Das Glücksgeheimnis

In dem Buch „Das Glücksgeheimnis“ erzählen langjährige Paare über das Gelingen ihrer Liebe. Bei der Berliner Buchvorstellung im März 2009 fragte ein junger Mann aus dem Publikum, ob die beiden Autorinnen während ihrer Recherchen etwas entdeckt hätten, das die befragten Paare verband – ein Prinzip oder eine Regel. Die Co-Autorin Bärbel Schäfer antwortete sofort: „Loben, loben, loben!“ Und ich dachte auf meinem Stuhl: Das ist eine große Weisheit. Merke sie dir.

In meinem Leben bin ich in viele überflüssige Scharmützel gezogen, zum Beispiel mit meiner Mutter. Wir waren beide nicht imstande, uns mit milden Augen anzusehen. Das blieb so bis zu ihrem Tod. Vor einiger Zeit erzählte eine junge Freundin, sie käme mit ihrer Mutter aus der Eskalationsspirale nicht heraus, und die drehe sich bei jeder Begegnung. Älter und erfahrener geworden gab ich einen einfachen Rat: „Wenn du bei deiner Mutter ins Zimmer kommst, lobe irgendwas – und wenn es die Tischdecke ist.“ Später bedankte sich diese Freundin bei mir wie für eine Wundermedizin. Alles sei anders gewesen, nachdem sie „Schöne Tischdecke!“ gesagt hatte: die Mutter entwaffnet, die Stimmung friedlich, der Abschied herzlich.

Ich glaube an die Kraft des Lobens. Mit jedem Lebensjahr mehr.

Aber das Lob genießt wenig Respekt. Es steht eher im Ruf des opportunistischen, oberflächlichen Verhaltens. Wer etwas lobt, will sich wahrscheinlich irgendwo ranschmeißen und vor Auseinandersetzungen drücken.

Ganz anders läuft es bei der Kritik: Jemand, der sich kritisch äußert – und zwar instinktiv, bei jeder Gelegenheit und gegenüber jedermann – gilt als wacher und freier Geist. Man setzt voraus, dass so einer sein Urteil erst nach gründlicher Beschäftigung fällen wird. Bei Journalisten und Politikern gehört Kritik quasi zur Berufsausstattung. Ein Kollege vertritt folgende Ansicht: Der Journalist, der sich morgens beim Aufstehen nicht fragt, wen er heute mit einem Text ärgern könnte, der sei im falschen Beruf. Ob dem Mann seine Arbeit wirklich Spaß macht? Ob er privat ganz anders sein kann? Der FDP-Generalsekretär Christian Lindner geht gerne in Talkshows und signalisiert seine kritische Teilnahme, indem er den Kopf schüttelt, wenn andere reden.

Kritische Äußerungen können auch die reine Attitüde sein. Solche Auftritte lese ich manchmal im Feuilleton: ein bisschen snobby, ein bisschen absehbar, oft verächtlich, selten begeistert. Leute signalisieren anderen Leuten, dass sie intellektuell überlegen sind. Sie spinnen mit Gleichgesinnten ein unsichtbares Netz, eine Meinungsbruderschaft. Meistens sind es Männer.

Mir geht dieses Gebaren immer mehr auf den Geist – eine Lust, öffentlich auszuteilen und zu übertreiben. Oft reicht ein Wort. Eine Illustrierte resümiert nach vierzig Jahren „Tatort“ die Qualität der verschiedenen Kommissare. Über vier Schauspieler schreibt der Autor, sie wären „grässliche Fehlgriffe“ gewesen. „Fehlgriffe“ hätte für sein entschiedenes, subjektives Urteil voll ausgereicht, aber ihm fehlte wohl noch eine Gemeinheit.

Auch im Privatleben wirken kleine kritische Dosen besser. Eine gute Freundin neigt zu radikaler Offenheit, weil sie immer ehrlich sein will. Sie trifft im Kino eine Bekannte, die sie monatelang nicht gesehen hat und sagt nach der Begrüßung: „Du hast zugenommen!“ Die Angesprochene rafft ihren Mantel vor der Brust zusammen, stimmt stotternd zu und wirkt betreten.

Alle wollen kritisch sein und möchten selber lieber gelobt werden. Jeder von uns weiß doch, wie gut es tut, gelobt zu werden oder ermutigt. Wenn jemand zu mir sagt: „Du schaffst das schon!“, fühle ich mich tatsächlich besser. Ein Fernsehregisseur erzählt, dass Schauspieler gelobt werden müssen, um ohne Angst spielen zu können. Wenn ein Kind das Laufen lernt, dann wagt es den nächsten Schritt, weil es für den ersten gelobt wurde. Loben hilft beim Wachsen.

Beim unserem letzten Klassentreffen, Jahrzehnte nach dem Abitur in Berlin-Mitte, saß ich neben Peter, den ich mag, weil er immer lustig und offen ist. Wir kamen später zu intimeren Themen. Ich fragte, wie gut der Sex mit seiner Frau nach sehr langer Ehe funktioniere. „Weihnachten is öfter,“ antwortete er. Da erinnerte ich mich an dieses schöne Buch „Das Glücksgeheimnis“. Deshalb schlug ich meinem alten Schulkameraden vor, seine Frau immer mal wieder zu loben, ihr zu sagen, wie schön sie sei, wie verführerisch. Aber er wehrte ab: „Ick will nich lügen!“

Brigitte Woman 03/11, April 2014 bearbeitet

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