Esoterik. Man kann ja nie wissen

Eine Freundin wird in der Neujahrsnacht bei Kerzenlicht ihre persönliche Tarotkarte ziehen, weil sie dann besser auf das nächste Jahr vorbereitet ist. Sagt sie. Manche Entwicklungen gehen lange an mir vorbei. In meinen Augen existieren sie nur in abgelegenen Parallelwelten. Aber plötzlich breiten sie sich aus – in der Öffentlichkeit, aber auch bei Leuten, die man zu kennen glaubte. So geht es mir mit der Esoterik.

Noch vor wenigen Jahren kannte ich nicht einmal das Wort.
Es kommt aus dem Griechischen von „esoteros“ und bezeichnet das Innere, das Verborgene. Träger esoterischer Überzeugungen glauben, dass sie mit bestimmten Mitteln und Methoden in Verborgenes vordringen und kosmische Kräfte erlangen können. Jeder sei dann im Besitz geheimen Wissens, könne seine Seele heilen, sich aus Verstrickungen lösen und erleuchten. Erfahrungen mit Phänomenen, für die moderne Wissenschaften keine oder noch keine Erklärungen haben, sind diesen Eingeweihten möglich: Kontakte mit Verstorbenen, die Zukunft voraussagen, Nachrichten von Geistern empfangen. Solche Sachen.

Es geht um Übersinnliches – um das, was über unseren Sinnen, dem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, steht.

Medienpräsente Leute berichten immer mal wieder von solchen Erlebnissen. Harald Glööckler, Modemacher und Unternehmer, sah sehr helles Licht in seiner Berliner Wohnung, er empfindet sich seitdem als Erleuchteter und weiß sich von Engeln begleitet. Die frühere Fußballerfrau und Designerin Claudia Effenberg glaubt an gute Geister, weil ihre kleine Tochter einen guten Geist gesehen, gesprochen und angelächelt hat. Sylvie van der Vaart, Moderatorin, lässt sich von einer Sterndeuterin beraten. Cher, Sängerin und Schauspielerin, geht zur Wahrsagerin, so wie bis zu seinem Tod auch Francois Mitterand, französischer Staatspräsident. Shirley MacLaine glaubt an Wiedergeburten: In einem früheren Leben war sie eine ägyptische Prinzessin, und ihr kleiner, niedlicher Hund Terry ist die Reinkarnation des ägyptischen Gottes Anubis. Die Schauspielerin hat auch mehrfach Ufos gesichtet. Der Trainer Giovanni Trapattoni sprühte bei der WM 2002 geweihtes Wasser auf das Fußballfeld. Schneller als bei den anderen genannten Beispielen war in Trapattonis Fall zu erkennen, dass der ganze Zauber nicht geholfen hat.

Esoterik, früher als „New Age“ bekannt, ist eine von vielen irrationalen Strömungen unserer Zeit – manches überschneidet sich mit Praktiken im Okkultismus, Transzendentales Denken, Parapsychologie, Spiritualität, Aberglauben, magische Techniken – und manches ist sehr speziell. Gemeinsames Streben ist eine aufmerksame – man sagt in diesen Kreisen „achtsame“ – Haltung gegenüber geheimen Kräften und Energien, einem Urwissen. Das Ich sieht in seine Seele und zieht sich in Wunschwelten zurück, vielleicht um aus Angstwelten zu flüchten.
Politische oder soziale Ziele spielen keine Rolle. Alle Ereignisse werden nur auf das eigene Subjekt bezogen. „Esoterik ist ein Zerrspiegel der Gesellschaft“ schreibt der Sachbuchautor Johannes Fischler.

Auch Religion hat wenig damit zu tun: Religiöse Menschen erkennen Gott oder Götter als oberste Richter an – in den irrationalen Lehren aber ist der Einzelne allmächtig und kann sich nach Belieben kosmischer Energien bedienen.

In diesen Tagen beschäftigen sich viele Menschen mit Fragen nach dem nächsten Jahr. Was bringt es? Was könnte man schon vorher wissen?

Ich selber habe mich viele Jahre am Bleigießen beteiligt, bei guten Freunden zu Silvester. Das war ein Spiel, bis die Glocken läuteten. Jeder am Tisch interpretierte das erstarrte Zufallsgebilde der anderen Bleigießer freundlich – „Ach, eine Sonne.“ „Ein schöner Mann im Profil.“ „Sieht wie ein Geldstück aus.“ Oder auch: „Das ist nichts, Du darfst noch mal.“ Um Mitternacht standen wir am Fenster und sahen in den Lichtkaskaden sprühenden Himmel über Berlin.

