Peinlichkeiten

Ich bin eine Frau mit einer niedrigen Peinlichkeitsschwelle. Meine Angst vor Blamagen ist größer als die vor Schicksalsschlägen. Das könnte auch der Grund sein, warum ich mir vor Jahren den Alkohol so gut wie ganz abgewöhnt habe. Ich denke, dass ich nüchtern besser auf mich aufpassen kann.
Aber das stimmt nicht.

„Wer ist denn dieser schreckliche Dicke mit der lauten Stimme?“, frage ich bei einer Veranstaltung des Goethe-Instituts eine Dame, mit der ich ins Gespräch gekommen bin. „Das ist mein Ehemann.“ Eine junge Regisseurin kritisiert das Niveau des Fernsehprogramms. Ich stimme zu und verweise auf eine ältere, einfältige Moderatorin, die glücklicherweise vom Bildschirm genommen wurde. Fremde flüstern mir zu, dass eben diese Frau die Mutter der Regisseurin ist, mit der ich spreche. Vor Jahren war ich die Autorin eines Spielfilms, der auf die Berlinale kam, ins Panorama-Programm. Nach der Vorführung stand das Filmteam auf der Bühne, das Publikum konnte Fragen stellen. Eine ging an mich: „Sind Sie mit dem Regisseur intim gewesen?“ Ich wehrte empört ab – Nein, nein! Und überhaupt: Was soll diese Frage! Kollegen machten mich auf einen Hörfehler aufmerksam: Der Zuschauer hatte nur wissen wollen, ob ich mit dem Regisseur „ein Team“ gewesen wäre. Nicht „intim“. Es klingt nur so ähnlich.

Bei Peinlichkeiten gibt es einen Unterschied, ob man sie selbst verursacht hat oder ob man Zeuge ist, wenn sich jemand anders zum Affen macht. Ein Sachbuchautor erzählt immer zu früh am Abend unzüchtige Witze, er lacht allein in das Schweigen, das sich bei Tisch ausbreitet. Eine ältere Schauspielerin berichtet mit erhobener Stimme im Restaurant, bei welcher Gelegenheit (1945, die Russen) sie ihre Jungfräulichkeit verlor. Der unfreiwillige Zuhörer windet sich, aber er weiß auch, dass er eine prima Geschichte weitergeben wird. Peinlichkeiten sind Botenstoffe.

Von Peinlichkeiten leben die Formate mit versteckter Kamera. In Erinnerung ist mir ein US-Schnipsel: Eine Büroangestellte geht in einen Raum, zieht den Slip aus, setzt sich auf den Kopierer und belichtet sich von unten. Dann zieht sie sich an und geht mit dem bedruckten Blatt weg. Warum macht sie das? Wer bekommt das Blatt?

Manchmal entscheiden die Umstände, ob eine natürliche Sache peinlich wird. Ich beteiligte mich an der Abschiedszeitung für unseren geschätzten Politikredakteur, der in den Ruhestand geht. Seine heitere Frau hatte uns hinter seinem Rücken Privatfotos gegeben, auf einem war ihr Mann offenbar nackt im Garten, ich konnte es auf dem verkleinerten Ausdruck nicht genau sehen. Dann wurde die Zeitung gedruckt: Mein Kollege war tatsächlich nackt und auch im Detail scharf.

Der Chefredakteur holte die Leitenden Redakteure und Ressortleiter. Wir beugten uns über das Foto. Ich berief mich auf die Zustimmung der Ehefrau. Aber es solle ein seriöser Abschied werden, sagten andere. Viele Politiker würden kommen, es fiel der Name Westerwelle. Kurz vor dem Fest habe ich dann, Zeitung für Zeitung, mit einem dicken schwarzen Textmarker die Männlichkeit meines Kollegen übermalt. So verschwand die Wahrheit aus Angst vor Peinlichkeit, aber der Zensierte war etwas enttäuscht.

Brigitte Woman 12/06, April 2014 bearbeitet

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