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Apr 14

Vorbilder

Heute geht es um Vorbilder, wir fangen mal mit einem Witz an: “Ich bin ein echtes Vorbild”, sagt ein junger Mann. “Ich rauche nicht, ich trinke nicht, bin meiner Freundin treu, gehe abends um zehn schlafen, stehe früh um sechs auf und arbeite den ganzen Tag.”
Sein Mitbewohner nickt und setzt den Gedanken fort:
“Aber wenn wir aus dem Knast raus kommen, hört das auf!”
Ja, ein Vorbild hat es leichter, wenn es keinen Anfechtungen ausgesetzt ist.

Das Vorbild ist auf der einen Seite sehr wichtig: Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hielt Vorbilder für ein menschliches Urbedürfnis. Neurowissenschaftler bestätigen heute den positiven Einfluss: Schon bei dem Gedanken an ein Vorbild werden Betroffene motivierter. Denn nur wenn Gefühle auf Trab kommen, ändere sich das Verhalten. Auf der anderen Seite haben Vorbilder seit Monaten schlechte Presse, es heißt, sie würden zerbröseln und stürzen, bekannte Namen fallen. Einige Kollegen stellen in kulturkritischen Essays fest: Das Vorbild ist in der Krise.

Abwarten.

Repräsentative Umfragen zeigen haltbare Maßstäbe: Mutter Teresa, Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Gandhi, der Dalai Lama – das sind Menschen über die man von fern viel Gutes gehört hat. Die größte Überraschung war für mich die Position der Eltern auf der Rangliste: Auf Platz 1 die Mutter, auf Platz 3 folgt der Vater nach Mutter Teresa. Irgendwie rührend und tröstlich, weil sich die Eltern doch in ewigen Auseinandersetzungen über Jahre als ein Vorbild behaupten müssen. Natürlich habe ich sofort meine Tochter, heute 35, gefragt, ob sie ein Vorbild habe. „Auf Anhieb nicht“, sagte sie. Ich lenkte sie in eine bestimmte Richtung: „Und wie ist es mit deiner Mutter?“ Sie antwortete sachlich: „In manchen Sachen ja, in manchen Sachen nein.“ Ich vertiefte das Thema nicht weiter.

Mich beunruhigen die Forschungsergebnisse über die Bedeutung eines Vorbilds. Ich selber habe nämlich keins, aber manchmal tue ich so: „Du bist mein großes Vorbild“, sage ich zu meinem Kollegen Arno, nur weil der in dreißig Minuten einen Leitartikel schreiben kann. Mein großes Vorbild nenne ich auch Menschen, die nachts sicher Auto fahren, seit Jahrzehnten eine glückliche Ehe führen oder jeden neuen Tag mit dem Sonnengruß beginnen. Es geht um Details, die ich nicht hinkriege.

Vorbilder werden geachtet, Idole werden vergöttert. Erklären kann man es nicht.

Als Reporterin buchte ich vor Jahren eine „Diana-Walking-Tour“ in England und lebte zwei Tage unter Verrückten. Eine Frau fühlte eine Lähmung ihrer Beine, weil eine unsichtbare Barriere am Geburtshaus der Prinzessin stand. Eine andere, sie hatte schon mehrmals an der Tour teilgenommen, warf ihr ganzes Geld zum Fenster raus. Sie kaufte jeden Monat Gedenkbriefmarken, jeden zweiten Monat einen Gedenkteller und wöchentlich bis zu zehn Zeitschriften, die sie auf eine Erwähnung der Prinzessin hin durchsuchte. Bei jeder Station unserer Tour hinterlegte sie weiße Rosen. Die füllige Frau von Ende 50 wollte gerne auch aussehen wie Diana, möglich geworden war nur die gleiche Frisur.

Eine andere Kategorie im Bewunderungsgeschäft sind Trash-Prominente, die nichts können. Als Kreationen des Privatfernsehens wurden sie berühmt. Der Schäfer Heinrich singt verschwitzt und falsch am Ballermann. Die Geissens sind reiche Prolls, die ihr Personal schlecht behandeln. Micaela Schäfer zieht sich überall zwanghaft aus, Gina-Lisa hat dicke Lippen und vorspringende Brüste. Die einfältige Georgina findet sich als Einzige toll. Solche Flachzangen bekommen für jeden Auftritt einen Haufen Geld. Wahrscheinlich glauben sie, dass jemand, der so viel Kohle verdient, nicht dumm sein kann. Keiner meiner vornehmen Freunde kennt diese Leute. Sie hören aber alle gerne zu, wenn ich aus der Parallelwelt erzähle.

