01
Mrz 14

Verkuppeln

Das passt nicht, denke ich. Eine schöne, junge Frau kommt aus dem Standesamt, neben ihr trottet ein linkischer Bräutigam, der ihre Hand loslässt, erstmal eine rauchen muss und beim Foto eine Sonnenbrille aufsetzt. Das wird nicht halten, denke ich. Diese Leute sind mir völlig unbekannt, aber ich vertraue meinem Eindruck und natürlich meiner Menschenkenntnis.

Die Wahrheit ist, dass ich mich oft getäuscht habe, meinen Freundinnen geht es auch so. Wir haben alle eine kleine Neigung, uns eine erstaunte Meinung zu Pärchen zu bilden: Was mögen diese beiden bloß aneinander finden? Wir sehen da nämlich einen bedenklichen Unterschied an Charme, Attraktivität, Intelligenz. Niemand weiß, was fremde Leute aneinander anzieht. Zum Beispiel auch sexuell. Man denkt sich was, aber man ist ja nicht dabei.

Frauen interessieren sich für Beziehungslagen, woraus eine fatale Neigung folgt: Frauen verkuppeln gern. Ich kenne keinen Mann, der darüber nachsinnt, wie er einem verzagten, verlassenen Freund eine neue Frau zuführen kann. Männer denken, dass sich die Natur selbst hilft. Frauen helfen nach. Sie können ja auch sonst keine losen Fädchen raushängen sehen, ohne die zu verknoten. Dahinter stecken fürsorgliche Impulse und soziales Verantwortungsgefühl.

Frauen wollen die Einsamkeit aus der Welt räumen. Wenn solche Beziehungsstifterinnen selbst in festen Händen sind, besprechen sie die Sache zuerst mit dem Partner. Der sagt dann: „Bist du wahnsinnig? Misch dich da nicht ein!“ Seine Frau lächelt und arrangiert ein Essen. So kam auch ich zu Einladungen.

Ich stehe in der Tür, der Personenkreis ist überschaubar. Meine Freundin führt mich zu den Gästen. Die vier Ehepaare kenne ich, außerdem lungert ein einzelner Fremder im Zimmer herum. „Das ist Arnim. Das ist Regine“, sagt die Freundin und zieht sich zurück. Ab sofort klemme ich. Wenn die Erkenntnis von Psychologen stimmt, dass die ersten zwanzig Sekunden über das Begehren entscheiden, dann unterschreite ich diese Zeit erheblich. Im Unterbewusstsein rattert eine Maschine und spuckt eine Erinnerungsdatei aus, mit der ein Männertyp abgetastet und abgelehnt wird. In diesem Fall reichte ein dunkler Vollbart.

Ich kenne nur eine Frau, die nie einen Mann verkuppeln würde – „Es gibt zu wenige, warum soll ich die auch noch mit anderen Frauen zusammenbringen“, sagt sie.

Ich selber werde nie wieder einen Kuppelversuch machen. Vor Jahren schüttete mir ein Fernsehautor sein Herz aus: Seine Frau war weggerannt, eine berühmte Schauspielerin. Er litt. Er wollte sich wieder verlieben, das Äußere sei völlig egal. Mit einer vom Typ wie Marilyn Monroe sei er ja zusammen gewesen, bei einer neuen Frau suche er nur noch eines: „Ein gutes Herz.“

Ich bin umgeben von allein stehenden Freundinnen, die ein gutes Herz haben. Meine Wahl fiel auf eine gebildete Frau, keine Titelblattschönheit, aber absolut ansehbar. Ich verabredete die beiden in einem Café. Zur Treffzeit saß ich zu Hause auf dem Sofa und dachte: Jetzt sehen sie sich. Jetzt reden sie. Jetzt sind sie mir dankbar.

Da klingelte das Telefon. Der Fernsehautor telefonierte vom Tresen des Cafés und fragte, was ich mir bei dieser Wahl gedacht hätte. Wie er aus der peinlichen Lage wieder raus käme. Ich konnte ihn überreden, mit der Dame wenigstens noch einen Kaffee zu trinken. Danach ist er geflüchtet. Diese Frau redete danach wenig mit mir. Von dem Mann denke ich, dass er eigentlich doch Marilyn Monroe gesucht hat, Marilyn mit großem Herzen.

Meine Freundin Jutta hat einen Mann und eine Frau erfolgreich verkuppelt. Aber sie fühlt sich jetzt ein bisschen verantwortlich, sie steht unter Erfolgsdruck, vielleicht erwartet sie auch eine Spur Dankbarkeit. Wenn sie das Pärchen trifft, achtet sie auf den Austausch von Zärtlichkeiten, und wenn sie keine beobachtet, fragt sie beiläufig, ob alles in Ordnung sei. Ja ja, sagen die beiden, aber der Ton ist schon etwas gereizt.

Brigitte Woman  1/07, April 2014 bearbeitet


27
Feb 07

Verlieren, verlegen

Eben war es noch hier, und jetzt ist es weg. Ganz ruhig, sage ich mir, findet sich alles wieder an. Aber mein Herz klopft, denn der Spruch stimmt nicht immer. Dinge verschwinden.

