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Apr 14

Warum ich? Warum jetzt?

Christiane zu Salm: „Dieser Mensch war ich. Nachrufe auf das eigene Leben.“ Goldmann München 2013. 250 S., 17,99 Euro

Auch noch Jahre nach dem Krieg gab es großes Elend. Ich war sechs oder sieben Jahre, als mich meine Mutter mit Resten unseres Mittagessens, meistens Eintopf, zu einer alten armen Frau schickte. Sie wohnte im Keller und lag im Bett unter Lumpen, weiße Borsten wuchsen aus dem Kinn. Am Ende leckte sie den Löffel ab und gab ihn mir zurück. Ich fürchtete mich vor ihr und dem Geruch. Als ich einmal mit Essen kam, lag sie still, der Greisinnenmund stand weit offen. Zum ersten Mal sah ich einen toten Menschen, ich spürte ein Grauen und rannte nach Hause. Weiterlesen →


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Apr 14

Esoterik. Man kann ja nie wissen

Eine Freundin wird in der Neujahrsnacht bei Kerzenlicht ihre persönliche Tarotkarte ziehen, weil sie dann besser auf das nächste Jahr vorbereitet ist. Sagt sie. Manche Entwicklungen gehen lange an mir vorbei. In meinen Augen existieren sie nur in abgelegenen Parallelwelten. Aber plötzlich breiten sie sich aus – in der Öffentlichkeit, aber auch bei Leuten, die man zu kennen glaubte. So geht es mir mit der Esoterik.

Noch vor wenigen Jahren kannte ich nicht einmal das Wort.
Es kommt aus dem Griechischen von „esoteros“ und bezeichnet das Innere, das Verborgene. Träger esoterischer Überzeugungen glauben, dass sie mit bestimmten Mitteln und Methoden in Verborgenes vordringen und kosmische Kräfte erlangen können. Jeder sei dann im Besitz geheimen Wissens, könne seine Seele heilen, sich aus Verstrickungen lösen und erleuchten. Erfahrungen mit Phänomenen, für die moderne Wissenschaften keine oder noch keine Erklärungen haben, sind diesen Eingeweihten möglich: Kontakte mit Verstorbenen, die Zukunft voraussagen, Nachrichten von Geistern empfangen. Solche Sachen.

Es geht um Übersinnliches – um das, was über unseren Sinnen, dem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, steht.

Medienpräsente Leute berichten immer mal wieder von solchen Erlebnissen. Harald Glööckler, Modemacher und Unternehmer, sah sehr helles Licht in seiner Berliner Wohnung, er empfindet sich seitdem als Erleuchteter und weiß sich von Engeln begleitet. Die frühere Fußballerfrau und Designerin Claudia Effenberg glaubt an gute Geister, weil ihre kleine Tochter einen guten Geist gesehen, gesprochen und angelächelt hat. Sylvie van der Vaart, Moderatorin, lässt sich von einer Sterndeuterin beraten. Cher, Sängerin und Schauspielerin, geht zur Wahrsagerin, so wie bis zu seinem Tod auch Francois Mitterand, französischer Staatspräsident. Shirley MacLaine glaubt an Wiedergeburten: In einem früheren Leben war sie eine ägyptische Prinzessin, und ihr kleiner, niedlicher Hund Terry ist die Reinkarnation des ägyptischen Gottes Anubis. Die Schauspielerin hat auch mehrfach Ufos gesichtet. Der Trainer Giovanni Trapattoni sprühte bei der WM 2002 geweihtes Wasser auf das Fußballfeld. Schneller als bei den anderen genannten Beispielen war in Trapattonis Fall zu erkennen, dass der ganze Zauber nicht geholfen hat.

Esoterik, früher als „New Age“ bekannt, ist eine von vielen irrationalen Strömungen unserer Zeit – manches überschneidet sich mit Praktiken im Okkultismus, Transzendentales Denken, Parapsychologie, Spiritualität, Aberglauben, magische Techniken – und manches ist sehr speziell. Gemeinsames Streben ist eine aufmerksame – man sagt in diesen Kreisen „achtsame“ – Haltung gegenüber geheimen Kräften und Energien, einem Urwissen. Das Ich sieht in seine Seele und zieht sich in Wunschwelten zurück, vielleicht um aus Angstwelten zu flüchten.
Politische oder soziale Ziele spielen keine Rolle. Alle Ereignisse werden nur auf das eigene Subjekt bezogen. „Esoterik ist ein Zerrspiegel der Gesellschaft“ schreibt der Sachbuchautor Johannes Fischler.

Auch Religion hat wenig damit zu tun: Religiöse Menschen erkennen Gott oder Götter als oberste Richter an – in den irrationalen Lehren aber ist der Einzelne allmächtig und kann sich nach Belieben kosmischer Energien bedienen.

In diesen Tagen beschäftigen sich viele Menschen mit Fragen nach dem nächsten Jahr. Was bringt es? Was könnte man schon vorher wissen?

Ich selber habe mich viele Jahre am Bleigießen beteiligt, bei guten Freunden zu Silvester. Das war ein Spiel, bis die Glocken läuteten. Jeder am Tisch interpretierte das erstarrte Zufallsgebilde der anderen Bleigießer freundlich – „Ach, eine Sonne.“ „Ein schöner Mann im Profil.“ „Sieht wie ein Geldstück aus.“ Oder auch: „Das ist nichts, Du darfst noch mal.“ Um Mitternacht standen wir am Fenster und sahen in den Lichtkaskaden sprühenden Himmel über Berlin.

Ich glaube nicht, dass sich jemand an dem Gedanken festhält, mit viel Krach böse Geister zu vertreiben. Aber so fing das mal an. Ursprünge gehen leicht verloren.

