Touristen

Wegen einer Recherche musste ich ein Bordell besuchen und bat meinen damaligen Chefredakteur, einen aufgeschlossenen Mann, mich in eine Szene zu begleiten, von der ich keine Ahnung hatte. Wir kamen in so ein Haus und nahmen im Kontaktraum Platz. Eine junge Frau setzte sich auf den Schoß meines Chefs und ging ihm an die Wäsche. Als sich unsere Augen trafen, fragte die Hübsche höflich: „Wo kommst’n du her?“ Ich sagte: „Mitte. Krausnickstraße.“ Sie strahlte: „Icke Große Hamburger.“ Das ist bei mir um die Ecke. Sie stieg von meinem Chef runter.

Anwohner nehmen gerne Kontakt auf, wenn sie sich zufällig treffen. So läuft es auch mit den Prostituierten, die nachts an der Oranienburger Straße stehen – hohe Stiefel, geschnürte Mieder, große Klappe. Aber nett. Eine macht mich auf meinen defekten Scheinwerfer aufmerksam, als ich aus dem Auto steige. Ich bedanke mich, und sie ruft mir nach: „Dit wollte ick neulich schon deine Tochta sagen.“ Man sieht sich, man lächelt sich an. Ich mag meinen Kiez und diese Frauen, aber ich sehe ein Problem: Sie ziehen die Touristen an.

Früher hieß der Besucherstrom amtlich „Fremdenverkehr“. Als dieses Wort gegen das Wort „Tourismus“ ausgewechselt wurde, war ich viel jünger und dachte, dass man das aus Anstand gemacht hätte – Fremdenverkehr klingt ja ein bisschen anzüglich. Aber das neue Wort sollte nur ausdrücken, dass keine Fremden kommen. Sondern Reisende, Gäste, Besucher mit Interesse an unseren Museen, Theatern, an der Kunstszene, später auch an Mauerresten. Ostern waren zwei Millionen Besucher in Berlin. Ich habe das Gefühl, allen begegnet zu sein, denn sie bevorzugen meine Gegend.

Touristen sind mit einem anderen Zeitgefühl unterwegs als wir Anwohner. Touristen schlendern, plötzlich bleiben sie vor einem Bonbonladen stehen, unsereiner dahinter läuft in ihren Rücken. Als Fußgängerin muss ich mich durch Menschenströme kämpfen, keiner geht aus dem Weg, wenn ich schwere Taschen schleppe, aus denen Porreestangen oder Teppichreiniger ragen. Als Autofahrerin achte ich auf Personen, die auf der Straße liegen: Das sind Hobbyfotografen, die bäuchlings dem Postfuhramt eine spezielle Perspektive abtrotzen.

Wir Anwohner sind in der Minderheit. An einem Sommerabend habe ich zwischen Alexanderplatz und meiner Wohnung ausschließlich Fremdsprachen gehört, zwei davon konnte ich nicht mal einem Kontinent zuordnen – ich sah mich schon als Opfer einer Sendung mit versteckter Kamera.

Meine Stadt ist arm. Touristen geben Geld aus. Ich fühle mich verpflichtet, als Berlinerin einen guten Eindruck zu machen. Wem im Gegenwind der auseinander gefaltete Stadtführer ins Gesicht flattert, der kann mit meiner Hilfe rechnen. Ein Mann fragt mich mit schwerem Akzent nach einer Straße, deren Namen ich noch nie gehört habe. Ich zucke die Schultern, sorry. Er macht einen Schritt auf mich zu und setzt nach: „Jetzt wir uns kennen. Kaffeetasse?“

Ganz am Anfang folgten die Menschen aus Nahrungsgründen den Weideplätzen und Wasserstellen. Früher gab es noch kein Pub-Crawling: Weil Alkohol bei uns relativ billig ist, reisen von weither Touristen zum Komasaufen an. Von Scouts geführt folgen solche Horden den Kneipenrouten, unterwegs reicht der Scout seinen Kunden Wodka-Lemon aus der Flasche, damit die Abstände nicht zu groß werden.

Früher wohnte man im Hotel oder bei Freunden. Heute gibt es preiswerte Unterkünfte ohne menschliche Anbindung. Eine zu Recht preisgekrönte junge Schriftstellerin kann in der Invalidenstraße nicht mehr schlafen, sie zieht jetzt um: Ihr Hausbesitzer hat acht von zehn Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt. Die Schriftstellerin wird nachts wach – Musik, Gelächter, Schlägereien. Sie tappt über die Etagen, klingelt und bettelt um Ruhe. Besoffene Feriengäste lachen sich kaputt über die Person im Nachthemd. So kann keine Literatur entstehen. Nicht unter einem Dach.

Jeder von uns ist mal Tourist und verkennt die Lage. Mir fallen die Leute ein, die in Ägypten von einem Ausflug ins Hotel heimkehren wollten. Sie stiegen in einen Bus und nannten mit deutscher Sprachfärbung ihr Ziel. Der Busfahrer verstand sie nicht. Die Frau zog ihren Mann zum Ausgang und sagte laut: „Der kennt sisch hier nit aus.“

Brigitte Woman 07/12, April 2014 bearbeitet

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