Ich verliere, ich verlege. Verlieren ist schlimmer, es braucht auch eine gewisse Zeit, bis man einen Verlust innerlich akzeptiert – dazwischen liegen Tage, an denen ich meine Wohnung systematisch absuche, Schubladen, unter den Schränken, zuletzt in blinder Raserei den Wäschekorb. Wo ist der Pass? Wo ist die Brille? Wo ist die Telefonnummer, die ich eben noch auf einen Zettel geschrieben habe? Meine Selbstzweifel sind nie größer als in solchen Momenten.

Als ich ein kleines Mädchen war, verlor ein Mann auf der Straße ein Zweimarkstück. Er hörte es noch klingeln, aber er fand es nicht. Er sah mich misstrauisch an, zu Recht. Denn ich stand drauf, hielt durch und kam zu spät zur Schule. In meiner Lebensrechnung habe ich für diesen unredlichen Zugewinn viel hergeben müssen. Ich verliere einzelne Handschuhe, Schirme, den Führerschein und kleine, schwarze Küchenmesser. Eine Freundin verliert Ohrringe, eine andere macht die Familie verrückt, weil die Fernbedienung immer weg ist. Ein verstorbener Freund verlor gelegentlich seinen Stiftzahn.

Die Bundesbürger verlieren vor allem Schlüssel – eine halbe Million Schlüsselbunde mit durchschnittlich 4,5 Schlüsseln dran. Allein in den Zügen der Deutschen Bahn werden jährlich 7 500 Schlüsselbunde gefunden. Im Zug packe ich meine Schlüssel nicht aus, ich ließ dort nur einen Sommermantel zurück und meine Freundin Jutta alle Notizen, die sie bei einer Reportage in Prag gemacht hatte. Sie hat dann beim Schreiben lange nachdenken müssen. Ich schließe nicht aus, dass sie manche Passagen erfand.

In dem Film „Sommer vorm Balkon“ sucht der alte Oskar seinen Kaffee, er verdächtigt die junge Pflegerin als Diebin. Die greift sofort ins Ofenloch, weil Oskar die Büchse da immer reinstellt. Er weiß nicht mehr, dass das ein sonderbarer Ort für Kaffee ist und vergisst ihn außerdem sofort. Im wirklichen Leben vermisste ein Regisseur sein Textbuch mit allen Notizen, er verdächtigte seine Mitarbeiter und fand das Buch zu Hause im Kühlschrank.

Verlegen heißt Abschied auf Zeit. Aber das weiß man zunächst nicht. Man hängt kopfüber im Auto und sucht eine Halskette. Man wühlt in der Mülltonne und greift mit Glück den Autoschlüssel. Frauen rennen aufgelöst durchs Theater, weil die Handtasche weg ist. Ausweise, Kreditkarten, Kosmetik, Fotos, Geheimnisse. „Wer meine Handtasche hat, hat mein Leben“, sagt Karin.

Es gibt ein jüdisches Sprichwort: „Wann freut sich der Arme? Wenn er verliert und wiederfindet.“ Eine Sache, die einem schon mal gehörte, wird beim Wiederfinden zum unerhörten Geschenk. Meine Freundin Emöke kehrte nach einer Ballettveranstaltung in tiefer Nacht mit dem Tourneebus zurück und stieg in ihr Auto, das sie Tage zuvor neben dem Bus geparkt hatte. Sie fuhr eine Stunde nach Hause, kam gegen vier Uhr morgens an und bemerkte, dass ihr Koffer nicht da war. Sie fuhr eine Stunde zurück. In den milchigen Lampenlichtern einer Frostnacht stand auf dem riesigen Parkplatz des Messegeländes am Funkturm um fünf Uhr morgens ganz allein ein Koffer. So sieht das Glück aus.

Männer verlieren weniger, weil sie alles am Körper tragen. Bevor sie die Wohnung verlassen, klopfen sie auf ihre Jacken- und Hosentaschen – ein Reflex der Vergewisserung, den sie in früheren Zeiten beim Aufbruch zur Jagd brauchten. Männer verlegen eher. „Bei mir ist das metaphysisch“, sagt der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. „Sachen sind weg. Dann sind sie wieder da. Das entscheiden die Sachen. Ich greife in den Vorgang nicht ein.“

Ich selbst habe mein Bikinihöschen in einem Hotel vergessen, merkte es in Berlin beim Auspacken, rief an und beschrieb dem jungen Mann an der Rezeption, wie dieses Höschen aussah. Zwei Tage später wurde es mir in einem flachen Kuvert nachgeschickt. Inzwischen hatte ich bemerkt, dass auch mein schwarzer Lieblings-BH im Hotel verblieben war. Ich habe mich nicht getraut, noch mal anzurufen. Zumal die Körbchen etwas gepolstert und schwieriger zu verschicken wären.

Manchmal findet sich sogar Sachen an, die man eigentlich loswerden wollte. Mein Kollege Jochen betrat unsere Redaktion mit einer nässenden Tüte. Als man ihn darauf ansprach, zuckte er zusammen, weil er vergessen hatte, zu Hause den Müll in die Tonne zu werfen.

in: Brigitte Woman