Urlaub

Bald verreisen die Wintersportler in Schneegebiete, und Fröstelchen buchen Flüge in die Sonne. Aber jetzt, im Oktober, müssten die meisten Deutschen zu Hause sein. Der Sommerurlaub liegt hinter ihnen.

Man beginnt ihn wie ein argloses Kind.

Viele Menschen haben gute Vorsätze und legen am Urlaubsort mit einem anspruchsvollen Sportprogramm los. Bald ziehen sie ein Bein nach – Zerrung beim Tennis. Eine junge Frau bekam einen Muskelfaserriss beim Gummi-Eisbergklettern im Badebecken, das war eines dieser Clubvergnügen. Meine Tochter musste kurz nach der Ankunft bis zur Abreise eine festgezurrte seeblaue Oberkörperbandage tragen, weil sie sich beim Basketball einen Arm ausgekugelt hatte.

Bis vor wenigen Jahren sind wir zusammen verreist. In Lanzarote wurde unser Leihwagen ausgeraubt, in einer Tasche lag meine Fahrerlaubnis. Ich verdrängte das und fuhr zu Hause ein Jahr ohne, bis die Sache mit viel Ärger aufkam. In Ägypten gab es ein kleines Erdbeben, die Gäste standen im Nachthemd um den Pool. Passiert war nichts, ich kann mich nur an das kreischende Geräusch erinnern, das die Schiebetüren vor den Balkonen machten, wie von Geisterhand geführt. In Ägypten hatte ich auch noch Wasser mit Eis getrunken. Danach kam ich nicht aus der Toilette. Die Tochter war verschont geblieben. Tage später wollte ich ihr an den Strand folgen. Aber im Flur überkamen mich Bauchkrämpfe, ich kroch auf dem Fußboden zu einer Tür und klopfte. Ein Japaner öffnete. Er sah ins Leere, bis ich mit matten „Help“-Rufen seinen Blick zu mir lenken konnte, da unten.

Mein Gepäck ist immer zu schwer, und ich packe immer die falschen Sachen ein. Das kommt von den Bildern im Kopf. Die Insel Hiddensee zum Beispiel verband ich mit Sonne, Wind und dem Sommerhaus von Asta Nielsen, dem Stummfilmstar. Einem nostalgischen Eleganzgedanken folgend nahm ich nur weiße Sachen mit, auch ein weißes Häkelmützchen im Stil der Zwanziger. Hiddensee war kalt und nass. Als ich mir im Hotel wetterfeste Sachen geborgt hatte, konnte ich das Haus verlassen.

Ich bewundere perfekte Reisende. Sie führen Apotheken mit sich, sie haben die derzeit wichtigsten Autoren ihres Gastlandes gelesen und die Schnorchelausrüstung auf Empfehlung der Stiftung Warentest erworben. Eine Bekannte besuchte einen Portugiesisch-Kurs an der Volksschule und brillierte später am Strand von Rio mit der korrekten Bestellung einer Kokosnuss. Ich kenne Leute, die ihr Geld so günstig über Fremdwährungen umtauschen, dass sie mit dem Gewinn fast umsonst einmal die Liegestühle am Strand ausleihen könnten.

Gerade habe ich Freunde in Kanada besucht. Ich weiß nicht, ob es überall so ist wie in der Gegend um Halifax, aber hier war ich begeistert. Man schließt Häuser und Autos nicht ab. Jeder winkt jedem einem Gruß zu, auch der Rocker auf seinem ultrabreiten Motorrad hebt den Arm. Vor dem Haus meiner Freunde liegen Seerobben auf den Felsen in einer großen Bay. Bald konnte ich ihre Rufe so gut nachahmen, dass sie mir antworteten. Nachbarn redeten über meine Begabung.

Erholt traf ich am Flughafen Halifax ein. Die eingecheckten Passagiere warteten, Familien mit kleinen Kindern durften schon durch die letzte Kontrolle. Dann kamen alle zurück. Lange passierte nichts.

Um Mitternacht verließ die Crew mit schwarzen Rollis die Maschine. Flugkapitän Adler – guter Name für einen Mann seines Berufs – machte eine Mitteilung: Das Cateringfahrzeug war in unser Flugzeug rein gefahren. Es gebe ein Loch. Er wolle lieber nicht fliegen. Wir verstanden das, 260 Passagiere und sieben Hunde checkten aus. Wir zogen mit dem gesamten Gepäck durch einen verlassenen Flughafen und suchten Schlafplätze. Hotelzimmer gab es keine wegen eines Musikfestivals in der Stadt. Ich lag auf einer Bretterbank, umtost von Reinigungsgeräten und gekühlt von der Klimaanlage. Unser Ersatzflugzeug kam 21 Stunden später aus Mallorca. Flugzeuge stehen nicht überall rum. Nach 40 Stunden ohne Schlaf landete ich in Berlin-Tegel. Mein Koffer war weg.

Vor vielen Jahren standen meine Freunde Jutta und Peter auf einem Bahnsteig und wetterte über Zugverspätungen. Ein ölverschmierter Gleisarbeiter kletterte auf den Bahnsteig und schrie mit dem ganzen Frust verkannter Tüchtigkeit: „Dann bleibt doch mit dem Arsch zu Hause!“

Ja, man könnte. Aber man macht es nicht.

Brigitte Woman 11/11, April 2014 bearbeitet

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