Ich glaube nicht, dass sich jemand an dem Gedanken festhält, mit viel Krach böse Geister zu vertreiben. Aber so fing das mal an. Ursprünge gehen leicht verloren.

Heute kaufen die Leute vor Silvester Feuerwerk, wofür sie unvernünftig viel Geld ausgeben. Nachbarn schenken sich Glückskleetöpfchen. Am 31. Dezember sucht man Gesellschaft, setzt Hütchen auf, feiert, trinkt. Wenn der Zeiger auf zwölf steht, stoßen alle Freunde und Fremde ihre Gläser aneinander. „Prosit Neujahr!“

Im Internet finde ich ein paar esoterische Tipps für die Jahreswende: Bevor man seine Kanonenschläge abschießt, soll man Sigillen darauf malen, das sind persönliche Wünsche in symbolischer Form, für unsereinen unlesbar. Man soll Entfremdungszaubereien veranstalten – ärgerliche Gegenstände in die Hand nehmen oder negative Gedanken auf Zettel schreiben, alles draußen um Mitternacht vergraben und laut sagen: „Ich trenne mich von dir.“ In anderes Ritual empfiehlt das Abschrubben der Türen und Fenster mit viel Salz. Im „Kleinen Lexikon des Aberglaubens“ steht, dass dem Salz eine starke antidämonische Kraft zugeschrieben wird. Hat also Sinn.

Weil ich nun schon in Esoterikforen unterwegs bin, informiere ich mich auch noch über den Weltuntergang, der nach dem Maya-Kalender bekanntlich am 21.12. 2012 stattfinden sollte. Passiert das eventuell dieses Jahr? Aber nach einem jetzt im Dschungel von Guatemala entdeckten, viel älteren Kalender gingen die Mayas von Zeiträumen aus, die deutlich über 2013 hinausreichen und den Druck rausnehmen.
Rituale bewegen sich zwischen Spiel, Tradition, Aberglauben, Vorsichtsmaßnahme und Selbstberuhigung, jenseits der Naturwissenschaften und Logik.

Im Alltag begegnen wir Rücksichtsmaßnahmen auf den Aberglauben: Weil die Zahl 13 in unserer Kultur als Unglückszahl gilt, gibt es in den meisten Flugzeugen keine Reihe 13, in vielen Hotels keine Etage 13, in manchen Krankenhäusern kein Zimmer 13. Im Motorsport wird die Startnummer 13 normalerweise nicht vergeben. Ich hatte am 13. Dezember, der dieses Jahr ein Freitag war, eine kleine Feier zu Hause. „Mutig!“ sagte jemand.

Aberglaube ist eine naive Strategie, die Hoffnung nährt und Unglück vermeiden will. In ihrem Roman „Heimsuchung“ schreibt die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über Hochzeitsbräuche vor hundert Jahren. Drei Seiten lang geht das so: „Die Braut darf nicht…“, „Der Brautzug muss…“, „Um zwölf Uhr nachts wird…“, „Bei der Hochzeit selbst soll…“, „Meldet sich zuerst eine Henne, wird.. .“ Es sind irre Auflagen, aber wenn die jemand einhielt, konnte er später wenigstens behaupten, alles seiner Person Mögliche für eine gute Ehe getan zu haben.
Dem Aberglauben wird mit Nachsicht begegnet. Warum auch nicht? Vielleicht hilft es ja doch.

Jogi Löw trug 2010 während der WM denselben blauen Pullover als Glücksbringer. Michael Schumacher setzte früher alle Hebel in Bewegung, um immer mit einer ungeraden Nummer an den Start zu gehen. Der rumänische Fußballer Adrian Mutu zieht seine Unterwäsche verkehrt an, links rum. Zahlreiche Kandidaten von Günther Jauch kommen mit Püppchen, die sie als Fetisch zum Millionär machen sollen.