Ganz früher hatte ich auch ein Vorbild, die Cousine meiner Klassenkameradin Eva Friedrichsen: Das war Rosi – grazil, Katzenaugen, lange, dunkle Locken. So wollte ich später auch aussehen.

Rosi war sechzehn. Eva und ich waren zwölf. Einmal erzählte mir Eva im Vertrauen, dass Rosi was Verbotenes mit Jungs mache. „Was denn?“ Eva legte los: Rosi würde sich im Bett nackt auf den Rücken legen, und neben dem Bett müssten zwei Hocker stehen. „Warum?“ Auf denen würde Rosi die Beine ablegen. „Und dann?“ Aber mehr Informationen hatte Eva dann auch nicht. Rosi ist knapp vor dem Mauerbau in den Westen abgehauen. Bis heute weiß ich nicht, wofür diese beiden Hocker gut gewesen sein könnten.

Brigitte Woman 09/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Hätte. Könnte. Würde.

Immer mal wieder spüre ich eine Irritation. Das geht schon eine Weile so – es ist nichts Körperliches, nur ein diffuses Gefühl. Es entsteht durch eine einfache Erkenntnis: Das Leben ist irreversibel, ist unumkehrbar.

Ja, ja, das weiß jedes Kind. Ich habe auch als Kind gewusst, dass ich älter würde und nicht jünger. Aber ich habe darüber nicht nachgedacht. Ein Jahr folgte dem anderen, und die Sommer waren lang. Eine Perlenkette aus Naivität, Verwegenheit, Glück, Zufall, Dummheit und Pech legte sich um meinen Hals und wurde mein Leben. Irgendwann kann man nichts mehr herumreißen, das Grübeln erobert die Stimmung: Hätte ich damals… dann wäre ich… und könnte jetzt…

Mit solchen Gedanken stehe ich nicht allein. Bei meinen Freund Henry treten sie als Klagen über finanzielle Entscheidungen auf: Hätte er seinerzeit bestimmte Aktien gekauft, sagt er, dann wäre er jetzt richtig, richtig reich. Hätten Moderatorinnen, Schlagersänger, Fußballer, Schauspieler, Zahnärzte, Rechtsanwälte und andere vermögende Menschen nach der Wende ihr Geld nicht auf Ostimmobilien gesetzt, wären sie vermögend geblieben. Wäre Lothar Matthäus nicht nur Frauen eines bestimmten Typs verfallen, wäre vielleicht eine bei ihm geblieben. Hätte Guttenberg nicht so entschlossen über das Abschreiben seiner Doktorarbeit geschwindelt… – es gibt viele Sachen, auf die man sich eingelassen hat, ohne sie später aus der Welt schaffen zu können. Eine Freundin hat den Zeitpunkt verpasst, ihren erwachsenen Sohn aus der Wohnung zu werfen, jetzt kontrolliert er als Pascha ihr Leben. Unlängst fiel ich in Liebeskummer wie in ein Koma. Wie viel taktischer würde ich mich verhalten, wenn ich diese Beziehung noch einmal anfangen könnte.

Leben ist, wenn die Zeit weiterläuft. Im Film kann jemand in einer Zeitschleife hängenbleiben, wie Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in der Wirklichkeit führt jeder Tag zum nächsten Tag. Alles geht in eine Richtung. Schauspieler kann man älter schminken, aber kaum jünger. Man sieht das Künstliche.

Die Kunst kann alles behaupten. Jenny Erpenbeck lässt im Roman „Aller Tage Anfang“ eine Frau fünf Mal sterben, zuerst als Säugling, zuletzt und endgültig als alte Schriftstellerin. In diesem Buch ist der Tod der Hauptperson immer nur eine, durchaus einleuchtende Möglichkeit, die Geschichte kann ebenso einleuchtend weitergehen. In Intermezzi genannten Einschüben korrigiert die Autorin das zuletzt Erzählte und entlässt die Frau in das Weiterleben. Oder doch nicht?