Heute kaufen die Leute vor Silvester Feuerwerk, wofür sie unvernünftig viel Geld ausgeben. Nachbarn schenken sich Glückskleetöpfchen. Am 31. Dezember sucht man Gesellschaft, setzt Hütchen auf, feiert, trinkt. Wenn der Zeiger auf zwölf steht, stoßen alle Freunde und Fremde ihre Gläser aneinander. „Prosit Neujahr!“

Im Internet finde ich ein paar esoterische Tipps für die Jahreswende: Bevor man seine Kanonenschläge abschießt, soll man Sigillen darauf malen, das sind persönliche Wünsche in symbolischer Form, für unsereinen unlesbar. Man soll Entfremdungszaubereien veranstalten – ärgerliche Gegenstände in die Hand nehmen oder negative Gedanken auf Zettel schreiben, alles draußen um Mitternacht vergraben und laut sagen: „Ich trenne mich von dir.“ In anderes Ritual empfiehlt das Abschrubben der Türen und Fenster mit viel Salz. Im „Kleinen Lexikon des Aberglaubens“ steht, dass dem Salz eine starke antidämonische Kraft zugeschrieben wird. Hat also Sinn.

Weil ich nun schon in Esoterikforen unterwegs bin, informiere ich mich auch noch über den Weltuntergang, der nach dem Maya-Kalender bekanntlich am 21.12. 2012 stattfinden sollte. Passiert das eventuell dieses Jahr? Aber nach einem jetzt im Dschungel von Guatemala entdeckten, viel älteren Kalender gingen die Mayas von Zeiträumen aus, die deutlich über 2013 hinausreichen und den Druck rausnehmen.
Rituale bewegen sich zwischen Spiel, Tradition, Aberglauben, Vorsichtsmaßnahme und Selbstberuhigung, jenseits der Naturwissenschaften und Logik.

Im Alltag begegnen wir Rücksichtsmaßnahmen auf den Aberglauben: Weil die Zahl 13 in unserer Kultur als Unglückszahl gilt, gibt es in den meisten Flugzeugen keine Reihe 13, in vielen Hotels keine Etage 13, in manchen Krankenhäusern kein Zimmer 13. Im Motorsport wird die Startnummer 13 normalerweise nicht vergeben. Ich hatte am 13. Dezember, der dieses Jahr ein Freitag war, eine kleine Feier zu Hause. „Mutig!“ sagte jemand.

Aberglaube ist eine naive Strategie, die Hoffnung nährt und Unglück vermeiden will. In ihrem Roman „Heimsuchung“ schreibt die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über Hochzeitsbräuche vor hundert Jahren. Drei Seiten lang geht das so: „Die Braut darf nicht…“, „Der Brautzug muss…“, „Um zwölf Uhr nachts wird…“, „Bei der Hochzeit selbst soll…“, „Meldet sich zuerst eine Henne, wird.. .“ Es sind irre Auflagen, aber wenn die jemand einhielt, konnte er später wenigstens behaupten, alles seiner Person Mögliche für eine gute Ehe getan zu haben.
Dem Aberglauben wird mit Nachsicht begegnet. Warum auch nicht? Vielleicht hilft es ja doch.

Jogi Löw trug 2010 während der WM denselben blauen Pullover als Glücksbringer. Michael Schumacher setzte früher alle Hebel in Bewegung, um immer mit einer ungeraden Nummer an den Start zu gehen. Der rumänische Fußballer Adrian Mutu zieht seine Unterwäsche verkehrt an, links rum. Zahlreiche Kandidaten von Günther Jauch kommen mit Püppchen, die sie als Fetisch zum Millionär machen sollen.

Ich wusste von einer Freundin, einer begabten Dokumentarfilmerin, dass sie ein bisschen abergläubisch ist. Auf meine Anfrage schickte Gabriele eine Mail, die so lang war, dass ich hier nur eine Auswahl anbiete: Bei der ersten Übernachtung an einem fremden Ort verneigt sie sich drei Mal vor dem Spiegel, weil sich dann ihre Träume erfüllen. Wenn sie etwas vergessen hat und zurückkehren muss, setzt sie hin und zählt bis drei, bevor sie wieder das Haus verlässt. Sie lebt nach dem Mondkalender, der unter anderem die Termine für das Haare Schneiden bestimmt und für das Blumengießen. Gabriele ließ sich von einer alten Bäuerin eine Warze am Finger besprechen – vier Mal, in längeren Abständen. Die Kartoffelscheiben, mit der die alte Frau über die Warze strich, sollte meine Freundin später im Garten vergraben. Während der Behandlung wurde es Winter, und das Begraben wurde schwieriger wegen der gefrorenen Erde. Danach durfte sie sich einen Tag lang nicht die Hände waschen. Außerdem ging die Warze nicht weg.
Hallo?! Eine Dokumentarfilmerin?!

Im meiner Familie gab es nur einen Vorfall in spiritistischer Richtung: Als der Sänger von „Nirvana“ 1994 gestorben war, veranstaltete meine Tochter, damals ein halbes Kind, mit Freunden eine Seánce. Sie stellten Kerzen auf, setzten sich um einen Tisch, legten die Finger auf ein Glas und sprachen gemeinsam: „Kurt Cobain, wir rufen Dich!“ Das Glas soll ein bisschen gewackelt haben.

Ich glaube nur an die Naturwissenschaften und an mich.
Ich lese keine Horoskope, beobachte keine Wege schwarzer Katzen, ich klopfe nicht auf Holz und traue keinem Liebeszauber. Ich habe keine Scheu, zwischen Weihnachten und Silvester Wäsche zu waschen. Ich gehe durchs Leben, ohne die minutengenaue astrologische Konstellation bei meiner Geburt erforscht zu haben. Allein das hält eine andere Freundin, eine Fotografin, für unvorstellbaren Leichtsinn.

