Runde Geburtstage

Abgesehen von den Überhundertjährigen gibt es maximal zehn runde Geburtstage in einem Menschenleben. Das ist nicht viel. Außerdem muss man ein bestimmtes Alter erst einmal erreicht haben, um ein Bewusstsein für die Symbolkraft runder Geburtstage zu entwickeln. Dadurch sind die ersten beiden schon mal weg.

Am Anfang ist jeder Geburtstag wichtig, weil man als Kind immer höher wächst. Der 16. ist wegen des Personalausweises wichtig. Mit dem 18. Geburtstag wird man erwachsen mit allen Konsequenzen, dagegen ist der 20. unspektakulär. Aber an den 30. Geburtstag können sich die meisten erinnern.

„Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher.“ So beginnt Ingeborg Bachmanns Erzählung „Das dreißigste Jahr“. In diesem Alter erfolgen Entscheidungen für einen Beruf, für einen Mann, eine Frau, für Kinder oder auch nicht. Der Ernst des Lebens schickt Grüße.

Danach kann das Leben noch einmal Kurven nehmen. Bei den 40. und den 50. Geburtstagen sind Zuwächse aus Zweit- oder Drittbeziehungen üblich geworden. Wenn es gut geht, können sich alle ohne größere Probleme treffen. „Meine Kinder und deine Kinder verhauen unsere Kinder“, beobachtet eine versonnene Ehefrau.

Die Hälfte des Lebens ist jetzt vorbei, runde Geburtstage werden knapp. Viele Leute spüren das und vermehren ihr Kapital durch kürzere Intervalle – sie feiern nun auch die Fünfer. Das geht aber erst mit 65 Jahren los, jedenfalls kenne ich keinen, der aus seinem 45. oder 55. Geburtstag eine große Sache gemacht hätte.

In der DDR konnten Frauen schon mit 60 Jahren in Rente gehen. Eine sehr beliebte, etwas abgedrehte Schauspielerin hatte sich ihr ganzes Berufsleben fünf Jahre jünger gemacht. Beim Mauerfall war sie offiziell fast sechzig. Da gestand sie den Schwindel, wurde amtlich schlagartig fünf Jahre älter und konnte sofort ihre Rente beantragen.

Auch wenn man sich nicht so fühlt, selbst wenn man nicht so aussieht – Rente macht irgendwie alt. Außerdem kennt man Leute, die noch älter sind. Früher fiel das nicht so auf. Aber wenn die jetzt zum Geburtstag einladen, muss man hin. Könnte ja der Letzte sein. Die Kreise verändern sich kaum noch, außer dass sie kleiner werden. Ein harter Kern versichert einander, sich ganz gut gehalten zu haben. Diese Feste enden nicht mehr am frühen Morgen und obwohl weniger Alkohol getrunken wird, bin ich danach total fertig. Das kommt durch den Lärmpegel: Viele Männer, schwerhörig geworden, schreien.

Meine Nachbarin feierte ihren Siebzigsten auf unserem Hinterhof. Sie hatte Tische und Stühle zusammengeborgt, es wurde gegrillt, ein älterer Mann spielte Akkordeon, die Nachbarschaft war eingeladen und. Die Jubilarin machte genau die schöne Feier, die sie sich leisten konnte.
Leute mit mehr Spielgeld schicken elegante Einladungen, zum Beispiel für ein Fest in ihrer Ferienvilla in Südfrankreich. Sie liegt weit außerhalb einer Stadt. Man erhält Hotelvorschläge mit erstaunlichen Preisen und fährt zähneknirschend hin. Es geht immerhin um alte Freunde. Aber was schenkt man zu diesem Anlass? Ein reicher Freund wünscht sich zum 70. Geburtstag ein extrem teures Rennrad – „vorgetäuschte Männlichkeit“ sagen die, die das Rad bezahlt haben.

Das Internet macht Hunderttausende Angebote für runde Geburtstage. Zum 60. könnte man Würstchen-Fässer mit der Aufschrift „Extrem knackig“ wählen. Man könnte Gedichte wie dieses aufsagen: „Heute wünschen wir dir ein schönes Fest, dass du auch reichlich dich beschenken lässt.“

Noch lieber verschenkt man Erlebnisse. Deshalb baumelt bei einem Internet-Anbieter ein älteres Ehepaar am Fallschirm – ich vermute: Fotoshop. Fallschirmsprünge gibt es schon ab 199 Euro.

Über die Jahre verlagert sich die Organisation vom Geburtstagskind auf seine Nachkommen. Selbstgemachtes weicht einem guten Catering. Die Hauptperson gibt die Sache aus der Hand. Sie wird in einen Sessel gesetzt, um Gratulationen entgegen zu nehmen. Das Gedächtnis macht leider nicht mehr mit: „Aber Opa, das ist doch die Gitti! Meine Frau!“ Es folgt ein langes, launiges Programm, gegen Ende nickt das Geburtstagskind ein.

Je älter jemand wird, umso mehr Theater wird um den Geburtstag gemacht, obwohl die Hauptperson immer weniger davon hat.

Brigitte Woman 065/12, April 2014 bearbeitet

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