Flirten

Bestimmte Dinge verlernt man nicht, sagen die Leute: Fahrrad fahren, zum Beispiel. Ich aber glaube, dass man alles verlernt, wenn man nicht in Übung bleibt.

Aus diesem Grund bin ich in einer scharfen Kurve mit Fahrrad, Rucksack und Handy in den Chiemsee gestürzt, und zwar bis zum Hals, weil der Chiemsee gerade Hochwasser führte. Ich war auf dem Fahrrad außer Training. Die Schauspielerin Katharine Hepburn konnte noch im hohen Alter Spagat, weil sie vorher an jedem Tag ihres Lebens Spagat gemacht hatte. Das habe ich, seinerzeit auch eine Spagatkünstlerin, versäumt. Jetzt komme ich bei weitem nicht mehr runter, bin außer Form. Da lief eine Werbung im Fernsehen – Mann und Frau fahren auf zwei Rolltreppen aneinander vorbei und entzünden sich durch reines Blickewerfen. Das ist mir lange nicht mehr passiert, dachte ich da. Ich stehe auf der Rolltreppe immer nur tief in Gedanken.

Ich habe das Flirten verlernt, die leichte, unangestrengte Kunst.

Ein Blick. Und ein Blick zurück. Du gefällst mir. Du mir auch. Und schon zuckt es zwei Menschen in den Mundwinkeln. Beflügelnde Geschenke, mehr muss ja nicht passieren. Auch große Orchester füllen manche Konzertabende nur mit Ouvertüren. Ich frage meine jungen Kolleginnen, wie sie flirten. Die Ausbeute ist mager. Sabine kann sich nicht erinnern, Carmen verweist auf ihre Kurzsichtigkeit. Abini erzählt, wie sie im Auto vor der Ampel wartete: Ein Mann im Auto nebenan senkte die Scheibe und wollte ihre Telefonnummer. Sie schüttelte den Kopf. „Warum nicht?“, fragte der Nachbar. „Mein Mann“, sagte sie. „Ist okay“, sagte er und fuhr weiter, sein Interesse kann nicht groß gewesen sein.

„Du musst  tiefe ernste Blicke werfen“, sagt eine Freundin. „Du musst spontan lächeln“, empfiehlt eine andere.

Mein letztes spontanes Lächeln schenkte ich einem sympathischen Herrn, der auf der Bahnhofsbank neben mir auf einen Zug wartete. Danach bat er mich, auf seinen Koffer aufzupassen und ging weg. Ich hatte mir immerhin sein Vertrauen erlächelt.

In einem Naturfilm habe ich einen Käfer gesehen, der in der Wüste so lange mit den Vorderbeinen auf den Boden trommelt, bis in weiter Ferne ein anderer Käfer aufhorcht und sich nähert, wonach es sofort zu sexuellen Handlungen kommt. An dem Vorgang stört mich das Signal der Bedürftigkeit. Einen Flirt muss man auch prüfen und beenden dürfen. Ein korpulenter Mann mit schwerem Akzent fragt mich in der Sophienstraße nach einer Adresse. Ich kann ihm nicht helfen. Er macht einen Schritt auf mich zu: „Jetzt wir uns kennen. Kaffeetasse?“

„Wenn dir ein Mann auf die Brust sieht, ist das kein Flirt, sondern ein Reflex“, behauptet meine Freundin Jutta. Ich lese, dass auch Frauen Reflexe haben: Wenn ihnen ein Mann gefällt, werben sie mit einer schnellen Auswärtsbewegung des Kopfes um seine Aufmerksamkeit, es folgt der „hair flip“ – da streicht die Hand sacht durch das eigene Haar – und dann kommt mit einem Lächeln die „Präsentation“: Die Frau kippt den Kopf um 45 Grad und zeigt so dem Betrachter ihre pulsierende Halsschlagader. Zum Zubeißen. Man kann das vor dem Spiegel üben.

Man kann sich auch im Internet orientieren, „Nur ein Klick zum Glück“, mit hunderten Flirt-Angeboten, mit Vorschlägen für SMS–Botschaften oder klaren örtlichen Einkreisungen wie „Die regierende Flirtseite im Weserbergland“. Man flirtet, aber man sieht sich nicht dabei. In den Buchläden stehen die Flirtratgeber und bieten geheime Tricks an, als ob ein unbekannter Kontinent zu erobern wäre.

Vor mehr als hundert Jahren kam der Begriff des Flirts in Meyers Lexikon.

Die unverbindliche Tändelei hatte damals gute Gelegenheiten wie Fahrten in offener Kalesche, Bälle mit Tanzkarten oder Sonntagspromenaden. Suchende streckten die Fühler aus, es gab sogar eine Fächersprache. Heute redet man von Anmachen, Anbaggern, Aufreißen – schon die Wörter klingen nach grober Mühsal.

Im Bus stellt sich ein Bursche dicht neben Jana, eine junge Journalistin, und sagt nur: „Hast du Lust?“ Das Magazin Stern druckt ein Foto auf einer Doppelseite: Sehr viele, noch kindliche Mädchen stehen hinter einer Absperrung. Sie warten auf die vier Jungs von Tokio Hotel. Die erste Reihe hat ein großes Plakat aufgestellt, darauf steht: „Wir wollen eure Schwänze sehen!“

Ich glaube aber nicht, dass sie wirklich damit rechnen.

Brigitte Woman 11/ 06

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