1992 führte ich ein Interview mit der Schweizer Geistheilerin Uriella, die dem Orden „Fiat Lux“ vorstand. Sie nannte sich „Das Sprachrohr Gottes“ und behauptete, Hirntumore wegstreichen zu können. Ich erfuhr damals unter anderem, dass Dämonen im Magma unserer Erde leben und dass bei Bohrungen in 16 Kilometer Tiefe versehentlich die Hölle angebohrt worden war, was ihr der Heiland bestätigt habe. Obwohl Uriella meine eigene, ungewöhnlich starke Aura lobend erwähnte, wurde ich keine Jüngerin.

Ich bin immun gegen alle Farben der Irrationalität.
Aber der allgemeine Trend geht in die andere Richtung.

Das Unerklärliche ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wird aufmerksam zur Kenntnis genommen.

Die Wochenzeitschrift Spiegel nahm in der 52. Woche dieses Jahres eine Geschichte über den „Glauben der Ungläubigen“ auf den Titel. Der beunruhigend faktenreiche Text stellt eine tiefe Anfälligkeit des Menschen für übersinnliches Denken fest: „Niemand ist wohl ganz frei vom Glauben ans Übernatürliche.“

Die Berliner Zeitung veröffentlichte Anfang Dezember das Porträt eines 66-jährigen Mannes aus Kassel, der sich als Orientale verkleidet Ashlati El Fantadu nennt. Mit Handlesen, Tarot-Karten und einer Glaskugel verdient er Geld, offenbar ausreichend. Am Ende, sagt der Mann, müssten sein Gast und er mit dem Gespräch zufrieden sein. Das schränkt die Breite seiner Verheißungen deutlich ein.

Mitte Dezember berichtete die Wochenzeitung Die Zeit über einen bärtigen Mann, einen ehemaligen Ostdeutschen übrigens. Das ist überraschend, weil Ostdeutschland auf dem Feld des Spiritismus den Westdeutschen weit hinterherhinkt. Aber dieser Mann, Hermann S., 59, Gärtner aus Glauchau, reist nach Jerusalem, weil er sich als Nachfolger des Messias sieht und die Welt retten will. Er sagt: „Es ist doch so: Wir sind alle Nachfolger von Jesus, nur einer muss den Job halt machen. Ich zieh das Ding jetzt durch.“ Lerne leiden, ohne zu klagen.

Der Boulevard berichtet traditionell und zuverlässig über Beziehungen zwischen Menschen und irrealen Erscheinungen. Märtha Louise ist die Schwester des norwegischen Thronfolgers. Sie gehört als Expertin für Engel zum ständigen Personal. „Sie sind hier, mitten unter uns. Wir müssen nur lernen, unsere Engel wahrzunehmen.“ Eine Journalistin der Illustrierten Gala fragt: „Können Sie auch meinen Engel sehen?“ Die Prinzessin, die an ihrer Engelschule auch Hellsehen unterrichtet, lächelt: „Ja, er steht direkt hinter dir.“

Das „Engel-Magazin“ habe ich erst jetzt entdeckt. Heft 1/2014 empfiehlt den „Mondhaus-Shop“ für Produkte, „mit denen Sie die Engel ins tägliche Leben einladen“.

Nach einer Forsa-Umfrage von 2005 glaubten zwei Drittel der Deutschen an Engel – das wären zwei Prozent mehr als der Anteil derer, die an Gott glauben. Der Spiegel meldete aber soeben nur noch 38 Prozent Engelgläubige. Vielleicht sind es wirklich weniger geworden. Eine Frau, die an Engel glaubt, kenne ich. Sie ist Hotelmanagerin, ich hielt sie für eine besonders vernünftige Person. Jetzt lernt sie in Engelkursen, wie man traurige Gedanken in klares Wasser einrührt, bis es sich schwarz verfärbt, weil es die Traurigkeit abzieht.

Die Wochenillustrierte Bunte druckte 2010 eine Serie – „Die Macht der übersinnlichen Kräfte“. Service spielte eine große Rolle: Angebote, Adressen und Preislisten für Pendeln, Kartenlegen, Wahrsagen, Kontakte mit Verstorbenen und viel mehr. Eine Dame bot telepathische Verbindung mit verstorbenen Haustieren an. Und das ging so: Der Kunde schickte ein Foto seines Lieblings, zahlte 55 Euro auf ein Konto und durfte dann sieben Fragen stellen. Die Dame leitete die an das Tier weiter und überbrachte seine Antworten. Die Serie war frei von Ironie und konnte ab dem zweiten Teil jede Woche begeisterte Leserbriefe veröffentlichen. Danach fühlte ich mich zum ersten Mal wie das Mitglied eines aussterbenden Stammes.

Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht vernünftig und überzeugend. Es ist schwer, für sie Verantwortung zu übernehmen, wenn man in Ersatzwelten fliehen kann, die zudem, durch die Bank, mit Überlegenheit und heilsamen Kräften locken. Alles wird versprochen, nichts wird garantiert.

Und manchmal passiert Unglaubliches: Ich hatte einen Kollegen, der bei Mondschein die Gürtelrose meiner Mutter besprach. Sie heilte ab, auch wenn sich alles in mir sträubte, das anzuerkennen. Ernsthafte Studien beweisen, dass die Einnahme von Plazebos – Lateinisch: Ich werde gefallen – dieselben medizinischen Erfolge erzielen kann wie Arzneimittel. Bestimmt wurden Kranke durch Bachblüten-Therapie, Globuli oder Meditation gesund. Denn der Glaube versetzt Berge.

Aber nicht alle.

