Klamotten runter

Alle sind nackt, und keiner sieht hin. Beim FKK begrüßen sich zwei Stammkunden Ende April mit Handschlag und wünschen „Gutes Neues Jahr!“ Sie sehen sich ja immer nur während der warmen Tagen und beweisen der Welt, dass man auch unter deutscher Sonne braun werden kann. Man muss nur oft her kommen können. Deshalb sind die Rentner am braunsten. Betagte nackte Paare spazieren Hand in Hand. Wie in einem Paradies, das in die Jahre gekommen ist.

Die ersten Menschen der Schöpfungsgeschichte waren nackt und schämten sich nicht. Später ist viel passiert, aber auch heutzutage liegen an manchen Orten Nackte zwischen Nackten. Und ich selber mitten drin.

Das hat mit meiner Kindheit zu tun: mit illegalem FKK an der Ostsee, Anfang der fünfziger Jahre. Meine Eltern mieteten jedes Jahr eine private Unterkunft in Ahlbeck, das war auch illegal. Der Strand reichte bis an die polnische Grenze. In einer Art Niemandsland machte eine kleine verwegene Schar Urlaub ohne Kleidung.

Mein attraktiver, gut gebauter, schnell bräunender Vater galt hier als König. Nur der König durfte ein bestimmtes Kommando geben, wenn auf dem Meer wieder die Spanner heranruderten. Dann schrie mein Vater: „Uuhhaahh! Uuhhaahh!“ Die Nackten stürmten ins Wasser und kippten die Boote um. Ich sah als kleines Mädchen vom Ufer zu und war stolz.

Mein Vater schippte gerne Burgen. Zu Hause in Berlin war er Brunnenbaumeister, deshalb grub er wohl auch am Strand so tief, bis Grundwasser kam. Meine Mutter – Schlesierin, katholisch, dem FKK nicht zugeneigt – legte nur den Büstenhalter ab und zeigte sich nicht weiter. Aber weil sie meinen lebensfrohen Vater unter Kontrolle haben wollte, harrte sie mit einem grünen Strickschlüpfer in der Nässe aus, die in der Grube stand.

Das Ministerium des Inneren der DDR erließ 1954 ein Verbot: FKK sei nicht vereinbar mit sozialistischer Moral. Der erste Kulturminister, Johannes R. Becher, argumentierte als Schöngeist: FKK sei „im Interesse der Ästhetik nicht zu vertreten“, er schloss mit Pathos: „Habt Mitleid! Zeigt Erbarmen! Schont die Augen der Nation!“

Die Sittenpolizei lag nun mit Ferngläsern in den Dünen. Die Nackten malten mit dem Tuschkasten Bikinis und Badehosen auf den Körper, um die Sitte zu foppen. Wer trotzdem geschnappt wurde musste, in Handtücher gewickelt, auf die Wache. 150 Mark Strafe oder ein paar Tage Haft. Um die ostdeutschen FKK-Pioniere wehte ein Hauch von Rebellion.

Aber die Nackten wurden immer mehr, die Obrigkeit konnte nicht überall aufpassen. Intellektuelle und Künstler, sogar welche mit Nationalpreisen, protestierten und beriefen sich auf Freikörperkultur als Arbeitertradition. Zwei Jahre später wurde das Verbot aufgehoben. Mir fällt kein anderes Verbot ein, das die DDR aufgehoben hätte.

Die Nackten an der Ostsee mochten keine Textilträger, die am Ufer entlang schlenderten und gafften. Der Umgang wurde geregelt: Jeder Durchwanderer zog sich aus, solange er im ausgewiesenen FKK-Bereich war. Bei Gruppen musste sich nur der Erste ausziehen, alle anderen passierten in voller Montur. Jahre später lagen Unbekleidete und Angezogene friedlich nebeneinander. Am Wasser, auf der Wiese. Jeder, wie er wollte. Keine Schilder. Es war so üblich.

FKK wurde zur einzigen freiwilligen Massenbewegung der DDR – eine nicht organisierte, familiäre, unbekümmerte Szene bis zum letzten Baggerloch. Keine Politik. Nur Klamotten runter. Wir sind so frei.
1980 bekannten sich in der DDR 80 Prozent der Bevölkerung zum Nacktbaden.

