Geld und Geiz und Sparsamkeit

„Die Phönizier haben das Geld erfunden“, schrieb Johann Nepomuk Nestroy. „Aber warum so wenig?“ Geld allein macht nicht unglücklich. Man muss es nur in Zusammenhängen sehen.

Investoren können eine Summe, die unsere Vorstellung sprengt, als Etat für ein Großunternehmen beschließen. Später wird aus dem Etat ein Etappenziel, das nach weiteren Zuschüssen schreit. Alle Verantwortlichen sind überrascht – zuletzt beim Flughafen Berlin-Schönefeld. Es kann passieren, dass Menschen mit guter Ausbildung Plus und Minus verwechseln und sich um 55 Milliarden Euro verrechnen – wie die Bankenholding Hypo Real Estate. Die weltberühmte Fotografin Annie Leibovitz hat 24 Millionen Dollar Schulden. Wann mag sie bemerkt haben, dass sie Schulden hat?Umgang mit Geld ist ein großes Thema.

Geld ist zunächst nichts weiter als ein Zwischentauschmittel. Nur weil sich alle Welt darauf geeinigt hat, kann es zu weiteren Tauschgeschäften eingesetzt werden. Geld für Güter, für Kredite, für Sicherheiten, für Status. Es dauerte nicht lange, bis mächtige irdische Kräfte für eine unterschiedliche Verteilung sorgten. Beim Besitz von Verstand denkt nahezu jeder Mensch, er habe genug davon. Beim Geld ist es umgekehrt.

Natürlich glauben wir an innere Werte, aber wir glauben eben auch an gutes Aussehen. Das Materielle soll nicht dominieren, aber ein Notgroschen wäre schon wichtig, oder ein bisschen mehr Spielraum. Wir vergleichen uns, aus reiner Fairness, mit Menschen neben uns. Aber die nahe liegende Frage „Wie viel verdienen Sie?“ wird Verlegenheit auslösen und lauter Lügen. Mein Kollege Arno unterlief solche Neugier durch übertriebene Großzügigkeit: Wenn er sich für eine Gefälligkeit bedanken wollte, überreichte er Sträuße, die danach nur in Wassereimern gehalten werden konnten. Wenn dieser Kollege in der Kantine an der Kasse stand, bezahlte er oft auch für das Essen des nächsten Wartenden – den er gar nicht kannte. Derjenige musste allerdings eine junge Frau sein. Der Kollege verdiente wahrscheinlich sehr gut. Aber weil bei seinem Benehmen davon nicht viel übrigbleiben konnte, entging er den Neidern.

Jemand, der viel Geld besitzt, braucht originelle Ideen, um es zu behalten. Hier beginnt das Schattenreich des Geizes.

Ein Regisseur lädt gerne Leute ein. Er liebt tiefe Gespräche. Aber wenn er meint, dass die Gäste genug gegessen und getrunken hätten, klopft er, unabhängig von der Tageszeit, auf sein Handgelenk und sagt: „Die böse, böse Uhr vertreibt meine lieben, lieben Gäste!“ Ein zu Recht berühmter Fernsehautor lädt zum Kaffee ein, ich soll Kekse mitbringen. Ich stelle sie auf den Tisch und stecke einen Keks in den Mund. Er nimmt den Teller und versteckt ihn unter seinem Sessel, er will alles haben, will nicht teilen. Wir geraten in ein Handgemenge, das ich als die Jüngere gewinne. Aber die gute Stimmung ist dahin.

Der Geizige ist – außer bei Enkeln, die nach seinem Tod ein Millionenvermögen in verstaubten Einweckgläsern finden – ein ungeliebter Mensch. Zu Lebzeiten gönnt er sich und anderen nichts, obwohl er es könnte. Aber wann wird aus dem gesellschaftlich geächteten Geiz die gesellschaftlich akzeptierte Sparsamkeit? „Der Sparsame“, so heißt es in einem weisen Spruch, „kauft nur 1-lagiges Toilettenpapier. Der Geizige benutzt es von beiden Seiten.“

Überall wird gespart. Redaktionen benutzen Schreibprogramme, die schon einfache Texte produzieren können, und sparen Journalisten. Die Bahn spart Zugverbindungen. Drei junge australische Künstler sparen bei einer Performance in Berlin: Zwei Frauen und ein Mann belegen am Rand der viel befahrenen Schönhauser Allee ein kleines Schotterstück. Dort starten sie mit nichts in zehn Tage: Sie sind ganz nackt, wirklich. Sie haben kein Essen, kein Trinken, keine Decke, kein Dach. Sie wollen sich ganz der Hilfe ihrer Mitmenschen ausliefern.

Schon fünf Minuten nach Beginn der Aktion bringen ihnen fremde Leute was zum Überwerfen. Es folgt alles, was man braucht, auch ein Zelt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, irgendwo im Urlaub, auch so eine Performance zu wagen, die was einbringt. Ich lasse davon ab. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters.

Brigitte Woman 11/12, April 2014 bearbeitet

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