Am 17. Dezember veröffentlichte das „British Medical Journal“ eine Studie: Von 7870 amerikanischen Teenagermütter behaupteten 45, niemals Sex gehabt zu haben. Die Leiterin der Studie, wähnte sich einer Entdeckung auf der Spur: Es könne sich um unbefleckte Empfängnisse handeln. Aber die jungen Mütter kamen aus religiösen Familien und wollten wohl nur keinen Ärger. Die Studie wird wissenschaftlich bezweifelt.

Aber die Idee der Wunder ist zur materiellen Gewalt geworden. Zum Markt. „Esoterik ist die ersatzreligiöse Produktivkraft des 21. Jahrhunderts“, schrieb der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz schon vor Jahren.

Viele Menschen lesen Horoskope, nehmen homöopathischen Mittel, die der Hausarzt empfohlen hat, meditieren oder machen Yoga. Darum herum entstanden sehr profitable Geschäftsmodelle und Verkaufstrategien aus Luftblasen.

Jedes Jahr finden in Deutschland 20 Esoterikmessen statt. Der Umsatz der Branche wurde 2011 auf 25 Milliarden Euro geschätzt, Prognosen errechneten 35 Milliarden Euro für das Jahr 2021. Die deutsche Bierindustrie bringt es auf 9 Milliarden Euro.

Spiritualität kann man wie eine Dienstleistung kaufen und auch das Zubehör. Die Berliner Esoterikmesse kündigt sich für Februar 2014 so an: Ganzheitliche Lebensberatung, geistige Heilmethoden, Amulette, Auraphotographie, Aura-Soma, Aura-Chakra-Analysen, Ayurveda, bioenergetische Produkte, Duftöle- und Duftlampen, Didgeridoos, Engelbilder, Edelsteine, Essenzen, Feng-Shui Produkte, Himalayasalz, Kristalle, Klangschalen, Kräutermischungen, kolloidales Gold und Silber, lebende Hölzer, Lichtwesenessenzen, magische Öle, Meditationsmusik, Magnetfeldtherapie, Ohrkerzen, Pendel, Pyramiden, Räucherwerk, Runenorakel, Ruten, Salzkristalllampen, Steinheilkunde, Symbolschmuck, schamanische Produkte, Tachyonen, therapeutische Musikinstrumente, Traumfänger, Weihrauch, Windspiele, Zimmerbrunnen.
Die Hälfte der Angebote habe ich rausgekürzt, damit nicht zu viele Leser aussteigen.

Im Internet stehen 400 000 Einträge über Seelenwanderung, man findet Anzeigen für Börsen- und Finanz-Astrologie, Anleitungen zum Wahrsagen oder Kaffeesatz-Lesen: „Jeder kann es!. Dein Schicksal aus der Tasse.“

Relativ neu ist „feinstofflich aktive Bettwäsche“ der deutschen Online-Firma Ni-Ma. Die Bettwäsche soll einen „astral ungestörten Schlaf“ ermöglichen, vorausgesetzt die Symbole auf der Bettwäsche werden vor dem Schlafengehen mit einem „kosmisch übermittelten Code“ aktiviert. Dazu lege man die linke Hand auf eines der am Stoff aufgedruckten Symbole und spreche laut den Markennamen „Ni-Ma“ oder den in der Anleitung zu findenden Code des Symbols. Dem Geschäft mit der „feinstofflich aktiven Bettwäsche“ soll ein Konzept zugrunde liegen, das auf nachweisbaren Erkenntnissen der Quantenphysik beruht.
Völlig verrückt. Oder?

Aber jetzt kommt das wirklich Peinliche: Esoterik ist Frauensache. Weiblich, ab 40, auf der Suche nach sich selbst, ganz gut situiert, nicht ganz ausgelastet. Mehr als zwei Drittel der spirituell Interessierten sind Frauen.
2010 kam das entsprechende Fachblatt heraus: „Happinez“, sehr schönes Papier, sehr guter Druck, edles Layout, jede Ausgabe folgt einer anderen Grundfarbe – für 4.95 Euro im Bauer-Verlag. Der Chefredakteur Uwe Bokelmann sagte im Interview: „Es ist eine einzigartige Zeitschrift für Frauen, die nach Wegen suchen, ihrem Leben neue Impulse zu geben, ihren Horizont zu erweitern. Happinez will eine Inspiration sein für seine Leserinnen, einzigartig in allen Belangen und gemacht für intelligente Frauen mit hohem Einkommen und hohem Anspruch an ihr Leben.“

Wenn eine Zeitschrift lächeln und kuscheln könnte, dann wäre es Happinez. Stilles Einverständnis mit der Leserin, höchstens sanfte Vorwürfe, dem eigenen Glück im Wege zu stehen. Ein Wortschatz aus Floskeln, aber schöne Kochrezepte. Die Botschaft auf dem ersten Titel hieß „Liebe“, die folgenden hießen „Balance“, „Ankommen“, „Folge deinem Herzen“, „Erwachen“, „Loslassen“, „Intuition“.

Neben mir liegt das aktuelle Heft mit dem Titel „Verwandlung“. Ich schlage eine zufällige Seite auf: „Oft meinen wir, unser inneres Licht nicht ertragen zu können, und beginnen, uns eine Persönlichkeit zu erschaffen, die das Licht verdeckt und verdunkelt.“ Das ist kein Gedanke, nur eine irritierende Unterstellung. Fast alle Texte sind so gestrickt. Macht es glücklich, sich nur mit sich selber zu beschäftigen? Wer alles ausblendet, das negative Gefühle auslöst, lebt lächelnd allein im Kokon, gesellschaftsblind, ohne Verantwortung, unfähig zur Solidarität.

Auf der Suche nach Erleuchtung fliehen erwachsene, gebildete Frauen aus der wirklichen Welt. Könnten sie nicht besser kleinen türkischen Jungs beim Lesenlernen helfen? Nur mal als Beispiel.

