Loslassen

Meine Tochter hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Ich bin ziemlich sicher, dass ich ohne dieses Kind nicht auf den Grund der Liebe und Selbstlosigkeit hätte tauchen können.

Sie besaß von Anfang an etwas Strahlendes und ging auch auf Fremde mit offenen Armen zu. Als sie ein kleines Mädchen war, sagten manche Freunde, dass die Probleme schon noch kommen werden: mit dem Kindergarten, mit der Schule, mit der Pubertät. Das war aber nicht so. Ich erinnere mich, was das Kind betrifft, nur an heitere Zeiten.

Sie war sieben Jahre alt, als ihr Vater sich in eine andere Frau verliebte. An dem Tag, an dem er ausgezogen war, sagte meine Tochter, sie wolle nie wieder etwas geschenkt bekommen, nicht zu Weihnachten und nicht zum Geburtstag – sie wolle nur, dass ihr Papa wiederkäme. Den Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen, aber ich wollte eine gute, die beste Mutter sein. In den Jahren danach habe ich manchmal gefragt, ob sie die Trennung ihrer Eltern als Unglück empfunden habe. „Nein. Ich hatte eine glückliche Kindheit, Mama. Wirklich!“, sagte sie immer und lachte.

Während des Studiums zog sie in eine andere Stadt, nach Hannover. Sie führte ein Leben, von dem ich nicht alles wusste, sie hatte Freunde, die ich nicht mehr alle kannte. Aber wenn sie Kummer hatte, setzte sie sich auf meinen Schoß. Ich hielt sie fest und wusste, dass ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben war.

Wo bitte kann man lernen, sich auf den Tag vorzubereiten, an dem sich das ändert? Wo lernt man eine passable Haltung?

Eigentlich ist alles in Ordnung. Es gibt einen jungen Mann, der meine Tochter glücklich machen wird, das sieht man. Er hat einen interessanten Beruf und ein intaktes Elternhaus – Vater, Mutter, drei Brüder, zwei Omas. „Eine richtige heile Familie“, sagt meine Großstadttochter, die gerne da hinfährt. Sie ist herzlich willkommen. Sogar der scheue Dackel, höre ich, freut sich, wenn er sie sieht. So etwas wünscht man sich doch als gute Mutter.

Ich kenne Eltern, die ein neues Leben anfingen, als die Kinder aus dem Haus waren. Sie kauften einen Wohnwagen, sie räumten das Kinderzimmer aus und stellten ein Klavier rein oder einen Cross-Trainer. Roswitha liebt ihre Tochter, die, weit über zwanzig und im Berufsleben stehend, kostenlos bei den Eltern wohnt. Roswitha macht morgens das Frühstück und hört nebenbei, wie lange die Tochter duscht. Als gute Mutter will sie nicht an die Wasserrechnung denken, aber es passiert eben doch.

So ähnlich muss es auch bei Günther Jauch sein: Wenn ein junger Mensch auf dem Millionärsstuhl und dessen Mutter im Publikum sitzt, dann fragt der Jauch immer, ob der Kandidat noch zu Hause wohnt. Wenn die Mutter nickt, setzt Jauch eine besorgte Miene auf und bringt die Frau auf eine Spur: Mit dem gewonnenem Geld könnte der Nesthocker in eine eigene Wohnung ziehen. Müsste alles selber bezahlen und die Wäsche selber waschen. Jauch redet den Leuten solche Gedanken richtig ein, deshalb denke ich, dass die auch in ihm arbeiten. Vielleicht müssen seine vier Töchter bald aus dem Haus.

Ich habe mir nie gewünscht, dass die Nähe zu meiner Tochter aufhört. „Du musst sie endlich loslassen!“, sagen die besten Freunde.
Wie denn? Nicht mehr anrufen? Förmlicher werden? Abstand herstellen?

Wenn sich mein Kind mal ernsthaft verlieben wird, dann habe ich – was für ein Glück – zwei Kinder. Das war immer ein Spruch von mir. Aber dieser neue Mann will gar nicht mein Kind sein. Jedenfalls nicht gleich. Nicht so überrumpelt. Immerhin lässt er sich von mir inzwischen in der Form umarmen, dass er sich aus großer Höhe ein kleines Stück nach vorne beugt. Er hat mir einen Klingelton auf dem Handy eingestellt und vom letzten Besuch bei den Eltern Gartenrosen mitgebracht, die in meiner Wohnung duften.

In: Brigitte Woman 09/2011, April 2014 bearbeitet

Comments are closed.