Aus der Welt fallen

Seit einiger Zeit verfolgt mich der bestürzende Gedanke, dass ich nicht mehr in die Welt passe.
Früher schwamm ich im Fluss des Lebens mit, als Fisch unter Fischen. Meine Gewohnheiten hielt ich für zeitgemäß und verbreitet. Ich nahm selten Anstoß an anderen Menschen. Das Fernsehpublikum entschied sich zwischen wenigen Sendern, und weil viele Leute dasselbe Programm sahen, ergab sich täglicher Gesprächsstoff zwischen gesellschaftlichen Schichten. Volle Frauenlippen waren ein Geschenk der Natur. Wer unterwegs einen Kaffee trinken wollte, suchte sich ansprechende Räume, in denen Menschen auf Stühlen saßen und aus Tassen tranken, die nicht anschließend auf die Straße geworfen wurden. Alle Berliner Theaterbesucher zogen sich ordentlich, sogar festlich an.

Es waren glückliche Jahre.

Jetzt wundere ich mich über viele neue Sitten. Ich gehöre allerdings zu einer Generation, die die Türen von Telefonzellen fest hinter sich zuzog: So sicherte man kleine Privatsphären – kein Fremder sollte hören, was am Telefon besprochen wurde. Es könnte sein, dass junge Menschen von heute solche Schrulle nicht glauben möchten.

Junge Frauen mit gürtelbreiten Röcken, denen man früher wegen ihrer Aufmachung eine leichtsinnige Lebensart unterstellt hätte, tragen T-Shirts, auf denen „Fuck You“ geschrieben steht. Die Aufforderung ist eine Provokation, schon klar. So müssen sich die Mädchen nicht genieren, wenn sie absichtlich die Blicke auf sich ziehen.

Es ist üblich, mit Zoten belästigt zu werden: In einer Radiowerbung geht es um Preissenkungen bei Roller, einem Online-Shop. Der Trailer beginnt mit einer Frauenstimme, die „tiefer“ stöhnt. „Tiefer! Tiefer!“ Stefan Raab kündigt in seiner Sendung „TV total“ ein spektakuläres Video an – gleich könne man Biber bei der Paarung beobachten: „Legen Sie schon mal die Taschentücher bereit!“ Soll alles Ironie sein, aber was ist daran komisch? Als bei „Deutschland sucht den Superstar“ eine Jurorin „Gänsehaut“ bei einer Darbietung bekommen haben will, fragt der schmierige Moderator nach: „Überall?“

Weil mich immer interessiert, was andere Menschen interessiert, sehe ich häufig Privatfernsehen. Dort passieren seit ein paar Jahren unglaubliche Dinge. Bei „Frauentausch“ sah ich eine Frau, die der Tauschmutter ins Gesicht spuckte. Bei „Das Supertalent“ trat ein Mann auf, der „An der schönen blauen Donau“ furzen konnte. Hier war, vielleicht, noch ein kultureller Ansatz zu erkennen. Aber beim nächsten Auftritt schob sich dieser Mann ein Blasrohr in seine anale Öffnung (Nahaufnahme). Dann schoss er durch Leibeswinde einen Pfeil in einen Luftballon, der beim Platzen goldenen Glitter verstreute. Ich schwöre, so war es.

Man nimmt inzwischen alles hin. Es gibt keinen Aufruhr, es gibt keinen Konsens über Anstand, Diskretion. Es gibt Quoten und parallele Welten.

„Warum siehst du dir so etwas an?“, fragen die vornehmen Freunde. Weil ich als Journalistin Munition sammle und nach Gründen suche, warum im echten Leben die Sitten verkommen. Juristen, zum Beispiel, erleben Gelächter, Applaus, Zwischenrufe in ihren Verhandlungen. Das Publikum verlangt nach einem Event, nach Unterhaltung – so wie in den lärmenden, getürkten Gerichtsshows im Privatfernsehen. Dieses Benehmen im Publikum habe erst nach der Anlaufen dieser Shows begonnen, sagt eine Richterin im Interview.

Ich will manche Sachen nicht zulassen, wenigstens in meinem Umfeld nicht. Ich spreche den neuen jungen Ladenbesitzer an, der mit Bekannten draußen sitzt, alle schnippen Kippen auf die Straße. Ich erzähle denen was von der Belastung des Grundwassers und dem Sinn eines Aschenbechers. Sie geben Versprechen ab, die sie nicht halten werden. Aber ich bin einfach nicht der Typ, der still leidet. Wahrscheinlich gelte ich längst als Zicke. Die Hundehalter machen keinerlei Anstalten, beim Gassigang ihre Tiere von den schönen Blumenkübeln vor dem Uhrenladen wegzuziehen. Ich beobachte das täglich aus meinem Fenster. Viel Wut hat sich angesammelt.

Und dann explodiert man eben. Ich schreie eine Frau an, sie solle ihren verdammten Köter sein Geschäft woanders verrichten lassen. Die Frau sucht nach der Stimme von oben, entdeckt mich am offenen Fenster und reagiert kühl: „Aber nicht in diesem Ton!“

Brigitte Woman 07/11, April 2014 bearbeitet

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