Berliner Zeitung 28./29.Dezember 2013, April 2014 bearbeitet


15
Apr 14

Klamotten runter

Alle sind nackt, und keiner sieht hin. Beim FKK begrüßen sich zwei Stammkunden Ende April mit Handschlag und wünschen „Gutes Neues Jahr!“ Sie sehen sich ja immer nur während der warmen Tagen und beweisen der Welt, dass man auch unter deutscher Sonne braun werden kann. Man muss nur oft her kommen können. Deshalb sind die Rentner am braunsten. Betagte nackte Paare spazieren Hand in Hand. Wie in einem Paradies, das in die Jahre gekommen ist.

Die ersten Menschen der Schöpfungsgeschichte waren nackt und schämten sich nicht. Später ist viel passiert, aber auch heutzutage liegen an manchen Orten Nackte zwischen Nackten. Und ich selber mitten drin.

Das hat mit meiner Kindheit zu tun: mit illegalem FKK an der Ostsee, Anfang der fünfziger Jahre. Meine Eltern mieteten jedes Jahr eine private Unterkunft in Ahlbeck, das war auch illegal. Der Strand reichte bis an die polnische Grenze. In einer Art Niemandsland machte eine kleine verwegene Schar Urlaub ohne Kleidung.

Mein attraktiver, gut gebauter, schnell bräunender Vater galt hier als König. Nur der König durfte ein bestimmtes Kommando geben, wenn auf dem Meer wieder die Spanner heranruderten. Dann schrie mein Vater: „Uuhhaahh! Uuhhaahh!“ Die Nackten stürmten ins Wasser und kippten die Boote um. Ich sah als kleines Mädchen vom Ufer zu und war stolz.

Mein Vater schippte gerne Burgen. Zu Hause in Berlin war er Brunnenbaumeister, deshalb grub er wohl auch am Strand so tief, bis Grundwasser kam. Meine Mutter – Schlesierin, katholisch, dem FKK nicht zugeneigt – legte nur den Büstenhalter ab und zeigte sich nicht weiter. Aber weil sie meinen lebensfrohen Vater unter Kontrolle haben wollte, harrte sie mit einem grünen Strickschlüpfer in der Nässe aus, die in der Grube stand.

Das Ministerium des Inneren der DDR erließ 1954 ein Verbot: FKK sei nicht vereinbar mit sozialistischer Moral. Der erste Kulturminister, Johannes R. Becher, argumentierte als Schöngeist: FKK sei „im Interesse der Ästhetik nicht zu vertreten“, er schloss mit Pathos: „Habt Mitleid! Zeigt Erbarmen! Schont die Augen der Nation!“

Die Sittenpolizei lag nun mit Ferngläsern in den Dünen. Die Nackten malten mit dem Tuschkasten Bikinis und Badehosen auf den Körper, um die Sitte zu foppen. Wer trotzdem geschnappt wurde musste, in Handtücher gewickelt, auf die Wache. 150 Mark Strafe oder ein paar Tage Haft. Um die ostdeutschen FKK-Pioniere wehte ein Hauch von Rebellion.

Aber die Nackten wurden immer mehr, die Obrigkeit konnte nicht überall aufpassen. Intellektuelle und Künstler, sogar welche mit Nationalpreisen, protestierten und beriefen sich auf Freikörperkultur als Arbeitertradition. Zwei Jahre später wurde das Verbot aufgehoben. Mir fällt kein anderes Verbot ein, das die DDR aufgehoben hätte.

Die Nackten an der Ostsee mochten keine Textilträger, die am Ufer entlang schlenderten und gafften. Der Umgang wurde geregelt: Jeder Durchwanderer zog sich aus, solange er im ausgewiesenen FKK-Bereich war. Bei Gruppen musste sich nur der Erste ausziehen, alle anderen passierten in voller Montur. Jahre später lagen Unbekleidete und Angezogene friedlich nebeneinander. Am Wasser, auf der Wiese. Jeder, wie er wollte. Keine Schilder. Es war so üblich.

FKK wurde zur einzigen freiwilligen Massenbewegung der DDR – eine nicht organisierte, familiäre, unbekümmerte Szene bis zum letzten Baggerloch. Keine Politik. Nur Klamotten runter. Wir sind so frei.
1980 bekannten sich in der DDR 80 Prozent der Bevölkerung zum Nacktbaden.

Ost- und Westdeutsche haben Erfahrungen mit der Prüderie der Nachkriegszeit gemacht, unter Adenauer, unter Ulbricht. In beiden deutschen Staaten lockerten sich die sexuellen Sitten. Es gab trotzdem einen Unterschied in den gesellschaftlichen Konventionen. Was gehört sich und was nicht?

Die DDR war ein kleinbürgerliches Land, aber es war nicht katholisch, es war auch sonst wenig religiös. Vielleicht zeigten sich deshalb viele Leute nackt in der Öffentlichkeit, ohne sich zu schämen.

„Schämt ihr euch denn gar nicht?“ Ein älteres Ehepaar aus Hamburg steht im Sommer 1990 am Strand von Warnemünde schimpft und meint auch mich. Bei den Kurverwaltungen an der Ostsee gehen Beschwerden westdeutscher Badegäste ein. Eine Frau aus dem Schwarzwald empört sich im Deutschlandfunk: „Sie sollen sich abgrenzen. Die meisten sind wüst und hässlich. Die Freiheit, die die Nackten sich herausnehmen, ist für andere eine Zumutung.“ Ein Ostler hält in einem Leserbrief im „Magazin“ dagegen: „Nun kommen die Wessis, bringen uns die Pornohefte, die Peepshows und den Telefonsex und erklären uns, wie unmoralisch unästhetisch und absolut unpassend FKK ist.“

