Meine Strasse

Ob die Frau weiß, dass sie mit nacktem Hintern unterwegs ist? Ob sich der schwarze, untröstlich weinende Transvestit erinnert, dass er früher afrikanische Lieder sang und alle Leute anlachte, die ihm begegneten?

Die Patienten aus der Psychiatrie, zwei Häuser neben meinem, gehen viel allein spazieren und schockieren Passanten, die sich nicht an sie gewöhnt haben. Aber was heißt schon „gewöhnt“? Sie gehören zu meinem Leben, weil sie aus einem Haus kommen, das zwei Häuser von meinem entfernt ist. Sie sind nicht zu übersehen. Ich habe begriffen, dass jeder von uns da eingeliefert werden kann, weil jeder aus der Welt fallen kann.

Feuerwehr und Polizei sperren die Straße ab, weil ein großer Mann stumm sechs Stunden auf dem  Dach steht, von unten sehe ich, dass seine Schuhe über die Kante ragen. Er will springen, aber fünf Ärzte reden nacheinander mit ihm, nach einer Ablenkungsaktion wird er gerettet. Die allermeisten Patienten kenne ich vom Hören: Sie stöhnen hinter den Fenstern, sie fluchen, sie rufen “Heil Hitler!“ oder „Der Arzt ist ein Teufel!“, sie singen, sie geraten außer sich wie unter der Folter. Anderen begegne ich auf der Straße: Ein Mann im dunklen Anzug liest laut Texte aus einem Aktenordner, ohne aufzusehen, ohne auszuweichen. Eine lockige Frau legt sich auf den Boden, zündet einen Coffee-to-go-Becher an, wedelt sich den Qualm zu und meditiert. Vier in Burkas gehüllte Frauen besuchen jemanden in der Psychiatrie, Luden halten ihre Kampfhunde an der kurzen Leine, wenn sie vor dem Haus auf einen Kumpel warten, der auf Station ist. Eine junge Türkin flüchtet im Pyjama, vier Pfleger folgen später und kehren allein zurück.

Auf der anderen Seite meines Hauses arbeitet der Zentrale Krisendienst, das Licht brennt da die ganze Nacht, Spätheimkehrer können den Helfern beim Telefonieren zusehen. Gleich um die Ecke in der Großen Hamburger Straße arbeitet die Caritas: Süchtige, Verschuldete, Obdachlose stehen vor der Tür, Streit und Gelächter in Rauchschwaden. Ich gehe an ihnen vorbei und weiß bis heute nicht, ob ich sie ansehen oder ob ich sie ignorieren soll – was wäre ihnen lieber?

Wo sind die alten Leute, die früher hier wohnten? Alle tot? In kleinere Wohnungen verzogen? Im Heim? Unter meinem Fenster gehen junge Familien vorbei. Weil ich oft im Erker sitze, weiß ich ziemlich viel über die Nachbarn und beobachte eine Tendenz: neue Männer. Treffen sich zwei, jeder mit Kinderwagen. Sie warten auf einen dritten, der erscheint ebenfalls mit Kinderwagen, und dann kutschieren alle zum Monbijoupark. Ich sehe, dass viele Männer ihre Kinder zur Kita bringen und nachmittags abholen. Sie trösten, sie sind fürsorglich und zärtlich. Ein Kind sitzt auf den Schultern, eins auf dem Arm, eins fährt mit dem Roller hinterher.

Meistens lese ich im Erker, aber ich sehe auch auf die Straße oder in die Fenster gegenüber. Zehn Jahre, bis Oktober 2012, war ich Kolumnistin der „Berliner Zeitung“, viele Texte habe ich direkt dem Leben in meiner Straße abgeschrieben.

Das Bordell ist geschlossen, die Kameras über dem Eingang wurden abgebaut. Um 21 Uhr stiegen Frauen mit dünnen Taillen und langen Stiefeln aus einem Keller – eine nach der anderen, im gleichen Abstand – so ähnlich wie die uniform kostümierten Girls vor ihrem Revueauftritt. Einmal hing ein Kollege im Arm einer der Frauen, sie war einen Kopf größer als er. Ich sah ihn, er sah mich nicht, er war seiner Vorfreude ausgeliefert. Der Zuhälter soll nach einer Schießerei wegen Revierkämpfen schwer verletzt den Laden aufgegeben haben. Das erzählt man sich hier. Ich weiß nicht, wo jetzt die vielen Huren herkommen, die bei jedem Wetter in der Oranienburger Straße streunende Männer abschleppen und für den Eintrag der Oranienburger in diverse Reiseführer sorgen.

Das Sadomaso-Restaurant „Lasziv“ in der Hausnummer 21 hat schon seit Jahren geschlossen. Damals stand auf der Website, dass endlich für die Gourmets unter den Sadomasochisten eine Bedarfslücke geschlossen sei. Die Speisen hätte man in Blechnäpfen serviert, erzählt ein Nachbar, und hinten sei gepeitscht worden. Halte ich für möglich, so ein Laden hat eben ein bestimmtes Styling. Aber er hatte auch etwas Bürgerliches. Ich erinnere mich an Werbeaufsteller auf dem Bürgersteig vor dem „Lasziv“, da stand drauf: „Heute Spargel aus Beelitz!“

Um diese Gegend bin ich zu beneiden.

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