Wer an der Zeitschraube dreht, betritt die Welt des Phantastischen, des Unmöglichen. 1984 hockte ein nackter Arnold Schwarzenegger – eine Kampfmaschine in Menschenhaut – auf einer dunklen Anhöhe in Los Angeles. Der „Terminator“ ist ein Zeitreisender aus dem Jahr 2029. Er kommt mit dem Auftrag, eine Frau zu töten, weil sie einen Sohn gebären wird, der in der Zukunft die Rebellion der Menschen gegen Maschinen anführt. Die Korrektur der Vergangenheit verändert die bereits existierende Zukunft. Für mich klingt das nicht unmöglich, seit ich gehört habe, dass große Teile des Universums in schwarzen Löchern verschwinden. Echt.

Was bedeutet Zeit für einen Lebenslauf? In Mark Twains Erzählung „Der geheimnisvolle Fremde“ befreunden sich drei Jungen mit einem Unbekannten. Sie lieben ihn, auch nachdem sie wissen, dass er ein Engel ist und ein Neffe des Teufels. Der Engel kann Gedanken lesen und kennt die Zukunft als feststehende Folge von Handlungen. Durch das Überspringen einer einzigen Handlung kann er das Leben eines Menschen von Grund auf ändern. Die Jungen bitten ihn, Schlimmes zu verhindern. Der allmächtige Engel aber ist gleichgültig: Wenn er einen Blick, einen Gang, ein Erwachen um ein Weniges verschiebt, kann sich alles zum noch Schlimmeren kehren.

Wegen dieser Erzählung überlege ich, ob der Zeitpunkt, zu dem ich die Wohnung verlasse, mein Leben aus den Angeln heben könnte. Ob ich lieber früher oder später gehen sollte. Leider werde ich es nie erfahren, man hat ja nur einen Versuch.

Brigitte Woman 07/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Preis und Wert

Aus Geld kann mehr oder weniger Geld werden. Nur mal als Beispiel: Ich kaufe ein neues Auto und fahre beschwingt vom Hof. Wenn ich es am nächsten Tag aus irgendwelchen Gründen wieder verkaufen möchte, ist es weniger wert – obwohl nichts fehlt, kaputt ist oder abgenutzt. Es ist nur ein bisschen gebraucht.

Gebrauchtes hat keinen guten Ruf, und zum Verbrauchten ist es dann nicht mehr weit. In einem Brief an diese Zeitschrift stand, dass eine Leserin nicht mit George Clooney ins Bett gehen möchte: „Nee, der Mann ist mir zu verbraucht, und älter wird er auch.“ Das sitzt, aber nach allem, was ich so höre, laufen die Dinge für Clooney, 51, noch einigermaßen.

Manchmal kann etwas Altes sehr teuer werden: Ein Plakat von 1928 ging für über 100 000 Dollar bei einer Auktion weg: Ein Film-Poster, auf dem Micky Maus lacht – es war ein Druck, keine Originalzeichnung von Walt Disney. Ja, ich weiß, dahinter steckt der Markt. Er führt Angebot und Nachfrage zusammen. Aber viele Dinge sind mit Fantasien aufgeladen.

Für den internationalen Kunstmarkt hätte ich zu schwache Nerven. Lege ich da mein Geld auch sicher an? Selbst Kenner haben schon auf falsche Pferde gesetzt. Rubens soll zuletzt abgestiegen sein. Zum Glück hatte ich keinen. Aber „Der Schrei“ von Edvard Munch brachte letztes Jahr im Mai 120 Millionen Dollar, mehr als jedes andere Gemälde bei einer öffentlichen Versteigerung. Schlichen die Mitbieter wie geprügelte Hunde davon, waren sie heimlich froh, dass sie ihr Geld behalten hatten, gelten sie jetzt unter ihresgleichen als Knauser? Ich kenne leider keinen Menschen, der das wüsste.

Den teuersten Einkauf aus einer privaten Sammlung machte ein anonymer Kunstfreund. Er soll 2006 für einen Jackson Pollock 140 Millionen Dollar bezahlt haben. „No.5, 1948“ ist ein wirklich schönes, großes Bild: Action Painting, Öl auf Holz – ein Komposition wie tobendes Unterbewusstsein oder wie eine kosmische Erscheinung. Aber 140 Millionen? Immer Angst vor Einbrechern? Und wenn ich plötzlich mal Geld brauche – bekomme ich das Bild gut los? Zinsen gibt es auch nicht.