Der erste Ost-West-Konflikt entzündet sich an der Nacktheit, nach und nach entwickelt sich ein Kulturkampf. Im Jahr 1999 sind zum ersten Mal mehr westdeutsche Gäste an der Ostsee als ostdeutsche: 52 Prozent. Die Bildzeitung entdeckt im Juli den „Nacktkrieg“.
Der „Spiegel“ kämpf – wie der erste DDR-Kulturministe – für das Ästhetische: „Doch was will er eigentlich, der nackte Mensch, der nicht am FKK-Strand, sondern mitten unter uns seine primären Geschlechtsmerkmale präsentiert, als gehörten sie zur Auslage einer Ladengalerie? Will er uns – mit Rousseau, Loriot und den Sprüchen vom Damenklo – zurufen, dass Natur überall und immer schön sei? Wir alle wissen: Die Wahrheit sieht anders aus. Sie trägt Hängebauch, hat fleckige Haut und krumme Beine, während ihr Protagonist mit dem winzigen Vorderlader übers Gelände paradiert wie ein taumelnder Spatz, der sich zum Pfau berufen fühlt…. Deshalb fordern wir: Nfor-Truppen an die Ostseefront. Entwaffnung aller Nackten. Zieht ihnen die Hosen an.“

Der Autor sollte einmal nach Montalivet-Les-Bains an den Atlantik fahren.

Das Camp entstand 1950 als eines der ersten Naturistenzentren der Welt. Naturisten sind eine Gruppe mit Grundsätzen. Es geht um Verbundenheit mit der Natur. Man soll Wasser sparen, keinen Müll hinterlassen, keinen Nachbarn stören, nur leise Radio hören, möglichst nicht rauchen. Und: Man soll nackt sein unter Tausenden von anderen Nackten. Am Anfang habe ich gefremdelt. Ich probiere im Schuhgeschäft auf dem Dorfplatz Sandalen an. Als ich mit dem Kopf hochkomme, hängt mir die Männlichkeit des Verkäufers vor der Nase. Aber ich schwöre: Man gewöhnt sich.

Immer bin ich umgeben von Adams und Evas und ihren Kindern. Von diesem Ort geht etwas Biblisches aus. Menschen in allen Lebensstadien sind dabei. Schöne Körper, gezeichnete, gebrechliche. Die Camper sprechen viele Sprachen und lächeln, wenn sie sich begegnen. Kein Zank, kein Stress. Allerdings gibt es einen Zaun und eine Schranke am Tor. Die Bewachung soll heimliche Beobachter abwehren, die fremder Leute Nacktsein betrachtenswert, aufregend, erregend finden.

Auf dem Lake Travis kenterte vor wenigen Jahren ein Boot, weil alle 60 Passagiere auf die Seite drängten, von der der einzige öffentliche FKK-Strand von Texas zu sehen ist. In Bulgarien können Frauen nackt am Strand liegen. Dafür müssen sie sich aber hinter Bretterwände zurückziehen, in die Männer Gucklöcher gepult haben. Aus dem Englischen Garten in München – erstes innerstädtisches Nacktbadegebiet – ziehen sich immer mehr Frauen zurück, weil das Anstarren nervt, besonders von Männern aus Ländern, die keinen FKK kennen.

Im Islam ist Nacktheit extrem eingeschränkt. Vor sechs Jahren stellte ein ägyptischer Rechtsgelehrter in einem religiösen Gutachten fest, dass Nacktheit beim Akt die Ehe ungültig mache. Er löste in seinem Land eine erregte Debatte aus, die aber weniger lange dauerte als die in den USA nach dem Super Bowl 2004: Während des Auftritts in der Halbzeitpause wurde eine nackte Brust der Sängerin Janet Jackson sichtbar, Sekunden später erloschen alle Scheinwerfer. Skandal. Strafanzeigen empörter Amerikaner wegen unsittlicher Entblößung. Die verantwortliche Mediengesellschaft Viacom muss 3,5 Millionen Dollar bezahlen. Seitdem werden in den USA die großen Veranstaltungen – auch die Oscar-Verleihung – mit fünf Sekunden Verzögerung ausgestrahlt, um mit Schnitten Schlimmes zu verhindern.

Jede Überzeugung fordert andere Überzeugungen heraus. Nicht nur, aber besonders in Deutschland, sind Bestrebungen entstanden, in vielen Lebenslagen nackt zu sein: „Nacktiv“. Nackt beim Wandern, Joggen, Rudern, Reiten. Zum Nacktrodeln kamen 25 000 Zuschauer in den Harz. Im Juni fand ein Welt-Nackt-Radel-Tag statt. 300 Nackte besuchten in Wien die Ausstellung „Nackte Männer“. 3000 Menschen buchten eine FKK-Kreuzfahrt durch die Karibik. Auf Youtube ist ein Video zu sehen: junger Norweger beim Skispringen. Nackt im Wind.

Mir selbst genügt eigentlich ein See nördlich von Berlin, das Schild „FKK-Bereich“ steht neben einem Baum oben am Weg. In diesem heißen Sommer war ich mehrmals da. Es hat sich was verändert.

Die Nackten sehen mit bunten Tattoos und Piercings nicht wie nackte Körper aus, eher wie Bilder. Unter FKK-Freunden gehört es sich nicht, jemanden anzustarren. Bei einem Paar in der Mitte des Lebens fällt das schwer. Beide durchtätowiert, okay. Beide richtig dicke Ringe durch die Brustwarzen, okay. Aber unten rum ist auch viel los. Der Penis ist penetriert mit mehreren Ringen. An der Scham der Frau hängt eine kleine Kette raus. Eine Kette? Zum Läuten? Klingelingeling, hier kommt der Eiermann? Wie kommt so ein Paar durch die Metalldetektoren bei der Flugsicherheitskontrolle? Das sind so Fragen.

