Laterne, Laterne 2

In meiner Straße müssten eigentlich auch CDU-Mitglieder und CDU-Wähler wohnen. Ich dachte, die hätten irgendwie dafür gesorgt, dass ausschließlich Plakate der CDU aufgehängt wurden. Wo bleibt jetzt die Parteiverbundenheit und Solidarität, wo haben sie ihre Augen? Es kann ihnen doch nicht gleichgültig sein, wie nachteilig sich die Wahlplakate ihrer Kandidaten seit der Aufhängung entwickelt haben. Die oberen Befestigungen rutschten langsam an den Laternen herab, die unteren wurden durch eine Ringverzierung am Pfahl abgebremst, weshalb alle Foto-Pappen nach außen abknickten. Mit ihren scharfen Kanten sahen sie japanischen Lampions ähnlich. Das Gesicht der zu Wählenden endete knapp über dem Kinn, der Spruch zu Europa auf der unteren Hälfte verschwand ganz. Inzwischen ist die obere Absenkung so weit fortgeschritten, dass sie, mehrfach wellenförmig geknickt, auf der unteren aufsitzt. Von den abgebildeten Personen sind nur noch Haare, Stirn und Augen sichtbar. Es gibt Fernsehsendungen, die ihre Kandidaten mit solchen Ausschnitten berühmte Personen erraten lassen. Ich will sagen, dass die Plakate Fragen aufwerfen. Jeden Morgen schaue ich von meinem Erker auf die Straße: Haben Sympathisanten der CDU nachts Leitern herangeschleppt und die Plakate wieder schön aufgerichtet? Oder – noch besser angesichts ihres Zustandes – ganz abgeschnitten? Nichts ist passiert. Was könnte das bedeuten? Wäre ich eine Wahlforscherin, würde ich für die Gleichgültigkeit gegenüber den Kandidaten der CDU die Prognose stellen, dass die Leute hier anders wählen.

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