Irrtümer

Manche Dinge gehören zum Leben, auch wenn man persönlich auf sie verzichten möchte. So geht es mir mit den Irrtümern, aber größere Geister setzten sie in noble Zusammenhänge – wie Goethe: „Es irrt der Mensch, so lang er strebt.“ Oder wie Hegel: „Irrtum ist ein Moment in der Entwicklung der Wahrheit.“

Das erlebte ich 2009 bei einer ausverkauften Veranstaltung der Akademie der Künste, der 80. Geburtstag von Christa Wolf wurde gefeiert. Ich hatte mich mit einem kleinen Text am Gratulationsbuch beteiligt und war deshalb eingeladen. Meine Eintrittskarte reservierte einen Sessel in der allerersten Reihe. Ich fühle mich geschmeichelt. Mein Platz ist sogar in der Mitte, und Klaus Staeck, der Präsident der Akademie, sitzt neben mir. In seinen Augen steht Verwunderung. Da kannste mal sehen, denke ich.

Applaus, Christa Wolf kommt mit Familie und Freunden in den Saal. Jemand zeigt auf meinen Sessel. Der Akademiepräsident sieht meine Karte an und sagt, dass ich nicht hierher gehöre, nicht in die A-Reihe. Der A-Reihe folgen in diesem Haus übrigens noch B-, C-, D- und E-Reihen. Und dann erst kommt Reihe 1, meine Reihe. Mein Aufstehen erregt Aufsehen. Es wird dunkel, während ich meinen Platz, Entschuldigungen murmelnd, suche. Fotos von damals stehen im Internet, auch dieses: Auf meinem irrtümlich eingenommenen Platz sitzt Christa Wolf neben Klaus Staeck.

Irren ist menschlich.

Drei Männer, Steve Jobs, Ron Wayne, Steve Wozniak, gründeten 1976 die Firma Apple. Ron Wayne nahm elf Tage später seine Einlage von 800 Dollar zurück: Er war unsicher geworden, ob das Geschäft durchhalten würde. Es kam ganz anders. Ein BBC-Reporter irrte sich auch. Im September 2013 moderierte er die News mit einem Packen Druckerpapier in der Hand. Zuerst dachten die Zuschauer, dass der Packen etwas mit der Nachrichtenlage zu tun hätte. Hatte er aber nicht. Der Sender erklärte später, dass sein Anchorman nach seinem Tablet-PC hatte greifen wollen. Er sah nicht genau hin und hielt dieses Papierpaket, eine ganze Live-Ansage lang.

Irrtümer sind falsche Annahmen, aber derjenige, der sie verbreitet, ist von ihrer Richtigkeit überzeugt. Insofern ist der sich irrende Mensch eine ehrliche Haut. Anders als der Fehler verursacht der Irrtum meistens keinen Schaden, denn er ist aufzuklären.

Ein Kollege vom „Stern“ und seine schöne Frau luden in der dunklen Jahreszeit zum Spiele-Abend ein. Ich kam neu in die Runde, suchte die Hausnummer und las ohne Brille den Namen auf einem schwach beleuchteten Klingelschild. Eine Frau meldete sich, ich sagte: „Hier ist Regine, zum Spiele-Abend.“ „Komm rauf. Treppenlicht ist kaputt“, sagte die Frau und drückte den Türöffner.

Nur von ganz oben fiel Licht aus einer Wohnung in den Treppenschacht. Der berühmte Kollege wohnt aber bescheiden, dachte ich. Komm rein“, sagte die Frau. Ich kannte sie nicht, es war still hinter ihr. Sie rief in ein Zimmer: „Regine ist da, zum Spiele-Abend!“ Ein Mann saß am Computer und drehte sich lächelnd um: „Können wir machen.“ Ich kannte auch den Mann nicht. „Es ist ein Irrtum“, sagte ich leise und zog mich zurück, dem Paar war nun auch klar, dass mich keiner von beiden kannte. Falsche Hausnummer, aber sehr, sehr nette Leute. Auf dem Namensschild sah ich, dass dem Gastgeber im Vergleich mit dem Netten Paar ein Buchstabe gefehlt hätte. Minuten später stand ich im Lift, war Gast unter Gästen in einer erlesenen Wohnung und konzentrierte mich auf die Siedler von Catan.

Der Irrtum hat eine lange Geschichte, in der sich, beinahe zu jedem Thema, Beweise seiner Existenz finden. Die sich irrenden Personen sind oft Fachleute, denen es an nur Vorstellungskraft fehlt.

Einige Beispiele für meine Vermutung:

„Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und wird es keine Einheit geben. Das ist so sicher und so klar wie die Tatsache, dass der Regen zur Erde fällt.“ (1981, Erich Honecker)

„Die Annahme, dass die Sonne im Zentrum steht und sich nicht um die Erde dreht, ist töricht, absurd, im theologischen Sinne falsch und ketzerisch.“
(Inquisition zu Galileo)

„Ich bin überzeugt, dass weltweit ein Bedarf nach nicht mehr als fünf Computern besteht.“ (1943, Thomas J. Watson, Präsident von IBM)

„Wer in drei Teufels Namen will schon Schauspieler sprechen hören?“ (1927, H.M. Warner von Warner Brothers).

Mein Lieblingsirrtum stammt aus dem Jahr 1899 vom Leiter des amerikanischen Patentamtes: „Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden.“
Der Mann hat sein Pulver zu früh verschossen.

Brigitte Woman 01/14, April 2014 bearbeitet

Comments are closed.