Hätte. Könnte. Würde.

Immer mal wieder spüre ich eine Irritation. Das geht schon eine Weile so – es ist nichts Körperliches, nur ein diffuses Gefühl. Es entsteht durch eine einfache Erkenntnis: Das Leben ist irreversibel, ist unumkehrbar.

Ja, ja, das weiß jedes Kind. Ich habe auch als Kind gewusst, dass ich älter würde und nicht jünger. Aber ich habe darüber nicht nachgedacht. Ein Jahr folgte dem anderen, und die Sommer waren lang. Eine Perlenkette aus Naivität, Verwegenheit, Glück, Zufall, Dummheit und Pech legte sich um meinen Hals und wurde mein Leben. Irgendwann kann man nichts mehr herumreißen, das Grübeln erobert die Stimmung: Hätte ich damals… dann wäre ich… und könnte jetzt…

Mit solchen Gedanken stehe ich nicht allein. Bei meinen Freund Henry treten sie als Klagen über finanzielle Entscheidungen auf: Hätte er seinerzeit bestimmte Aktien gekauft, sagt er, dann wäre er jetzt richtig, richtig reich. Hätten Moderatorinnen, Schlagersänger, Fußballer, Schauspieler, Zahnärzte, Rechtsanwälte und andere vermögende Menschen nach der Wende ihr Geld nicht auf Ostimmobilien gesetzt, wären sie vermögend geblieben. Wäre Lothar Matthäus nicht nur Frauen eines bestimmten Typs verfallen, wäre vielleicht eine bei ihm geblieben. Hätte Guttenberg nicht so entschlossen über das Abschreiben seiner Doktorarbeit geschwindelt… – es gibt viele Sachen, auf die man sich eingelassen hat, ohne sie später aus der Welt schaffen zu können. Eine Freundin hat den Zeitpunkt verpasst, ihren erwachsenen Sohn aus der Wohnung zu werfen, jetzt kontrolliert er als Pascha ihr Leben. Unlängst fiel ich in Liebeskummer wie in ein Koma. Wie viel taktischer würde ich mich verhalten, wenn ich diese Beziehung noch einmal anfangen könnte.

Leben ist, wenn die Zeit weiterläuft. Im Film kann jemand in einer Zeitschleife hängenbleiben, wie Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in der Wirklichkeit führt jeder Tag zum nächsten Tag. Alles geht in eine Richtung. Schauspieler kann man älter schminken, aber kaum jünger. Man sieht das Künstliche.

Die Kunst kann alles behaupten. Jenny Erpenbeck lässt im Roman „Aller Tage Anfang“ eine Frau fünf Mal sterben, zuerst als Säugling, zuletzt und endgültig als alte Schriftstellerin. In diesem Buch ist der Tod der Hauptperson immer nur eine, durchaus einleuchtende Möglichkeit, die Geschichte kann ebenso einleuchtend weitergehen. In Intermezzi genannten Einschüben korrigiert die Autorin das zuletzt Erzählte und entlässt die Frau in das Weiterleben. Oder doch nicht?

Wer an der Zeitschraube dreht, betritt die Welt des Phantastischen, des Unmöglichen. 1984 hockte ein nackter Arnold Schwarzenegger – eine Kampfmaschine in Menschenhaut – auf einer dunklen Anhöhe in Los Angeles. Der „Terminator“ ist ein Zeitreisender aus dem Jahr 2029. Er kommt mit dem Auftrag, eine Frau zu töten, weil sie einen Sohn gebären wird, der in der Zukunft die Rebellion der Menschen gegen Maschinen anführt. Die Korrektur der Vergangenheit verändert die bereits existierende Zukunft. Für mich klingt das nicht unmöglich, seit ich gehört habe, dass große Teile des Universums in schwarzen Löchern verschwinden. Echt.

Was bedeutet Zeit für einen Lebenslauf? In Mark Twains Erzählung „Der geheimnisvolle Fremde“ befreunden sich drei Jungen mit einem Unbekannten. Sie lieben ihn, auch nachdem sie wissen, dass er ein Engel ist und ein Neffe des Teufels. Der Engel kann Gedanken lesen und kennt die Zukunft als feststehende Folge von Handlungen. Durch das Überspringen einer einzigen Handlung kann er das Leben eines Menschen von Grund auf ändern. Die Jungen bitten ihn, Schlimmes zu verhindern. Der allmächtige Engel aber ist gleichgültig: Wenn er einen Blick, einen Gang, ein Erwachen um ein Weniges verschiebt, kann sich alles zum noch Schlimmeren kehren.

Wegen dieser Erzählung überlege ich, ob der Zeitpunkt, zu dem ich die Wohnung verlasse, mein Leben aus den Angeln heben könnte. Ob ich lieber früher oder später gehen sollte. Leider werde ich es nie erfahren, man hat ja nur einen Versuch.

Brigitte Woman 07/13, April 2014 bearbeitet

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