Ost- und Westdeutsche haben Erfahrungen mit der Prüderie der Nachkriegszeit gemacht, unter Adenauer, unter Ulbricht. In beiden deutschen Staaten lockerten sich die sexuellen Sitten. Es gab trotzdem einen Unterschied in den gesellschaftlichen Konventionen. Was gehört sich und was nicht?

Die DDR war ein kleinbürgerliches Land, aber es war nicht katholisch, es war auch sonst wenig religiös. Vielleicht zeigten sich deshalb viele Leute nackt in der Öffentlichkeit, ohne sich zu schämen.

„Schämt ihr euch denn gar nicht?“ Ein älteres Ehepaar aus Hamburg steht im Sommer 1990 am Strand von Warnemünde schimpft und meint auch mich. Bei den Kurverwaltungen an der Ostsee gehen Beschwerden westdeutscher Badegäste ein. Eine Frau aus dem Schwarzwald empört sich im Deutschlandfunk: „Sie sollen sich abgrenzen. Die meisten sind wüst und hässlich. Die Freiheit, die die Nackten sich herausnehmen, ist für andere eine Zumutung.“ Ein Ostler hält in einem Leserbrief im „Magazin“ dagegen: „Nun kommen die Wessis, bringen uns die Pornohefte, die Peepshows und den Telefonsex und erklären uns, wie unmoralisch unästhetisch und absolut unpassend FKK ist.“

Der erste Ost-West-Konflikt entzündet sich an der Nacktheit, nach und nach entwickelt sich ein Kulturkampf. Im Jahr 1999 sind zum ersten Mal mehr westdeutsche Gäste an der Ostsee als ostdeutsche: 52 Prozent. Die Bildzeitung entdeckt im Juli den „Nacktkrieg“.
Der „Spiegel“ kämpf – wie der erste DDR-Kulturministe – für das Ästhetische: „Doch was will er eigentlich, der nackte Mensch, der nicht am FKK-Strand, sondern mitten unter uns seine primären Geschlechtsmerkmale präsentiert, als gehörten sie zur Auslage einer Ladengalerie? Will er uns – mit Rousseau, Loriot und den Sprüchen vom Damenklo – zurufen, dass Natur überall und immer schön sei? Wir alle wissen: Die Wahrheit sieht anders aus. Sie trägt Hängebauch, hat fleckige Haut und krumme Beine, während ihr Protagonist mit dem winzigen Vorderlader übers Gelände paradiert wie ein taumelnder Spatz, der sich zum Pfau berufen fühlt…. Deshalb fordern wir: Nfor-Truppen an die Ostseefront. Entwaffnung aller Nackten. Zieht ihnen die Hosen an.“

Der Autor sollte einmal nach Montalivet-Les-Bains an den Atlantik fahren.

Das Camp entstand 1950 als eines der ersten Naturistenzentren der Welt. Naturisten sind eine Gruppe mit Grundsätzen. Es geht um Verbundenheit mit der Natur. Man soll Wasser sparen, keinen Müll hinterlassen, keinen Nachbarn stören, nur leise Radio hören, möglichst nicht rauchen. Und: Man soll nackt sein unter Tausenden von anderen Nackten. Am Anfang habe ich gefremdelt. Ich probiere im Schuhgeschäft auf dem Dorfplatz Sandalen an. Als ich mit dem Kopf hochkomme, hängt mir die Männlichkeit des Verkäufers vor der Nase. Aber ich schwöre: Man gewöhnt sich.

Immer bin ich umgeben von Adams und Evas und ihren Kindern. Von diesem Ort geht etwas Biblisches aus. Menschen in allen Lebensstadien sind dabei. Schöne Körper, gezeichnete, gebrechliche. Die Camper sprechen viele Sprachen und lächeln, wenn sie sich begegnen. Kein Zank, kein Stress. Allerdings gibt es einen Zaun und eine Schranke am Tor. Die Bewachung soll heimliche Beobachter abwehren, die fremder Leute Nacktsein betrachtenswert, aufregend, erregend finden.