Ich wusste von einer Freundin, einer begabten Dokumentarfilmerin, dass sie ein bisschen abergläubisch ist. Auf meine Anfrage schickte Gabriele eine Mail, die so lang war, dass ich hier nur eine Auswahl anbiete: Bei der ersten Übernachtung an einem fremden Ort verneigt sie sich drei Mal vor dem Spiegel, weil sich dann ihre Träume erfüllen. Wenn sie etwas vergessen hat und zurückkehren muss, setzt sie hin und zählt bis drei, bevor sie wieder das Haus verlässt. Sie lebt nach dem Mondkalender, der unter anderem die Termine für das Haare Schneiden bestimmt und für das Blumengießen. Gabriele ließ sich von einer alten Bäuerin eine Warze am Finger besprechen – vier Mal, in längeren Abständen. Die Kartoffelscheiben, mit der die alte Frau über die Warze strich, sollte meine Freundin später im Garten vergraben. Während der Behandlung wurde es Winter, und das Begraben wurde schwieriger wegen der gefrorenen Erde. Danach durfte sie sich einen Tag lang nicht die Hände waschen. Außerdem ging die Warze nicht weg.
Hallo?! Eine Dokumentarfilmerin?!

Im meiner Familie gab es nur einen Vorfall in spiritistischer Richtung: Als der Sänger von „Nirvana“ 1994 gestorben war, veranstaltete meine Tochter, damals ein halbes Kind, mit Freunden eine Seánce. Sie stellten Kerzen auf, setzten sich um einen Tisch, legten die Finger auf ein Glas und sprachen gemeinsam: „Kurt Cobain, wir rufen Dich!“ Das Glas soll ein bisschen gewackelt haben.

Ich glaube nur an die Naturwissenschaften und an mich.
Ich lese keine Horoskope, beobachte keine Wege schwarzer Katzen, ich klopfe nicht auf Holz und traue keinem Liebeszauber. Ich habe keine Scheu, zwischen Weihnachten und Silvester Wäsche zu waschen. Ich gehe durchs Leben, ohne die minutengenaue astrologische Konstellation bei meiner Geburt erforscht zu haben. Allein das hält eine andere Freundin, eine Fotografin, für unvorstellbaren Leichtsinn.

1992 führte ich ein Interview mit der Schweizer Geistheilerin Uriella, die dem Orden „Fiat Lux“ vorstand. Sie nannte sich „Das Sprachrohr Gottes“ und behauptete, Hirntumore wegstreichen zu können. Ich erfuhr damals unter anderem, dass Dämonen im Magma unserer Erde leben und dass bei Bohrungen in 16 Kilometer Tiefe versehentlich die Hölle angebohrt worden war, was ihr der Heiland bestätigt habe. Obwohl Uriella meine eigene, ungewöhnlich starke Aura lobend erwähnte, wurde ich keine Jüngerin.

Ich bin immun gegen alle Farben der Irrationalität.
Aber der allgemeine Trend geht in die andere Richtung.

Das Unerklärliche ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wird aufmerksam zur Kenntnis genommen.

Die Wochenzeitschrift Spiegel nahm in der 52. Woche dieses Jahres eine Geschichte über den „Glauben der Ungläubigen“ auf den Titel. Der beunruhigend faktenreiche Text stellt eine tiefe Anfälligkeit des Menschen für übersinnliches Denken fest: „Niemand ist wohl ganz frei vom Glauben ans Übernatürliche.“

Die Berliner Zeitung veröffentlichte Anfang Dezember das Porträt eines 66-jährigen Mannes aus Kassel, der sich als Orientale verkleidet Ashlati El Fantadu nennt. Mit Handlesen, Tarot-Karten und einer Glaskugel verdient er Geld, offenbar ausreichend. Am Ende, sagt der Mann, müssten sein Gast und er mit dem Gespräch zufrieden sein. Das schränkt die Breite seiner Verheißungen deutlich ein.

Mitte Dezember berichtete die Wochenzeitung Die Zeit über einen bärtigen Mann, einen ehemaligen Ostdeutschen übrigens. Das ist überraschend, weil Ostdeutschland auf dem Feld des Spiritismus den Westdeutschen weit hinterherhinkt. Aber dieser Mann, Hermann S., 59, Gärtner aus Glauchau, reist nach Jerusalem, weil er sich als Nachfolger des Messias sieht und die Welt retten will. Er sagt: „Es ist doch so: Wir sind alle Nachfolger von Jesus, nur einer muss den Job halt machen. Ich zieh das Ding jetzt durch.“ Lerne leiden, ohne zu klagen.

