Allein in Gesellschaft

Ich würde so gerne ein anderer Mensch sein. Dieser Gedanke begleitet mich – besonders wenn ich Gesellschaften verlasse.

Für kleinere Kreise fehlt mir die Gelassenheit. Wenn man mich schon eingeladen hat, dann will ich auch ein guter Gast sein. Ich fühle mich mitverantwortlich für das Gelingen, so entsteht Druck. Es beginnt bei diesen Luftküssen. Seit sich kein Mensch mehr die Hand gibt, muss man mitmachen. Common Sense in Deutschland ist pro Wange ein Kuss. Aber ich weiß nie, auf welcher Seite man anfängt. Manche Gäste küssen auch drei Mal. Solche Küsse trafen mich schon voll auf den Mund, weil ich das Ganze für beendet hielt und in der Mitte angehalten hatte.

Ich kann es nicht aushalten, wenn das Gespräch bei Tisch versiegt. Es werden ja auch Leute eingeladen, die wenig oder gar nichts sagen. Was erwarten die eigentlich von einem Abend in Gesellschaft? Die Stille nach den abgeräumten Vorspeisetellern macht mich nervös. Meine innere Stimme sagt: „Du bist nicht im Dienst!“ Aber meine hörbare Stimme meldet sich zwanghaft zu Wort. Ich bin übrigens nicht schlecht im Erzählen, ich kann Leute zum Lachen bringen. Freundliche Gesichter wenden sich mir zu. Und Bums! werde ich für einen Abend zur Vorturnerin. Wenn wir später unsere Mäntel anziehen und die Luftküsse ihren zweiten Auftritt haben, weiß ich zu oft zu wenig von den anderen Gästen, und sie wissen immer zu viel über mich. Im Fahrstuhl stehe ich gelegentlich neben einer schönen Frau, die den ganzen Abend lächelnd geschwiegen hat. Wie interessant und geheimnisvoll! Wie Fantasie anregend! Wie gerne wäre ich wie die.

Bei größeren Gesellschaften, bei Bällen oder Empfängen, überfällt mich dagegen Schüchternheit: weil ich allein bin und nichts trinke. Ich wäre hin nach einem einzigen Glas. Mit Alkohol überwinden viele Schüchterne ihre Hemmschwelle, aber sie übertreiben auch – wie der empfindsame Künstler, der im Schloss Bellevue bei einem Empfang des Bundespräsidenten so viel getankt hatte, dass er vor aller Augen lang hin schlug. Auf der Frankfurter Buchmesse, das schwört eine Freundin vom Fach, bewegen sich auch Verleger von Weltrang tagsüber an den Ständen mit Stil, aber nachts im Frankfurter Hof auf allen Vieren.

Erfahrene Gastgeber sorgen für Überfüllung und gemischtes Publikum. Man soll sich durchs Gedränge schieben. Man soll sich wundern über ein Jackett aus Kunstrasen oder schwarze Zähne. Das Heterogene ist ein Spannungsfaktor. Das Überfüllte ist der Beweis, an einem begehrten Ort zu weilen. Ist jemand da, den ich kenne, an den ich mich eventuell ranhängen kann?

Erkenne deinen Status: Wer in den Augen seines Gegenübers Unruhe liest, gilt selbst nicht als allererste Wahl für ein längeres Gespräch. Dann sage ich schnell: „Man sieht sich.“ Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man an diesem Abend kein weiteres Wort miteinander wechseln wird.

Ich lasse mich treiben, zum Beispiel durch den Bundespresseball. Männern klopfen sich auf die Schulter und dröhnen: „Ich grüße Sie!“ Frauen begrüßen Frauen mit vertikalen Scannerblicken. Ich fühle mich unsichtbar. Endlich treffe ich einen älteren Herrn, den ich kenne. Er ist in junger Begleitung. Ich mache seiner hübschen Tochter ein Kompliment. Meine Interpretation war falsch. Das Pärchen sagt, es müsse weiter.

Der Single vagabundiert, Paare stationieren. Sie bleiben an den Stehtischen, da können sie abwechselnd zum Büfett gehen und den Essplatz frei halten. „Schatz, es gibt Hummer!“ Paare haben immer jemanden an ihrer Seite, mit dem sie sich notfalls unterhalten können.

Der Single ist für seine Unterhaltung allein verantwortlich, auf ihm lastet Erlebnisdruck. Ältere, allein stehende Damen bilden öfter Notgemeinschaften, sie schweifen ziellos umher und verlassen früh das Fest in Begleitung von Abschiedstüten. Ältere, allein stehende Herren bleiben an der Bar. Ab einem bestimmten Pegel sprechen sie jede vorübergehende Frau an.

Ich laufe auf sehr hohen Schuhen zwischen fremden Menschen. Das macht müde. Meistens gehe ich bei solchen Gelegenheiten zu früh weg. Ich glaube, dass man lange durchhalten muss, wenn man was erleben will. Angeblich wird immer spät ganz wild getanzt. Aber die Kraft habe ich heute nicht. Ich steige in ein Taxi und sehe nach, ob sich wenigstens die Abschiedstüte gelohnt hat.

Brigitte Woman 03/13, April 2014 bearbeitet

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