Immer ist was

Immer ist was. So lautet der von mir am häufigsten gedachte Satz.

Man hat sich angestrengt, man ist gerannt und hat tatsächlich alle Termine gehalten. Nun, so denke ich, müsste es doch mal eine kleine Belohnung geben: Müßiggang, Planlosigkeit, Stille. Alles hätte ich verdient. In solchen Momenten wird mir die Handtasche geklaut. Oder ich verliere mein Schlüsselbund. Oder ich bekomme Ischias.

Ich würde so gerne die Früchte meiner bisherigen Anstrengungen pflücken, Erntedankfest sozusagen. Alles bisschen runterfahren – die Erwartungen, die Geschäftigkeit oder die Abenteuerlust. Aber ich komme damit nicht durch. Mein Leben hält mich auf Trab.

Ich bin eigentlich nie krank, aber vor vier Monaten jagte ein Schmerz hinten über den Oberschenkel bis zum Knie. Nach längerem Humpeln ging ich mit Wärmflasche zu Bett, ließ mich akupunktieren, nahm Medikamente, hielt intensiv Ruhe, trieb intensiv Sport. Nichts half. Dann riet mir eine verehrte Schriftstellerin, sie ist über siebzig Jahre alt, zum Osteopathen, zu einem Zaubermann, mit dem sie selbst beste Erfahrungen gemacht hatte. Diese Behandlung entwickelte ein amerikanischer Arzt schon 1874, es geht dabei um eine Heilmethode, die den Menschen als Ganzes betrachtet. Die Kosten kann ich bei meiner Krankenkasse nicht absetzen. Aber mir war inzwischen alles egal.

Der Osteopath, ein junger, sportlicher Mann, erspürte mit bestimmten Handgriffen die Spannungen in meinem Körper und machte ein ernstes Gesicht. Wir würden uns viel Zeit nehmen müssen, sagte er. Der Ischias habe mit meiner Lebensführung zu tun, und die Ursache des Schmerzes sitze an anderer Stelle: Es gebe einen Lymph-Stau. Während der wöchentlichen Konsultation lag ich in Unterwäsche auf einer Liege, die meiste Zeit packte sich der Mann auf mich – die linke Hand unter meinem Hintern, mit der anderen massierte er meine Kaiserschnittnarbe. Ich sah an die Decke und dachte an die Schriftstellerin, es war ihr honoriger Name, den ich in meiner Lage anrief. Später sagte sie mir, dass ihr Zaubermann ein anderer Arzt in der Praxisgemeinschaft gewesen war, nur ein ähnlicher Name.

Wir reden hier dem Unerwarteten, das uns aus der Bahn wirft. Immer ist was.

Manchmal sind es Kettenreaktionen. Am einem gemütlichen Wochenende stelle ich die Kaffeemaschine an und mache Milch warm. Ich lese kurz in der Zeitung, weshalb die Milch überkocht und die Herdplatte bräunlich verkrustet. Die Papp-Lasche an einer neuen Milchpackung klemmt, ich ziehe kräftig und bespritze meinen schönen schwarzen Pullover. Ich wasche ihn weisungsgemäß bei dreißig Grad in der Waschmaschine, aber er verfilzt und schrumpft auf eine kindliche Größe.

So läuft das oft bei mir: Eben war alles noch gut, aber dann nichts mehr. Von diesem Effekt leben Filmkomödien, ich empfehle an dieser Stelle den Klassiker „Umsonst ist noch zu teuer“ mit Tom Hanks. Da beginnt ein sympathisches amerikanisches Ehepaar, ein schönes altes Haus zu renovieren und lebt am Ende verzankt auf einer Ruine.

Aber man muss nicht ins Kino gehen, um aus schöner Harmonie zu fallen. Der Intendant des Deutschen Theaters saß mit einer Mitarbeiterin und einer Sekretärin in seinem Büro. Sie tranken eine Tasse Kaffee und besprachen friedlich die Geschäfte. Da stürzte ein Schauspieler herein. Er trug ein Gewehr, richtete es auf den Chef und verlangte eine Rolle in der nächsten Inszenierung. „Jetzt wird Ernst gemacht!“, schrie er. Die Frauen flüchteten, der Intendant schlug das Gewehr herunter und schrie um Hilfe. Im Handgemenge stürzten die beiden Männer und rollten kämpfend unter den Schreibtisch, weshalb sie nicht zu sehen waren, als einige Leute, die die Hilferufe gehört hatten, ängstlich durch den Türspalt spähten. Der Intendant konnte sich selbst befreien. Das Gewehr entpuppte sich als Attrappe. Aber der schöne ruhige Arbeitstag war nun natürlich hin.

Brigitte Woman 10/ 06

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