Schöne Männer

Es zählen die inneren Werte, natürlich, aber nicht zuerst. Zuerst guckt man, weil jemand gut aussieht. Beim Essen sagt man ja auch: Das Auge isst mit.

Äußere Reize sind unsere ersten Informationen über fremde Menschen. Mehr weiß man da noch nicht, fällt aber ruckzuck ein Urteil. Bei einem schönen Mann zum Beispiel reagiert mein Mandelkern positiv. Das ist eine Region, die zu den stammesgeschichtlich ältesten im Gehirn gehört, ich kann nichts dagegen machen, innere Werte sind erstmal egal. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Schönheit wird in Millisekunden erkannt, reflexartig, eher unbewusst. Und ich schmelze dahin. Ob ein Mann oder eine Frau – Schönheit kann mich milde stimmen, bestechen, überwältigen.

Schöne Menschen bekommen bei vielen Gelegenheiten einen Bonus: weniger strenge Urteile vor Gericht, leichter Kredite bei der Bank, höhere Gehälter, sie machen schneller Karriere, schon als Babys erhalten sie mehr Zuwendung – das alles ist wissenschaftlich bewiesen. „Schönheit“, sagt der Buchautor Ulrich Renz, „ist ein Skandal.“

Na ja. Nicht alle schönen Menschen haben nur Vorteile. Jedenfalls möchte ich nicht in der Haut schöner Männer stecken – so wie die angefeindet werden. Ich habe es noch im Ohr: „Robert Redford, der Kotzbrocken“, das sagte eine Freundin. Sie hatte keine Informationen über den Schauspieler, sie wollte nur sein gutes Aussehen runtermachen. Vielleicht möchte man geistreich und anspruchsvoll erscheinen, wenn man Schönheit als billige Oberfläche abtut.

Schöne Männer wirken provokativ. Zu schön, um viril zu sein. Attraktivitätsforscher sprechen von „stereotypen Abwehrreflexen“: Schöne Männer müssten sich nicht anstrengen. Sie wäre langweilig. Sie wären eitel. Schönlinge, Beaus, Schwiegermutterlieblinge. Der naturschöne Mann ist eine Ausnahme, deshalb sind die Regelfälle nicht gut auf ihn zu sprechen, aber auch Frauen behaupten – ich habe viele gefragt – dass sie sich für interessante Männer interessieren, aber doch nicht für schöne.

Die Männer, die ich attraktiv finde, haben keine gute Presse und wenige Verteidiger. Den Weltfußballer David Beckham machten die Sportseiten zum Weichei, als er während der WM 2006 krank wurde und sich während eines Spiels übergeben musste. Wenn man in den Schauspieler Hugh Jackman reinsteche, „würde es „Pfiffft! machen und Eiweißpulver rieseln“, schreibt eine Frau im Internet zu Thema Schöne Männer. Markus Lanz moderiert eine unterhaltsame Talkshow schlagfertig, selbstironisch. Und er sieht gut aus. Spiegel-online nannte ihn „Witwenbeglücker“, so bellt der Mops den Mond an. Vor der Aufführung des Films „Syriana“ fragte der Kinoleiter scherzhaft, ob die Frauen etwa einen Mann wie George Clooney gut fänden, die sollten sich mal melden. Da gingen die Hände ganz hoch, der Mann verließ perplex die Bühne. Ich hatte mich auch gemeldet. Die Frau neben mir, schon älter, stieß mich an und sagte: „Clooney finden Sie gut? Bei mir hätte der keine Chance!“ Es ist leicht Angebote abzulehnen, die man nicht erhalten hat.

Schönheit ist ein unverdientes Geschenk: eine Kreuzung aus bestimmten Genen. Wer nicht so schön ist, fühlt sich benachteiligt. Oder er bezweifelt die Echtheit: „Sieht doch total künstlich aus, dieser Mund von Angelina Jolie“, schreibt jemand im Internet. Aber in der Biografie, die gerade auf meinem Nachtisch liegt, sind auch Kinderfotos von Angelina Jolie abgebildet, deshalb kann ich behaupten, dass sie diese besonderen Lippen schon im Alter von vier Jahren hatte.

Leider ist die stumme Bewunderung einer Naturschönheit dem skeptischen Taxieren gewichen: Bei der Frau am Pool stechen die Brüste in den Himmel, aha, Implantate. Auf einer faltenfreien Stirn steigen die Augenbrauen in einem bestimmten Winkel? Botox. Aufgerissene Augen? Lidstraffung. Auf RTL2 kann man bei „Extrem schön“ zusehen, wie Chirurgen, Zahnärzte und Stilisten aus nicht gut aussehenden Frauen ziemlich gut aussehende Frauen machen.

Am Ende drehen die sich, schlank durch Fettabsaugung, lächelnd mit neuen Zähnen, mit einem neu modellierten Gesicht vor ihrer nicht operierten Familie. Mann und Frau hatten äußerlich vorher ganz gut zusammengepasst. Jetzt nicht mehr. Hoffentlich hält die Liebe trotzdem.

Brigitte Woman 01/12, April 2014 bearbeitet

Comments are closed.