Am meisten irritiert das Eindringen bekleideter Badegäste. Eine Tussi im Pink-Bikini telefoniert laut und läuft dabei ungerührt zwischen uns durch. Junge Paare vom Textilstrand gehen bei uns ins Wasser und lieben sich im Stehen, man sieht es an den schnellen kleinen Wellen.

Letztes Wochenende waren die Nackten bereits in der Minderheit. Überall lagen Leute in Bikinis, Badeanzügen, Badehosen. Angezogene pubertierende Jugendliche, die normalerweise keinen Fuß in einen FKK-Bereich setzen, sahen sich vorsichtig um. Und plötzlich schämte ich mich, so ohne alles.

Berliner Zeitung 10./11.August 2013, April 2014 bearbeitet


14
Apr 14

Irrtümer

Manche Dinge gehören zum Leben, auch wenn man persönlich auf sie verzichten möchte. So geht es mir mit den Irrtümern, aber größere Geister setzten sie in noble Zusammenhänge – wie Goethe: „Es irrt der Mensch, so lang er strebt.“ Oder wie Hegel: „Irrtum ist ein Moment in der Entwicklung der Wahrheit.“

Das erlebte ich 2009 bei einer ausverkauften Veranstaltung der Akademie der Künste, der 80. Geburtstag von Christa Wolf wurde gefeiert. Ich hatte mich mit einem kleinen Text am Gratulationsbuch beteiligt und war deshalb eingeladen. Meine Eintrittskarte reservierte einen Sessel in der allerersten Reihe. Ich fühle mich geschmeichelt. Mein Platz ist sogar in der Mitte, und Klaus Staeck, der Präsident der Akademie, sitzt neben mir. In seinen Augen steht Verwunderung. Da kannste mal sehen, denke ich.

Applaus, Christa Wolf kommt mit Familie und Freunden in den Saal. Jemand zeigt auf meinen Sessel. Der Akademiepräsident sieht meine Karte an und sagt, dass ich nicht hierher gehöre, nicht in die A-Reihe. Der A-Reihe folgen in diesem Haus übrigens noch B-, C-, D- und E-Reihen. Und dann erst kommt Reihe 1, meine Reihe. Mein Aufstehen erregt Aufsehen. Es wird dunkel, während ich meinen Platz, Entschuldigungen murmelnd, suche. Fotos von damals stehen im Internet, auch dieses: Auf meinem irrtümlich eingenommenen Platz sitzt Christa Wolf neben Klaus Staeck.

Irren ist menschlich.

Drei Männer, Steve Jobs, Ron Wayne, Steve Wozniak, gründeten 1976 die Firma Apple. Ron Wayne nahm elf Tage später seine Einlage von 800 Dollar zurück: Er war unsicher geworden, ob das Geschäft durchhalten würde. Es kam ganz anders. Ein BBC-Reporter irrte sich auch. Im September 2013 moderierte er die News mit einem Packen Druckerpapier in der Hand. Zuerst dachten die Zuschauer, dass der Packen etwas mit der Nachrichtenlage zu tun hätte. Hatte er aber nicht. Der Sender erklärte später, dass sein Anchorman nach seinem Tablet-PC hatte greifen wollen. Er sah nicht genau hin und hielt dieses Papierpaket, eine ganze Live-Ansage lang.

Irrtümer sind falsche Annahmen, aber derjenige, der sie verbreitet, ist von ihrer Richtigkeit überzeugt. Insofern ist der sich irrende Mensch eine ehrliche Haut. Anders als der Fehler verursacht der Irrtum meistens keinen Schaden, denn er ist aufzuklären.

Ein Kollege vom „Stern“ und seine schöne Frau luden in der dunklen Jahreszeit zum Spiele-Abend ein. Ich kam neu in die Runde, suchte die Hausnummer und las ohne Brille den Namen auf einem schwach beleuchteten Klingelschild. Eine Frau meldete sich, ich sagte: „Hier ist Regine, zum Spiele-Abend.“ „Komm rauf. Treppenlicht ist kaputt“, sagte die Frau und drückte den Türöffner.

Nur von ganz oben fiel Licht aus einer Wohnung in den Treppenschacht. Der berühmte Kollege wohnt aber bescheiden, dachte ich. Komm rein“, sagte die Frau. Ich kannte sie nicht, es war still hinter ihr. Sie rief in ein Zimmer: „Regine ist da, zum Spiele-Abend!“ Ein Mann saß am Computer und drehte sich lächelnd um: „Können wir machen.“ Ich kannte auch den Mann nicht. „Es ist ein Irrtum“, sagte ich leise und zog mich zurück, dem Paar war nun auch klar, dass mich keiner von beiden kannte. Falsche Hausnummer, aber sehr, sehr nette Leute. Auf dem Namensschild sah ich, dass dem Gastgeber im Vergleich mit dem Netten Paar ein Buchstabe gefehlt hätte. Minuten später stand ich im Lift, war Gast unter Gästen in einer erlesenen Wohnung und konzentrierte mich auf die Siedler von Catan.

Der Irrtum hat eine lange Geschichte, in der sich, beinahe zu jedem Thema, Beweise seiner Existenz finden. Die sich irrenden Personen sind oft Fachleute, denen es an nur Vorstellungskraft fehlt.

Einige Beispiele für meine Vermutung:

„Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und wird es keine Einheit geben. Das ist so sicher und so klar wie die Tatsache, dass der Regen zur Erde fällt.“ (1981, Erich Honecker)

„Die Annahme, dass die Sonne im Zentrum steht und sich nicht um die Erde dreht, ist töricht, absurd, im theologischen Sinne falsch und ketzerisch.“
(Inquisition zu Galileo)

„Ich bin überzeugt, dass weltweit ein Bedarf nach nicht mehr als fünf Computern besteht.“ (1943, Thomas J. Watson, Präsident von IBM)

„Wer in drei Teufels Namen will schon Schauspieler sprechen hören?“ (1927, H.M. Warner von Warner Brothers).

