Gute Sprüche

Bei guten Sprüchen horche ich auf und überlege, ob das nur Witze sind oder schon Weisheiten, die ich beherzigen sollte.

Es gibt ein arabisches Sprichwort: „Vor der Ehe Augen auf. In der Ehe halb geschlossen.“ So etwas meine ich. Leider bin ich der Redewendung als junge Frau nicht begegnet, und später ergab sich keine Gelegenheit, sie auszuprobieren. Aber ich nehme auch kleinere Sprüche gerne mit, beispielsweise den: „Nie Samstags zu Ikea.“ Wer sich an diesem Tag mit einem sperrigen Einkaufswagen an der Hand und einer schwankenden Grünpflanze im Arm den Kassenschlangen genähert hat, wird zustimmen.

Eine Freundin mustert mich aufmerksam: „Wenn du dich mal nicht so fühlst, zieh’ was Helles an.“ Auch ein Spruch, der stimmt. Um mich noch besser zu fühlen, wasche ich mir an miesen Tagen zuerst die Haare und ziehe eine neue Strumpfhose an, möglichst frisch aus der Verpackung.

Mein Leben als Konsumentin kennt Griffe dicht daneben, falsche Größen, unbequeme Schuhe, unbedachte Schnäppchen. Ich nähere mich meinen Wünschen nur an. Als ich blaue Stiefel wollte, kaufte ich das erstbeste Paar, danach ein etwas besseres. Keines ist wirklich toll. In meiner Wohnung gibt es zu viele Sachen, die ich nur aus Unschlüssigkeit mitgenommen habe.

Aber jetzt lebe ich besser mit einem Spruch: „Nach jedem Einkauf sollst du zu Hause Freudensprünge machen.“ Vor dem Bezahlen schalte ich mein Gedächtnis an. Es prüft, ob das zur Entscheidung stehende Produkt bei mir zu Hause bereits vorhandene Produkte bei weitem übertrifft. Der Spruch imaginiert meine Gefühle beim Auspacken und Anprobieren vor dem Spiegel Und dann – ich hätte es ja auch nicht glauben wollen – erlischt fast immer die Gier. Auf die Frage: „Werde ich deswegen Luftsprünge machen?“, antwortet eine innere Stimme: „Wahrscheinlich nicht.“

Ich bin mit einem Paar befreundet, beide arbeiten im Filmgeschäft und sind seit 35 Jahren verheiratet. Die Frau hat etwas Elfenhaftes, Verführerisches, der Mann ist jungenhaft geblieben und verdient viel Geld. Sie werden beide Versuchungen erlebt haben, denke ich. Könnte es irgendeine Regelung für gelegentliches Fremdgehen, für Affären geben? Irgendwann, wir kennen uns gut genug, stelle ich die indiskrete Frage. Sie haben eine Antwort: Eine andere Beziehung würde akzeptiert, „wenn einer von uns was Besseres findet.“

Den Spruch merke ich mir. Er klingt cool, aber er verlangt eine ernsthafte Prüfung der Begierde und der Maßstäbe. Mit dem Spruch auf dem Gewissen macht man nichts Halbes.

Meine Mutter liebte Sprichwörter, sie sitzen mir immer noch im Nacken. Ich denke: „Am Abend wird der Faule fleißig“, wenn ich nach 22 Uhr die Küche durchwische. Mein ganzes Leben schrumpft auf die Kurzfassung: „Hinterher ist man schlauer“.

Vor Jahren gab es im Fernsehen „Das Glücksrad“. Das drehte sich und gab verschiedene Buchstaben frei, aus denen drei Kandidaten so früh wie möglich ein Wort oder Redewendungen zusammensetzen sollten. Einmal hieß die Aufgabe „Geflügelter Spruch“. Viele Buchstaben standen da, einige fehlten noch. Wer weiß was? „Ick löse!“ rief der Kandidat aus Berlin: „Der Zwerg reinigt die Kittel!“ Das war falsch.

Brigitte Woman 09/12, April 2014 bearbeitet

Comments are closed.