Preis und Wert

Aus Geld kann mehr oder weniger Geld werden. Nur mal als Beispiel: Ich kaufe ein neues Auto und fahre beschwingt vom Hof. Wenn ich es am nächsten Tag aus irgendwelchen Gründen wieder verkaufen möchte, ist es weniger wert – obwohl nichts fehlt, kaputt ist oder abgenutzt. Es ist nur ein bisschen gebraucht.

Gebrauchtes hat keinen guten Ruf, und zum Verbrauchten ist es dann nicht mehr weit. In einem Brief an diese Zeitschrift stand, dass eine Leserin nicht mit George Clooney ins Bett gehen möchte: „Nee, der Mann ist mir zu verbraucht, und älter wird er auch.“ Das sitzt, aber nach allem, was ich so höre, laufen die Dinge für Clooney, 51, noch einigermaßen.

Manchmal kann etwas Altes sehr teuer werden: Ein Plakat von 1928 ging für über 100 000 Dollar bei einer Auktion weg: Ein Film-Poster, auf dem Micky Maus lacht – es war ein Druck, keine Originalzeichnung von Walt Disney. Ja, ich weiß, dahinter steckt der Markt. Er führt Angebot und Nachfrage zusammen. Aber viele Dinge sind mit Fantasien aufgeladen.

Für den internationalen Kunstmarkt hätte ich zu schwache Nerven. Lege ich da mein Geld auch sicher an? Selbst Kenner haben schon auf falsche Pferde gesetzt. Rubens soll zuletzt abgestiegen sein. Zum Glück hatte ich keinen. Aber „Der Schrei“ von Edvard Munch brachte letztes Jahr im Mai 120 Millionen Dollar, mehr als jedes andere Gemälde bei einer öffentlichen Versteigerung. Schlichen die Mitbieter wie geprügelte Hunde davon, waren sie heimlich froh, dass sie ihr Geld behalten hatten, gelten sie jetzt unter ihresgleichen als Knauser? Ich kenne leider keinen Menschen, der das wüsste.

Den teuersten Einkauf aus einer privaten Sammlung machte ein anonymer Kunstfreund. Er soll 2006 für einen Jackson Pollock 140 Millionen Dollar bezahlt haben. „No.5, 1948“ ist ein wirklich schönes, großes Bild: Action Painting, Öl auf Holz – ein Komposition wie tobendes Unterbewusstsein oder wie eine kosmische Erscheinung. Aber 140 Millionen? Immer Angst vor Einbrechern? Und wenn ich plötzlich mal Geld brauche – bekomme ich das Bild gut los? Zinsen gibt es auch nicht.

Das sind so meine Fragen.

Vor Jahren habe ich eine „Millionärsmesse“ besucht. Seitdem kenne ich mich im gehobenen Segment aus: Zigarren für 500 Euro das Stück in einem Mantel aus Blattgold, den man später mit der Asche in den Müll kehrt oder sehr lange für eine Zahnplombe sammeln könnte. Die Zigarren waren für mich als Nichtraucherin uninteressant. Lieber mochte ich einen Bettüberwurf mit zwei Kissen für 300 000 Euro, alles mit Diamanten verziert. Die Kissen müsste ich aber vor dem Schlafen umdrehen, denn die Diamanten würden mir das Gesicht zerkratzen. Ich sah Schuhvorwärmer mit Beleuchtung, Strandkörbe mit Ventilator, tragbare Luxustoiletten. Mir gefiel eine Badewanne aus honigfarbenem Zedernholz. Ich fragte nach dem Pflegeaufwand. „Manchmal einölen“, sagte der Berater, „aber das macht ja das Personal.“

Wie die meisten Menschen verdiene ich mein Geld unterhalb der Millionärsschwelle. Außerdem bin ich sparsam – ein ähnlicher Typ wie die Tochter einer Kollegin. Die griff mit ihrem Mann bei einem Urlaubsangebot zu: eine Woche auf Bali, pro Person etwas um die 500 Euro. Sehr günstig.

Nach der Landung stellten Kontrolleure fest, dass der Pass der jungen Frau nur noch vier Tage gültig war. Sie musste das Land auf der Stelle mit dem nächsten Flugzeug verlassen, das landete in Neukaledonien. Ihr Mann flog mit, obwohl er einen gültigen Pass hatte. Er liebt seine Frau. Bali liegt im Indischen Ozean, Neukaledonien im südlichen Pazifik. Das Paar nahm ein Zimmer, verhandelte mit einem Honorarkonsul und durfte später auf Bali Urlaub machen. Nach Bezahlung der Umwege kostete die Reise um die 10 000 Euro.

Im Briefkasten liegt ein Angebot: Weil ich eine bestimmte Zeitschrift abonniere, könnte ich eine Woche für eine Bildungsreise in die Türkei fliegen, in guten Hotels übernachten – alles für 99 Euro. Das kommt mir sehr wenig vor.

Die Reise kostet erst einmal Flugbenzin. Außerdem entspricht sie mit der Arbeit von Piloten, Stewardessen, Kofferträgern, Köchen, Kellnern, Zimmerfrauen, Gärtnern, Busfahrern und Dolmetschern dem Gegenwert von sieben Patronen für meinen Drucker oder von acht Packungen Ersatztüten für meinen Staubsauger. Fünf Türkei-Reisen haben den Wert einer Zigarre im Blattgoldmantel.
Was kommt raus unterm Strich?

Brigitte Woman 05/13, April 2014 bearbeitet

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