Mein Lieblingsirrtum stammt aus dem Jahr 1899 vom Leiter des amerikanischen Patentamtes: „Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden.“
Der Mann hat sein Pulver zu früh verschossen.

Brigitte Woman 01/14, April 2014 bearbeitet


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Vertrauen und Misstrauen

Um an den Rätseln der Welt nicht zu verzweifeln, mache ich mir bestimmte Vorgänge anschaulich. Zum Beispiel wenn ich Namen vergesse. Gespräche mit Freunden verenden so: „Meine Lieblingsschauspielerin ist die… du kennst die… eine Blonde… vor paar Jahren war sie für den Oscar nominiert und hatte mal eine Affäre mit dem… mit dem… der immer so traurige Rollen spielt… Mann!“ Keiner kommt drauf, und für Google sind die Informationen zu dürftig. Aber ich glaube, dass mir der Name irgendwann einfällt, und so stelle ich es mir vor: Mein Unterbewusstsein fährt mit dem Lift runter, läuft durch Korridore. Es öffnet Türen und ruft den Namen. Es findet ihn, packt ihn am Kragen, fährt nach oben und legt ihn auf meine Zunge.

Für alles, was ich nicht kann, nicht weiß, nicht ausstrahle, finde ich kindliche Erklärungen.

Ich wüsste sonst keinen Grund, warum ich nicht misstrauisch bin. Wahrscheinlich wurde der Liebe Gott – oder wer auch immer mit meiner Schöpfung beschäftigt war – bei letzten Handgriffen abgelenkt. Deshalb vergaß er, mir das Misstrauen einzupflanzen und gab mir zu früh einen Klaps auf den nackten Hintern, der mich in den Bauch meiner Mutter beförderte. Ich bin eine Unvollendete.

Ich vertraue zu viel. Ich habe bösen Menschen Geld geliehen. Eine Freundin ist mit unbekanntem Ziel verzogen, nachdem ich ihr meine Jugendstil-Kette geborgt hatte. Großspurig auftretende Handwerker erwiesen sich als Dilettanten und Zerstörer. Von meiner Bankfrau kann ich gar nicht reden, das geht mir immer noch sehr nahe.
Das Wort „Vertrauen“ wird – außer in religiösen Zusammenhängen – von herabsetzenden Eigenschaftswörtern begleitet wie: „blindes“, „falsches“, übertriebenes“. Die aus der Politik bekannte Wortfolge „Ich habe volles Vertrauen in…“ ruft reflexartige Zweifel hervor.

Die öffentliche Verbreitung von Misstrauen ist eine Säule unserer Meinungsbildung: Glaube keinem Rentenbescheid, keiner Kursprognose, keinem Hotelcheck, keiner einzigen Reality-TV-Sendung. Glaube nicht an den Wahrheitsgehalt von Kontaktanzeigen oder an Diskretion im Umgang mit deinen Daten. Glaube keinem Foto mit schönen Menschen und Körpern seit Fotoshop.

Misstrauen ist Desillusionierung.

Viele Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. Wolfgang dreht jeden Schlüssel, auch den vom Schuppen, zweimal im Schloss herum. Kaum ein Mensch nimmt noch Tramper mit. Manch einer übertreibt es vielleicht auch mit dem Argwohn. Der Regisseur, der oben in meinem Haus wohnt, verschleiert seine Abwesenheit mit Possen: Er trägt seinen Koffer die Treppe runter und erzählt mir an meiner Wohnungstür ganz laut, dass in dem Koffer schmutzige Wäsche sei, er müsse zur Reinigung und käme bald wieder. In Wirklichkeit muss er wochenlang weg zu Dreharbeiten. Weil ich mich um seine Post kümmere, bin ich als Einzige eingeweiht. Die Eckdaten für meine Briefkastenverantwortlichkeit teilt er mir per e-Mail mit, vermutlich für Fremde chiffriert.

Wer über Misstrauen nachliest, erfährt Nachteiliges. Am schlimmsten soll es als Beziehungskiller wirken. Wer misstrauisch ist, sucht ständig nach Beweisen, die seine Gefühle rechtfertigen. Das kann nicht gut gehen.

Natürlich reden die Misstrauischen nicht Klartext. Sie sagen nicht: „Ich bin ein misstrauischer Mensch!“ Nein. Misstrauen, behauptet der Regisseur von oben, habe einen Hautgout, eine dunkle Seite. Er spricht in seinem Fall lieber von „gesunder Skepsis“. Besser noch von „Vorsicht“. Richtig zufrieden ist er aber erst, nachdem ihm das Wort „Umsicht“ eingefallen ist.
Außerdem bittet er mich, immer gut auf unser Haus aufzupassen.

Letztes Jahr stehe ich am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags am Fenster. Ein junger Mann mit großer Tasche läuft auf der anderen Straßenseite. Er öffnet mit einer Karte viele Haustüren und verschwindet. Fast alle Fenster sind dunkel, viele Parkplätze leer – Weihachten ist Stoßzeit Diebesbesuche in verlassenen Wohnungen.

Ich spüre nun tatsächlich Misstrauen und rufe die Polizei an. Sie kommt ganz schnell mit blau blinkenden Fahrzeugen unter Sirenenklängen und stellt Dieb wie Tasche. Die Polizei bittet mich zum Gespräch hinzu. In der Tasche sind Pfandflaschen. Der junge Mann ist ein Sammler, er darf gehen und sieht mich böse an.

„Na denn“, sagen die Polizisten und fahren ab ohne einen Weihnachtsgruß.

Brigitte Woman 11/13, April 2014 bearbeitet