Vertrauen und Misstrauen

Um an den Rätseln der Welt nicht zu verzweifeln, mache ich mir bestimmte Vorgänge anschaulich. Zum Beispiel wenn ich Namen vergesse. Gespräche mit Freunden verenden so: „Meine Lieblingsschauspielerin ist die… du kennst die… eine Blonde… vor paar Jahren war sie für den Oscar nominiert und hatte mal eine Affäre mit dem… mit dem… der immer so traurige Rollen spielt… Mann!“ Keiner kommt drauf, und für Google sind die Informationen zu dürftig. Aber ich glaube, dass mir der Name irgendwann einfällt, und so stelle ich es mir vor: Mein Unterbewusstsein fährt mit dem Lift runter, läuft durch Korridore. Es öffnet Türen und ruft den Namen. Es findet ihn, packt ihn am Kragen, fährt nach oben und legt ihn auf meine Zunge.

Für alles, was ich nicht kann, nicht weiß, nicht ausstrahle, finde ich kindliche Erklärungen.

Ich wüsste sonst keinen Grund, warum ich nicht misstrauisch bin. Wahrscheinlich wurde der Liebe Gott – oder wer auch immer mit meiner Schöpfung beschäftigt war – bei letzten Handgriffen abgelenkt. Deshalb vergaß er, mir das Misstrauen einzupflanzen und gab mir zu früh einen Klaps auf den nackten Hintern, der mich in den Bauch meiner Mutter beförderte. Ich bin eine Unvollendete.

Ich vertraue zu viel. Ich habe bösen Menschen Geld geliehen. Eine Freundin ist mit unbekanntem Ziel verzogen, nachdem ich ihr meine Jugendstil-Kette geborgt hatte. Großspurig auftretende Handwerker erwiesen sich als Dilettanten und Zerstörer. Von meiner Bankfrau kann ich gar nicht reden, das geht mir immer noch sehr nahe.
Das Wort „Vertrauen“ wird – außer in religiösen Zusammenhängen – von herabsetzenden Eigenschaftswörtern begleitet wie: „blindes“, „falsches“, übertriebenes“. Die aus der Politik bekannte Wortfolge „Ich habe volles Vertrauen in…“ ruft reflexartige Zweifel hervor.

Die öffentliche Verbreitung von Misstrauen ist eine Säule unserer Meinungsbildung: Glaube keinem Rentenbescheid, keiner Kursprognose, keinem Hotelcheck, keiner einzigen Reality-TV-Sendung. Glaube nicht an den Wahrheitsgehalt von Kontaktanzeigen oder an Diskretion im Umgang mit deinen Daten. Glaube keinem Foto mit schönen Menschen und Körpern seit Fotoshop.

Misstrauen ist Desillusionierung.

Viele Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. Wolfgang dreht jeden Schlüssel, auch den vom Schuppen, zweimal im Schloss herum. Kaum ein Mensch nimmt noch Tramper mit. Manch einer übertreibt es vielleicht auch mit dem Argwohn. Der Regisseur, der oben in meinem Haus wohnt, verschleiert seine Abwesenheit mit Possen: Er trägt seinen Koffer die Treppe runter und erzählt mir an meiner Wohnungstür ganz laut, dass in dem Koffer schmutzige Wäsche sei, er müsse zur Reinigung und käme bald wieder. In Wirklichkeit muss er wochenlang weg zu Dreharbeiten. Weil ich mich um seine Post kümmere, bin ich als Einzige eingeweiht. Die Eckdaten für meine Briefkastenverantwortlichkeit teilt er mir per e-Mail mit, vermutlich für Fremde chiffriert.

Wer über Misstrauen nachliest, erfährt Nachteiliges. Am schlimmsten soll es als Beziehungskiller wirken. Wer misstrauisch ist, sucht ständig nach Beweisen, die seine Gefühle rechtfertigen. Das kann nicht gut gehen.

Natürlich reden die Misstrauischen nicht Klartext. Sie sagen nicht: „Ich bin ein misstrauischer Mensch!“ Nein. Misstrauen, behauptet der Regisseur von oben, habe einen Hautgout, eine dunkle Seite. Er spricht in seinem Fall lieber von „gesunder Skepsis“. Besser noch von „Vorsicht“. Richtig zufrieden ist er aber erst, nachdem ihm das Wort „Umsicht“ eingefallen ist.
Außerdem bittet er mich, immer gut auf unser Haus aufzupassen.

Letztes Jahr stehe ich am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags am Fenster. Ein junger Mann mit großer Tasche läuft auf der anderen Straßenseite. Er öffnet mit einer Karte viele Haustüren und verschwindet. Fast alle Fenster sind dunkel, viele Parkplätze leer – Weihachten ist Stoßzeit Diebesbesuche in verlassenen Wohnungen.

Ich spüre nun tatsächlich Misstrauen und rufe die Polizei an. Sie kommt ganz schnell mit blau blinkenden Fahrzeugen unter Sirenenklängen und stellt Dieb wie Tasche. Die Polizei bittet mich zum Gespräch hinzu. In der Tasche sind Pfandflaschen. Der junge Mann ist ein Sammler, er darf gehen und sieht mich böse an.

„Na denn“, sagen die Polizisten und fahren ab ohne einen Weihnachtsgruß.

Brigitte Woman 11/13, April 2014 bearbeitet

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