ich seine Lebensmittel ein. Katarina Witt wohnt in meiner Straße, Wim Wenders um die Ecke. Neben Heike Makatsch habe ich in einem Konzert von Silly gesessen, mit Renate Künast in einer Damentoilette das Handwaschbecken geteilt. Joschka Fischer traf ich einmal in der Dämmerung im Monbijoupark. Er rannte weg.

Man sieht sich. Aber nur einer weiß, wer der andere ist.

Was macht man dann als unbekannte Passantin? Erwarten die Prominenten, dass ich in die Luft gucke und sie nicht beachte, oder freuen sie sich über einen kurzen Blick des Erkennens? Ich weiß es nicht. Einen früher im Scheinwerferlicht stehenden CDU-Politiker entdeckte ich auf einem Parkplatz von Ikea. Der Mann kämpfte mit einer hoch beladenen Karre gegen starken Wind, er wollte zum Kofferraum seines Autos und trieb immer wieder ab. Es war höflich, ihn zu übersehen.

Mein Beruf bringt mir Einladungen zu schönen Festen. Dann stehe ich gern am Eingang rum und gucke. Den größten Medienzulauf hat, wer am meisten im Fernsehen oder in der bunten Presse vorgekommen ist. Zwanzig Minuten posierte Tatjana Gsell vor einem Berliner Presseball vor Fotografen und Kameraleuten, die sie heiser anfeuerten. Diese Frau musste denken, dass sie wichtig ist. Meine Redaktion erreichte im Juli eine Pressemitteilung über eine „Parlamentarische Sommerlochparty“. 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien sollten kommen, Abgeordnete, Staatssekretäre, Botschafter. Und „der Playboy Rolf Eden mit seiner zukünftigen Frau Brigitte“. Wer schmückt sich hier mit wem und warum? Eine Sommerlochparty kann ja machen, wer will, aber besitzt unser Parlament nicht so etwas wie Markenschutz?

Viele Leute möchten alles über Promis wissen. In Internet-Foren besorgen sich Fans Informationen wie: „Stimmt es, dass sich Pink den Namen ihres verstorbenen Hundes Elvis auf die Schulter hat tätowieren lassen?“

Vielleicht denken manche Prominente in dunkleren Stunden darüber nach, wer noch alles als prominent gilt.

Sieht sich ein Star angefochten von den „Super-Stars“? Früher konnte ein Berühmter entscheiden, was er veröffentlicht und was er als Geheimnis schützt. Heute darf er nicht mehr vor die Haustür, ist Handy-Time. Bruce Willis traut sich deshalb nicht mehr auf öffentliche Toiletten.

Meine Berliner Zeitung hat einmal versucht, sich mit Boulevardtricks einem Prominenten zu nähern. Es war bekannt geworden, dass Manfred Krug im Krankenhaus lag, und ein Kollege bekam heraus, in welchem. Er nahm einen Fotografen mit und eine Kollegin, die grade hochschwanger war – das sollte dem Auftritt einen privaten Anstrich geben, denn der Trick bestand darin, sich als Freunde des Schauspielers auszugeben.

Die drei kamen, begleitet von einer älteren, misstrauischen Krankenschwester, in das Zimmer, in dem Manfred Krug lag, aus der Narkose erwacht, noch leicht betäubt. Manfred Krug war aber nicht der Schauspieler, sondern ein unbekannter Bürger gleichen Namens. Nun musste trotzdem ein Krankenbesuch gespielt werden. „Na, du machst ja Sachen“, fiel dem Kollegen ein. „Werd bloß bald gesund“, sagte die Schwangere und strich über die Bettdecke des Patienten. „Muss ja“, brachte Herr Krug hervor. Das Recherche-Team zog sich zur Tür zurück. „Wir wollen nicht länger stören“, sagte der Fotograf zur Krankenschwester.

Man kann sich vorstellen, wie der Mann gegrübelt haben wird, wer diese drei Fremden am Bett gewesen sein könnten. Dem Unbekannten blieb ein Nachthemdfoto erspart, der Krug ging an ihm vorbei.

Brigitte Woman 11/07, April 2014 bearbeitet