Unter sechs Millionen

Markus Lanz macht eine gute „Wetten, dass…?“-Show, vielleicht seine bisher beste. Doch die Quote sinkt weiter.

Man sieht nichts. Der Mann hat keine Augenringe, ist nicht abgemagert, wirkt nicht verstört. Markus Lanz steht bei „Wetten, dass…?“ im Empfangsapplaus, der nicht nur eingeübt worden sein kann – dafür lächeln die Leute zu lange. Sie wollen freundlich sein zu einem, der seit Wochen im Mittelpunkt emotionaler Debatten steht. Lanz hat die selber verursacht, aber die unerbittliche Wucht seiner Gegner überrascht. Sie wollen den Moderator mit einer Petition aus dem gebührenfinanzierten Programm rauswerfen, Kritiker sind angewidert, fassungslos. Und wer sich durch die Kommentare im Netz klickt, findet nahezu nur Häme  und Hysterie, die größte Verächter haben sich „die Drecksendung nie angesehen“, das häufigste Pathos am Schluss: „Armes Deutschland!“

Wir reden über Unterhaltung.

Und deshalb ist es erstaunlich, dass Markus Lanz in Düsseldorf eine ganz gute Sendung durchhält, vielleicht seine bisher beste, was dennoch nicht reines Gold bedeuten soll: Mit drei Stunden war alles wieder viel zu lang, kein Mensch versteht, warum es nicht auch mit einer Wette weniger ginge. Bei der Außenwette sollten die Kölner mit Kamelle-Spenden eine komplette Karnevalsprinzengarde auf einer Waage anheben – die Wette wurde so überdreht wie fade moderiert, allerdings trotzdem gewonnen.

Die Leute auf dem Sofa im Saal kommen gut miteinander aus. Hilary Swank, der berühmteste Gast, besitzt einen leuchtenden Charme. Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Judith Rakers, Christian Rach sind Gäste ohne Allüren, die sich, so weit sichtbar, für die Wetten interessieren. Christoph Maria Herbst changiert zwischen seiner Figur Stromberg und ihrer Aneignung – er sagt zu Heufer-Umlauf, der wegen einer Wette eine Feuerwehr-Uniform tragen musste: „Du kannst alles tragen, dir steht nix.“ Udo Jürgens singt erwartungsgemäß am Flügel. Adel Tamil singt „Lieder“, einen neuen Titel aus Zitaten seiner eigenen Titel, und Pharrell Williams performt „Happy“, derzeit eine Spitzennummer. Der Sieger der Kinderwette, ein Neunjähriger, tritt neben ihm als Breakdancer auf und wird Liebling der Herzen.

Die Wetten: Fußballer an der Beinbehaarung erkennen, ein Feuerwehrauto durch Ansaugen bewegen, an den Stangen von Hirschgeweihen einzelnen Hirschen einen Namen geben, an einer Wand durch reines Hochspringen Bilder bei 3,50 Meter aufhängen, von 20 verdrehten Zauberwürfeln den Status merken und einen davon blind auf einheitliche Farbseiten drehen. Alles nicht schlecht.

Lanz hält sich zurück, etwas Besseres hätte ihm nicht einfallen können. Ja, er lacht noch laut, aber er hat sich den Superlativwahn fast abgewöhnt. Lanz hört zu. Er lässt seine Gäste glänzen und führt die Gespräche ohne Mischung aus Unverfrorenheit und Beflissenheit. Ach, wenn das seine erste „Wetten, dass…?“-Moderation gewesen wäre. Es war aber die zwölfte.

Leider macht er dann doch einen Fehler und rechnet laut in der Sendung mit 6 oder 7 oder 8 Millionen Zuschauern. Aber gerade diese Show stürzt auf 5,85 Millionen Zuschauer ab. Unverdient so wenige wie noch nie. Gestartet war Markus Lanz im Oktober 2012 mit 13,6 Millionen.

Thomas Gottschalk hatte bald nach dem Unfall eines Wettkandidaten Ende 2010 den Rückzug erklärt. Seine Quoten waren schon vorher immer schlechter geworden. Von außen erschien „Wetten, dass…?“ als ausgereizte Fernsehgeschichte. Aber im Sender muss noch etwas gebohrt haben. Samstagabend! Familie! Tradition! Die Suche nach dem Nachfolger bestand aus Gerüchten und Indiskretionen. Kein Zuschauer hätte noch gewusst, wer von den Prominenten, die absagten, gefragt worden war. Der schließlich ausgewählte Markus Lanz galt von vornherein als dritte oder vierte Wahl.

Er wurde auch von Anfang an angesägt.

Seine Redaktion machte das Format privatfernsehnah ohne Tempo, Stil und Ideen. Lanz hielt nicht dagegen. Er akzeptierte an seiner Seite Cindy aus Marzahn. Er machte Liegestütze mit einem Bierkasten auf dem Rücken. Er hüpfte im Sack um Tom Hanks herum, der als Vollpfosten aufgestellt war und eine Katzenmütze trug, die ihm Lanz vorher gereicht hatte –  wenn auch mit dem Satz: „Sie müssen das nicht machen.“

Die Mallorca-Ausgabe vom Juli 2013 kann deshalb nicht vom Leben überwuchert werden, weil sie im Netz bis zum jüngsten Tag aufgehoben werden wird. Im Mallorca sind bessere Gäste kurzfristig ausgefallen und durch schlechtere ersetzt worden – wie die Geissens, Mensch gewordenes Privatfernsehen. Das Publikum buhte wegen Fehlentscheidungen, Stefan Raab warb für einen Duschbügel. Der Schauspieler Gerard Butler musste sich Eiswürfel vorn in die Unterhose schütten, weil er eine Wette verloren hatte.

Bei einem Cluburlaub in Spanien habe ich ein abendliches Spiel unter Gäste gesehen: Frauen schoben Männern Tennisbälle unten in die Hosenbeine und führten sie mit der Hand so über den Mann, dass die Bälle am Ende aus dem anderen Hosenbein wieder herauskamen. Aber bei dem Spiel waren wenigstens alle besoffen.

Warum hat sich Markus Lanz nicht gegen Übergriffe gewehrt?

In langen Interviews im Stern und in der Berliner Zeitung erscheint Lanz als gebildeter, sprachlich gewandter, differenziert denkender Mann. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er der Depp. An allem schuld.

Gestern, am Sonntagmorgen, kommentierte ein kluger Beobachter im Netz: „Jetzt alles an Lanz festzumachen, der inzwischen, egal, was er tut, nichts mehr richtig machen kann, ist abseitig. Die Erosion um die Hälfte der Zuschauer hat andere Gründe, trotz des schwierigen Showumfeldes. Das Hemd wurde mit der ersten Sendung falsch zugeknöpft. Vom ZDF selbst. Von den Verantwortlichen dort.“

Angeblich will das ZDF an seinem Moderator festhalten, aber in der Sommerpause über alles nachdenken. Und dann?

Berliner Zeitung, 24. 02.2014

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