Ehrlichkeit

Es ist komisch mit der Ehrlichkeit – sie hat ein gutes Image, aber sie passt nicht jederzeit überall hin. Ich rede nicht von einer Aussage vor Gericht, von Spesenabrechnungen, dem Verkaufsgespräch neben einem Gebrauchtwagen, von Parteiprogrammen oder Medikamenten-Beipackzetteln, hier ist Ehrlichkeit zumindest wünschenswert. Aber im privaten Leben braucht Ehrlichkeit ein bisschen Flankenschutz durch Takt, Instinkt und passende Gelegenheit. Ich möchte auch nicht gleich hören, dass ich den völlig falschen Urlaubsort gebucht habe oder mein neues Handy gleich wegschmeißen kann. Nicht jetzt, später vielleicht.

Ehrlichkeit ist im Alltag eine Frage der Dosierung und Fairness.

Manche Leute ziehen ihre Ehrlichkeit aus der Tasche wie einen Revolver. Ich pfeife auf diese Einmischung, mit der mir jemand nur sagen will, dass er anders leben würde als ich. Soll er doch. Im übrigen bin ich von dieser Eigenschaft keineswegs frei, vielleicht fällt sie mir deshalb bei anderen so unangenehm auf, vielleicht liegt sie in der Familie. Meine Mutter hat immer ihre ehrliche Meinung gesagt, und am liebsten mir: „Frau Manteufel hat dich auf der Straße in einem blauen Mantel gesehen, du sollst scheußlich ausgesehen haben.“ „Aber ich habe doch nur den schwarzen Mantel, in dem stehe ich gerade vor dir“, sagte ich. „Und in dem siehst du auch scheußlich aus“, sagte meine Mutter. Sie konnte nicht anders. Sie musste alles rauslassen.

Ehrlichkeit liegt in Konkurrenz mit Verschwiegenheit.

Vor Jahren sah ich den Mann einer guten Freundin in einem abgelegenen kleinen Hotel. Er war in Begleitung, eine eindeutige Situation. In seinen Augen stand Angst, als er mich entdeckte. Bin ich unehrlich, weil ich mit meiner Freundin nie darüber gesprochen habe? Die beiden sind bis heute verheiratet. Als Bill Clinton damals gezwungen wurde, die genauen Details seiner Beziehung mit Monica Lewinsky öffentlich zu offenbaren, habe ich das nicht als schönen Sieg der Ehrlichkeit empfunden, sondern als Zumutung. Auch für mich.

„Man soll nie ungefragt seine Meinung äußern“, sagt ein kluger Freund. Er selbst hält sich sein Leben lang daran und ist bei verschiedenen Leuten vielleicht auch deshalb ein beliebter Mann. Seine temperamentvolle Frau hingegen spricht gerne unaufgefordert offen. Sie sagte bei einem großen Fest zum Gastgeber, zu einem wirklich berühmten Schriftsteller, dass sie ihm nicht zu nahe treten wolle, aber seine schlechten Zähne müsse er endlich mal behandeln lassen. Worauf dieser Dichter einen Abend lang den Mund verschloss. Gegenüber jedermann und nicht nur wegen der Zähne.

Brigitte Woman 4/06

Comments are closed.