Kreuze. Wo?

Heute will ich wählen. Ich halte die Zettel schon in der Hand und muss warten, weil die zwei Kabinen besetzt sind. Der Mann hinter mir liest die langen Texte zum Tempelhofer Feld und fragt mit südländischem Akzent die junge nette Wahlhelferin, wo er ankreuzen müsse, wenn er nicht wolle, dass das Feld bebaut wird. Die Wahlhelferin erklärt, wo in den Fall die Kreuze zu setzen seien: „Oben Nein, unten Ja.“ Aber jetzt stürzt der Wähler, der zugehört hat, aus seiner Kabine: „Sie erklären das falsch!“ ruft er. „Richtig ist: Oben Ja, unten Nein!“ Ich schließe mich an: „Oben Ja, unten Nein bei 100 Prozent Tempelhofes Feld.“ Die Wahlhelferin sagt, dass sie heute zum ersten Mal so etwas gefragt werde und den Text noch nicht lesen konnte. Der Mann, der gefragt hat, sieht die Wahlhelferin an. Die sagt jetzt, dass sie niemanden beeinflussen dürfe und schweigt. Als ich in der der Kabine bin, mache ich die Kreuze, wie ich es beschlossen hatte, aber ganz sicher bin ich mir nicht, weil da drinnen ein unfassbar trübes Licht dämmert. Die langen Texte zum Volksentscheid könnte sowieso kein Mensch entziffern, sie sind übrigens auch bei Licht schwer zu verstehen. Wenn heute Abend die Ergebnisse bekannt gegeben werden – also die Hand dafür ins Feuer legen würde ich nicht. 

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