Der Boulevard berichtet traditionell und zuverlässig über Beziehungen zwischen Menschen und irrealen Erscheinungen. Märtha Louise ist die Schwester des norwegischen Thronfolgers. Sie gehört als Expertin für Engel zum ständigen Personal. „Sie sind hier, mitten unter uns. Wir müssen nur lernen, unsere Engel wahrzunehmen.“ Eine Journalistin der Illustrierten Gala fragt: „Können Sie auch meinen Engel sehen?“ Die Prinzessin, die an ihrer Engelschule auch Hellsehen unterrichtet, lächelt: „Ja, er steht direkt hinter dir.“

Das „Engel-Magazin“ habe ich erst jetzt entdeckt. Heft 1/2014 empfiehlt den „Mondhaus-Shop“ für Produkte, „mit denen Sie die Engel ins tägliche Leben einladen“.

Nach einer Forsa-Umfrage von 2005 glaubten zwei Drittel der Deutschen an Engel – das wären zwei Prozent mehr als der Anteil derer, die an Gott glauben. Der Spiegel meldete aber soeben nur noch 38 Prozent Engelgläubige. Vielleicht sind es wirklich weniger geworden. Eine Frau, die an Engel glaubt, kenne ich. Sie ist Hotelmanagerin, ich hielt sie für eine besonders vernünftige Person. Jetzt lernt sie in Engelkursen, wie man traurige Gedanken in klares Wasser einrührt, bis es sich schwarz verfärbt, weil es die Traurigkeit abzieht.

Die Wochenillustrierte Bunte druckte 2010 eine Serie – „Die Macht der übersinnlichen Kräfte“. Service spielte eine große Rolle: Angebote, Adressen und Preislisten für Pendeln, Kartenlegen, Wahrsagen, Kontakte mit Verstorbenen und viel mehr. Eine Dame bot telepathische Verbindung mit verstorbenen Haustieren an. Und das ging so: Der Kunde schickte ein Foto seines Lieblings, zahlte 55 Euro auf ein Konto und durfte dann sieben Fragen stellen. Die Dame leitete die an das Tier weiter und überbrachte seine Antworten. Die Serie war frei von Ironie und konnte ab dem zweiten Teil jede Woche begeisterte Leserbriefe veröffentlichen. Danach fühlte ich mich zum ersten Mal wie das Mitglied eines aussterbenden Stammes.

Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht vernünftig und überzeugend. Es ist schwer, für sie Verantwortung zu übernehmen, wenn man in Ersatzwelten fliehen kann, die zudem, durch die Bank, mit Überlegenheit und heilsamen Kräften locken. Alles wird versprochen, nichts wird garantiert.

Und manchmal passiert Unglaubliches: Ich hatte einen Kollegen, der bei Mondschein die Gürtelrose meiner Mutter besprach. Sie heilte ab, auch wenn sich alles in mir sträubte, das anzuerkennen. Ernsthafte Studien beweisen, dass die Einnahme von Plazebos – Lateinisch: Ich werde gefallen – dieselben medizinischen Erfolge erzielen kann wie Arzneimittel. Bestimmt wurden Kranke durch Bachblüten-Therapie, Globuli oder Meditation gesund. Denn der Glaube versetzt Berge.

Aber nicht alle.

Am 17. Dezember veröffentlichte das „British Medical Journal“ eine Studie: Von 7870 amerikanischen Teenagermütter behaupteten 45, niemals Sex gehabt zu haben. Die Leiterin der Studie, wähnte sich einer Entdeckung auf der Spur: Es könne sich um unbefleckte Empfängnisse handeln. Aber die jungen Mütter kamen aus religiösen Familien und wollten wohl nur keinen Ärger. Die Studie wird wissenschaftlich bezweifelt.

Aber die Idee der Wunder ist zur materiellen Gewalt geworden. Zum Markt. „Esoterik ist die ersatzreligiöse Produktivkraft des 21. Jahrhunderts“, schrieb der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz schon vor Jahren.

Viele Menschen lesen Horoskope, nehmen homöopathischen Mittel, die der Hausarzt empfohlen hat, meditieren oder machen Yoga. Darum herum entstanden sehr profitable Geschäftsmodelle und Verkaufstrategien aus Luftblasen.

Jedes Jahr finden in Deutschland 20 Esoterikmessen statt. Der Umsatz der Branche wurde 2011 auf 25 Milliarden Euro geschätzt, Prognosen errechneten 35 Milliarden Euro für das Jahr 2021. Die deutsche Bierindustrie bringt es auf 9 Milliarden Euro.