Das sind so meine Fragen.

Vor Jahren habe ich eine „Millionärsmesse“ besucht. Seitdem kenne ich mich im gehobenen Segment aus: Zigarren für 500 Euro das Stück in einem Mantel aus Blattgold, den man später mit der Asche in den Müll kehrt oder sehr lange für eine Zahnplombe sammeln könnte. Die Zigarren waren für mich als Nichtraucherin uninteressant. Lieber mochte ich einen Bettüberwurf mit zwei Kissen für 300 000 Euro, alles mit Diamanten verziert. Die Kissen müsste ich aber vor dem Schlafen umdrehen, denn die Diamanten würden mir das Gesicht zerkratzen. Ich sah Schuhvorwärmer mit Beleuchtung, Strandkörbe mit Ventilator, tragbare Luxustoiletten. Mir gefiel eine Badewanne aus honigfarbenem Zedernholz. Ich fragte nach dem Pflegeaufwand. „Manchmal einölen“, sagte der Berater, „aber das macht ja das Personal.“

Wie die meisten Menschen verdiene ich mein Geld unterhalb der Millionärsschwelle. Außerdem bin ich sparsam – ein ähnlicher Typ wie die Tochter einer Kollegin. Die griff mit ihrem Mann bei einem Urlaubsangebot zu: eine Woche auf Bali, pro Person etwas um die 500 Euro. Sehr günstig.

Nach der Landung stellten Kontrolleure fest, dass der Pass der jungen Frau nur noch vier Tage gültig war. Sie musste das Land auf der Stelle mit dem nächsten Flugzeug verlassen, das landete in Neukaledonien. Ihr Mann flog mit, obwohl er einen gültigen Pass hatte. Er liebt seine Frau. Bali liegt im Indischen Ozean, Neukaledonien im südlichen Pazifik. Das Paar nahm ein Zimmer, verhandelte mit einem Honorarkonsul und durfte später auf Bali Urlaub machen. Nach Bezahlung der Umwege kostete die Reise um die 10 000 Euro.

Im Briefkasten liegt ein Angebot: Weil ich eine bestimmte Zeitschrift abonniere, könnte ich eine Woche für eine Bildungsreise in die Türkei fliegen, in guten Hotels übernachten – alles für 99 Euro. Das kommt mir sehr wenig vor.

Die Reise kostet erst einmal Flugbenzin. Außerdem entspricht sie mit der Arbeit von Piloten, Stewardessen, Kofferträgern, Köchen, Kellnern, Zimmerfrauen, Gärtnern, Busfahrern und Dolmetschern dem Gegenwert von sieben Patronen für meinen Drucker oder von acht Packungen Ersatztüten für meinen Staubsauger. Fünf Türkei-Reisen haben den Wert einer Zigarre im Blattgoldmantel.
Was kommt raus unterm Strich?

Brigitte Woman 05/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Allein in Gesellschaft

Ich würde so gerne ein anderer Mensch sein. Dieser Gedanke begleitet mich – besonders wenn ich Gesellschaften verlasse.

Für kleinere Kreise fehlt mir die Gelassenheit. Wenn man mich schon eingeladen hat, dann will ich auch ein guter Gast sein. Ich fühle mich mitverantwortlich für das Gelingen, so entsteht Druck. Es beginnt bei diesen Luftküssen. Seit sich kein Mensch mehr die Hand gibt, muss man mitmachen. Common Sense in Deutschland ist pro Wange ein Kuss. Aber ich weiß nie, auf welcher Seite man anfängt. Manche Gäste küssen auch drei Mal. Solche Küsse trafen mich schon voll auf den Mund, weil ich das Ganze für beendet hielt und in der Mitte angehalten hatte.

Ich kann es nicht aushalten, wenn das Gespräch bei Tisch versiegt. Es werden ja auch Leute eingeladen, die wenig oder gar nichts sagen. Was erwarten die eigentlich von einem Abend in Gesellschaft? Die Stille nach den abgeräumten Vorspeisetellern macht mich nervös. Meine innere Stimme sagt: „Du bist nicht im Dienst!“ Aber meine hörbare Stimme meldet sich zwanghaft zu Wort. Ich bin übrigens nicht schlecht im Erzählen, ich kann Leute zum Lachen bringen. Freundliche Gesichter wenden sich mir zu. Und Bums! werde ich für einen Abend zur Vorturnerin. Wenn wir später unsere Mäntel anziehen und die Luftküsse ihren zweiten Auftritt haben, weiß ich zu oft zu wenig von den anderen Gästen, und sie wissen immer zu viel über mich. Im Fahrstuhl stehe ich gelegentlich neben einer schönen Frau, die den ganzen Abend lächelnd geschwiegen hat. Wie interessant und geheimnisvoll! Wie Fantasie anregend! Wie gerne wäre ich wie die.