Auf dem Lake Travis kenterte vor wenigen Jahren ein Boot, weil alle 60 Passagiere auf die Seite drängten, von der der einzige öffentliche FKK-Strand von Texas zu sehen ist. In Bulgarien können Frauen nackt am Strand liegen. Dafür müssen sie sich aber hinter Bretterwände zurückziehen, in die Männer Gucklöcher gepult haben. Aus dem Englischen Garten in München – erstes innerstädtisches Nacktbadegebiet – ziehen sich immer mehr Frauen zurück, weil das Anstarren nervt, besonders von Männern aus Ländern, die keinen FKK kennen.

Im Islam ist Nacktheit extrem eingeschränkt. Vor sechs Jahren stellte ein ägyptischer Rechtsgelehrter in einem religiösen Gutachten fest, dass Nacktheit beim Akt die Ehe ungültig mache. Er löste in seinem Land eine erregte Debatte aus, die aber weniger lange dauerte als die in den USA nach dem Super Bowl 2004: Während des Auftritts in der Halbzeitpause wurde eine nackte Brust der Sängerin Janet Jackson sichtbar, Sekunden später erloschen alle Scheinwerfer. Skandal. Strafanzeigen empörter Amerikaner wegen unsittlicher Entblößung. Die verantwortliche Mediengesellschaft Viacom muss 3,5 Millionen Dollar bezahlen. Seitdem werden in den USA die großen Veranstaltungen – auch die Oscar-Verleihung – mit fünf Sekunden Verzögerung ausgestrahlt, um mit Schnitten Schlimmes zu verhindern.

Jede Überzeugung fordert andere Überzeugungen heraus. Nicht nur, aber besonders in Deutschland, sind Bestrebungen entstanden, in vielen Lebenslagen nackt zu sein: „Nacktiv“. Nackt beim Wandern, Joggen, Rudern, Reiten. Zum Nacktrodeln kamen 25 000 Zuschauer in den Harz. Im Juni fand ein Welt-Nackt-Radel-Tag statt. 300 Nackte besuchten in Wien die Ausstellung „Nackte Männer“. 3000 Menschen buchten eine FKK-Kreuzfahrt durch die Karibik. Auf Youtube ist ein Video zu sehen: junger Norweger beim Skispringen. Nackt im Wind.

Mir selbst genügt eigentlich ein See nördlich von Berlin, das Schild „FKK-Bereich“ steht neben einem Baum oben am Weg. In diesem heißen Sommer war ich mehrmals da. Es hat sich was verändert.

Die Nackten sehen mit bunten Tattoos und Piercings nicht wie nackte Körper aus, eher wie Bilder. Unter FKK-Freunden gehört es sich nicht, jemanden anzustarren. Bei einem Paar in der Mitte des Lebens fällt das schwer. Beide durchtätowiert, okay. Beide richtig dicke Ringe durch die Brustwarzen, okay. Aber unten rum ist auch viel los. Der Penis ist penetriert mit mehreren Ringen. An der Scham der Frau hängt eine kleine Kette raus. Eine Kette? Zum Läuten? Klingelingeling, hier kommt der Eiermann? Wie kommt so ein Paar durch die Metalldetektoren bei der Flugsicherheitskontrolle? Das sind so Fragen.

Am meisten irritiert das Eindringen bekleideter Badegäste. Eine Tussi im Pink-Bikini telefoniert laut und läuft dabei ungerührt zwischen uns durch. Junge Paare vom Textilstrand gehen bei uns ins Wasser und lieben sich im Stehen, man sieht es an den schnellen kleinen Wellen.

Letztes Wochenende waren die Nackten bereits in der Minderheit. Überall lagen Leute in Bikinis, Badeanzügen, Badehosen. Angezogene pubertierende Jugendliche, die normalerweise keinen Fuß in einen FKK-Bereich setzen, sahen sich vorsichtig um. Und plötzlich schämte ich mich, so ohne alles.

Berliner Zeitung 10./11.August 2013, April 2014 bearbeitet

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