Spiritualität kann man wie eine Dienstleistung kaufen und auch das Zubehör. Die Berliner Esoterikmesse kündigt sich für Februar 2014 so an: Ganzheitliche Lebensberatung, geistige Heilmethoden, Amulette, Auraphotographie, Aura-Soma, Aura-Chakra-Analysen, Ayurveda, bioenergetische Produkte, Duftöle- und Duftlampen, Didgeridoos, Engelbilder, Edelsteine, Essenzen, Feng-Shui Produkte, Himalayasalz, Kristalle, Klangschalen, Kräutermischungen, kolloidales Gold und Silber, lebende Hölzer, Lichtwesenessenzen, magische Öle, Meditationsmusik, Magnetfeldtherapie, Ohrkerzen, Pendel, Pyramiden, Räucherwerk, Runenorakel, Ruten, Salzkristalllampen, Steinheilkunde, Symbolschmuck, schamanische Produkte, Tachyonen, therapeutische Musikinstrumente, Traumfänger, Weihrauch, Windspiele, Zimmerbrunnen.
Die Hälfte der Angebote habe ich rausgekürzt, damit nicht zu viele Leser aussteigen.

Im Internet stehen 400 000 Einträge über Seelenwanderung, man findet Anzeigen für Börsen- und Finanz-Astrologie, Anleitungen zum Wahrsagen oder Kaffeesatz-Lesen: „Jeder kann es!. Dein Schicksal aus der Tasse.“

Relativ neu ist „feinstofflich aktive Bettwäsche“ der deutschen Online-Firma Ni-Ma. Die Bettwäsche soll einen „astral ungestörten Schlaf“ ermöglichen, vorausgesetzt die Symbole auf der Bettwäsche werden vor dem Schlafengehen mit einem „kosmisch übermittelten Code“ aktiviert. Dazu lege man die linke Hand auf eines der am Stoff aufgedruckten Symbole und spreche laut den Markennamen „Ni-Ma“ oder den in der Anleitung zu findenden Code des Symbols. Dem Geschäft mit der „feinstofflich aktiven Bettwäsche“ soll ein Konzept zugrunde liegen, das auf nachweisbaren Erkenntnissen der Quantenphysik beruht.
Völlig verrückt. Oder?

Aber jetzt kommt das wirklich Peinliche: Esoterik ist Frauensache. Weiblich, ab 40, auf der Suche nach sich selbst, ganz gut situiert, nicht ganz ausgelastet. Mehr als zwei Drittel der spirituell Interessierten sind Frauen.
2010 kam das entsprechende Fachblatt heraus: „Happinez“, sehr schönes Papier, sehr guter Druck, edles Layout, jede Ausgabe folgt einer anderen Grundfarbe – für 4.95 Euro im Bauer-Verlag. Der Chefredakteur Uwe Bokelmann sagte im Interview: „Es ist eine einzigartige Zeitschrift für Frauen, die nach Wegen suchen, ihrem Leben neue Impulse zu geben, ihren Horizont zu erweitern. Happinez will eine Inspiration sein für seine Leserinnen, einzigartig in allen Belangen und gemacht für intelligente Frauen mit hohem Einkommen und hohem Anspruch an ihr Leben.“

Wenn eine Zeitschrift lächeln und kuscheln könnte, dann wäre es Happinez. Stilles Einverständnis mit der Leserin, höchstens sanfte Vorwürfe, dem eigenen Glück im Wege zu stehen. Ein Wortschatz aus Floskeln, aber schöne Kochrezepte. Die Botschaft auf dem ersten Titel hieß „Liebe“, die folgenden hießen „Balance“, „Ankommen“, „Folge deinem Herzen“, „Erwachen“, „Loslassen“, „Intuition“.

Neben mir liegt das aktuelle Heft mit dem Titel „Verwandlung“. Ich schlage eine zufällige Seite auf: „Oft meinen wir, unser inneres Licht nicht ertragen zu können, und beginnen, uns eine Persönlichkeit zu erschaffen, die das Licht verdeckt und verdunkelt.“ Das ist kein Gedanke, nur eine irritierende Unterstellung. Fast alle Texte sind so gestrickt. Macht es glücklich, sich nur mit sich selber zu beschäftigen? Wer alles ausblendet, das negative Gefühle auslöst, lebt lächelnd allein im Kokon, gesellschaftsblind, ohne Verantwortung, unfähig zur Solidarität.

Auf der Suche nach Erleuchtung fliehen erwachsene, gebildete Frauen aus der wirklichen Welt. Könnten sie nicht besser kleinen türkischen Jungs beim Lesenlernen helfen? Nur mal als Beispiel.

Berliner Zeitung 28./29.Dezember 2013, April 2014 bearbeitet

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