Bei größeren Gesellschaften, bei Bällen oder Empfängen, überfällt mich dagegen Schüchternheit: weil ich allein bin und nichts trinke. Ich wäre hin nach einem einzigen Glas. Mit Alkohol überwinden viele Schüchterne ihre Hemmschwelle, aber sie übertreiben auch – wie der empfindsame Künstler, der im Schloss Bellevue bei einem Empfang des Bundespräsidenten so viel getankt hatte, dass er vor aller Augen lang hin schlug. Auf der Frankfurter Buchmesse, das schwört eine Freundin vom Fach, bewegen sich auch Verleger von Weltrang tagsüber an den Ständen mit Stil, aber nachts im Frankfurter Hof auf allen Vieren.

Erfahrene Gastgeber sorgen für Überfüllung und gemischtes Publikum. Man soll sich durchs Gedränge schieben. Man soll sich wundern über ein Jackett aus Kunstrasen oder schwarze Zähne. Das Heterogene ist ein Spannungsfaktor. Das Überfüllte ist der Beweis, an einem begehrten Ort zu weilen. Ist jemand da, den ich kenne, an den ich mich eventuell ranhängen kann?

Erkenne deinen Status: Wer in den Augen seines Gegenübers Unruhe liest, gilt selbst nicht als allererste Wahl für ein längeres Gespräch. Dann sage ich schnell: „Man sieht sich.“ Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man an diesem Abend kein weiteres Wort miteinander wechseln wird.

Ich lasse mich treiben, zum Beispiel durch den Bundespresseball. Männern klopfen sich auf die Schulter und dröhnen: „Ich grüße Sie!“ Frauen begrüßen Frauen mit vertikalen Scannerblicken. Ich fühle mich unsichtbar. Endlich treffe ich einen älteren Herrn, den ich kenne. Er ist in junger Begleitung. Ich mache seiner hübschen Tochter ein Kompliment. Meine Interpretation war falsch. Das Pärchen sagt, es müsse weiter.

Der Single vagabundiert, Paare stationieren. Sie bleiben an den Stehtischen, da können sie abwechselnd zum Büfett gehen und den Essplatz frei halten. „Schatz, es gibt Hummer!“ Paare haben immer jemanden an ihrer Seite, mit dem sie sich notfalls unterhalten können.

Der Single ist für seine Unterhaltung allein verantwortlich, auf ihm lastet Erlebnisdruck. Ältere, allein stehende Damen bilden öfter Notgemeinschaften, sie schweifen ziellos umher und verlassen früh das Fest in Begleitung von Abschiedstüten. Ältere, allein stehende Herren bleiben an der Bar. Ab einem bestimmten Pegel sprechen sie jede vorübergehende Frau an.

Ich laufe auf sehr hohen Schuhen zwischen fremden Menschen. Das macht müde. Meistens gehe ich bei solchen Gelegenheiten zu früh weg. Ich glaube, dass man lange durchhalten muss, wenn man was erleben will. Angeblich wird immer spät ganz wild getanzt. Aber die Kraft habe ich heute nicht. Ich steige in ein Taxi und sehe nach, ob sich wenigstens die Abschiedstüte gelohnt hat.

Brigitte Woman 03/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Geld und Geiz und Sparsamkeit

„Die Phönizier haben das Geld erfunden“, schrieb Johann Nepomuk Nestroy. „Aber warum so wenig?“ Geld allein macht nicht unglücklich. Man muss es nur in Zusammenhängen sehen.

Investoren können eine Summe, die unsere Vorstellung sprengt, als Etat für ein Großunternehmen beschließen. Später wird aus dem Etat ein Etappenziel, das nach weiteren Zuschüssen schreit. Alle Verantwortlichen sind überrascht – zuletzt beim Flughafen Berlin-Schönefeld. Es kann passieren, dass Menschen mit guter Ausbildung Plus und Minus verwechseln und sich um 55 Milliarden Euro verrechnen – wie die Bankenholding Hypo Real Estate. Die weltberühmte Fotografin Annie Leibovitz hat 24 Millionen Dollar Schulden. Wann mag sie bemerkt haben, dass sie Schulden hat?Umgang mit Geld ist ein großes Thema.

Geld ist zunächst nichts weiter als ein Zwischentauschmittel. Nur weil sich alle Welt darauf geeinigt hat, kann es zu weiteren Tauschgeschäften eingesetzt werden. Geld für Güter, für Kredite, für Sicherheiten, für Status. Es dauerte nicht lange, bis mächtige irdische Kräfte für eine unterschiedliche Verteilung sorgten. Beim Besitz von Verstand denkt nahezu jeder Mensch, er habe genug davon. Beim Geld ist es umgekehrt.

Natürlich glauben wir an innere Werte, aber wir glauben eben auch an gutes Aussehen. Das Materielle soll nicht dominieren, aber ein Notgroschen wäre schon wichtig, oder ein bisschen mehr Spielraum. Wir vergleichen uns, aus reiner Fairness, mit Menschen neben uns. Aber die nahe liegende Frage „Wie viel verdienen Sie?“ wird Verlegenheit auslösen und lauter Lügen. Mein Kollege Arno unterlief solche Neugier durch übertriebene Großzügigkeit: Wenn er sich für eine Gefälligkeit bedanken wollte, überreichte er Sträuße, die danach nur in Wassereimern gehalten werden konnten. Wenn dieser Kollege in der Kantine an der Kasse stand, bezahlte er oft auch für das Essen des nächsten Wartenden – den er gar nicht kannte. Derjenige musste allerdings eine junge Frau sein. Der Kollege verdiente wahrscheinlich sehr gut. Aber weil bei seinem Benehmen davon nicht viel übrigbleiben konnte, entging er den Neidern.

Jemand, der viel Geld besitzt, braucht originelle Ideen, um es zu behalten. Hier beginnt das Schattenreich des Geizes.

Ein Regisseur lädt gerne Leute ein. Er liebt tiefe Gespräche. Aber wenn er meint, dass die Gäste genug gegessen und getrunken hätten, klopft er, unabhängig von der Tageszeit, auf sein Handgelenk und sagt: „Die böse, böse Uhr vertreibt meine lieben, lieben Gäste!“ Ein zu Recht berühmter Fernsehautor lädt zum Kaffee ein, ich soll Kekse mitbringen. Ich stelle sie auf den Tisch und stecke einen Keks in den Mund. Er nimmt den Teller und versteckt ihn unter seinem Sessel, er will alles haben, will nicht teilen. Wir geraten in ein Handgemenge, das ich als die Jüngere gewinne. Aber die gute Stimmung ist dahin.

Der Geizige ist – außer bei Enkeln, die nach seinem Tod ein Millionenvermögen in verstaubten Einweckgläsern finden – ein ungeliebter Mensch. Zu Lebzeiten gönnt er sich und anderen nichts, obwohl er es könnte. Aber wann wird aus dem gesellschaftlich geächteten Geiz die gesellschaftlich akzeptierte Sparsamkeit? „Der Sparsame“, so heißt es in einem weisen Spruch, „kauft nur 1-lagiges Toilettenpapier. Der Geizige benutzt es von beiden Seiten.“

Überall wird gespart. Redaktionen benutzen Schreibprogramme, die schon einfache Texte produzieren können, und sparen Journalisten. Die Bahn spart Zugverbindungen. Drei junge australische Künstler sparen bei einer Performance in Berlin: Zwei Frauen und ein Mann belegen am Rand der viel befahrenen Schönhauser Allee ein kleines Schotterstück. Dort starten sie mit nichts in zehn Tage: Sie sind ganz nackt, wirklich. Sie haben kein Essen, kein Trinken, keine Decke, kein Dach. Sie wollen sich ganz der Hilfe ihrer Mitmenschen ausliefern.

Schon fünf Minuten nach Beginn der Aktion bringen ihnen fremde Leute was zum Überwerfen. Es folgt alles, was man braucht, auch ein Zelt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, irgendwo im Urlaub, auch so eine Performance zu wagen, die was einbringt. Ich lasse davon ab. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters.

Brigitte Woman 11/12, April 2014 bearbeitet