Daseinsverwaltung

Kinder und Jugendliche möchten schnell erwachsen werden. Ihnen steht eine Zukunft vor Augen, in der sie eigenes Geld verdienen, ihre freie Zeit nach eigenem Ermessen einteilen können. Sie wissen nicht, worauf sie sich gefasst machen müssen: auf einen Zangengriff, der erwachsene Menschen piesackt und erschöpft. Eine Erledigungsmaschinerie zwingt den mündigen Bürger zur mühsamen Verwaltung seiner kleinen irdischen Existenz. Auch wenn er sich ganz still verhält.

Ich kenne keinen einzigen Menschen, der einer Aufforderung wie dem Einreichen der Steuererklärung freudig nachkommt oder die Kündigungsfrist seiner ungünstigen Autoversicherung noch nie verpasst hat. Ich kenne aber viele Menschen, die sehr schlechte Laune bekommen, wenn das Thema beiläufig angesprochen wird. „Hör auf, du verdirbst mir den ganzen Abend!“ Es macht Druck und sorgt für Gefühle des Versagens, der Unzulänglichkeit, die im Gegensatz zu der visionären Vokabel „Selbstbestimmung“ stehen.

Wir reden von Dingen im Alltag, die irgendwie erledigt werden müssen, von einer beträchtlichen Grauzone zwischen dem Beruflichen und dem Privaten. Jeder weiß, dass es die gibt und kennt das Gefühl der Überforderung.

Aber in Studien über das Zeitbudget, unter anderem 2009 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), findet sich kein Bereich, der diesen Selbstverwaltungskram beachtet. Diese Arbeiten gehören nicht zur bezahlten Erwerbstätigkeit. Sie passen auch nicht in die Freizeit, weil in dieser Rubrik nur so schöne Dinge wie Schlafen, Familienleben, Entspannung, Hobbys, Unterhaltung, Mediennutzung, Spiele und Ähnliches erwähnt werden. Dann gibt es noch den wachsenden Anteil der unbezahlten Arbeit – gemeint sind Bildung, Hausarbeit, handwerkliche Tätigkeiten, Pflege von Angehörigen, Ehrenämter.
Kein Wort fällt über Zeitfresser wie Behördengänge, Formulare ausfüllen, Telefon–Warteschleifen, Jobsuche, Auto zur Durchsicht bringen, Belege sammeln, Nebenkostenabrechnungen prüfen, Archivierung von Schriftstücken, Arztbesuche, Kontrolle der Kontoauszüge oder das Studium schwer verständlicher amtlicher Briefe. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat herausgefunden, dass 86 Prozent der Befragten Schwierigkeiten beim Lesen der Post vom Ämtern, Behörden und Gerichten haben. Unabhängig von der Schulbildung. In gewisser Weise ist das ein Trost.

Die Post wird verschickt. „Wenn i einmal ins Postkastl schau, wird mir im Magen flau“, sang Peter Cornelius schon 1982 in seinem Dauerhit „Reif für die Insel“. Hans Magnus Enzensberger hat im Spiegel eine „Musterkarte der gedruckten Zumutungen“ veröffentlicht. Er zählt auf, welche Post in seinem Briefkasten landet. „Schon ihre bloße Zahl ermattet die Seele und lässt Hassgefühle aufkommen“, schreibt er. Versandhauskataloge, Anlagetipps, Lottoscheine, Vorsteuerberichtigungsanträge, Geheimnummern und viel, viel mehr: Enzensberger muss lange für diese Liste gesammelt haben, beim Nachzählen komme ich auf 265 verschiedene Arten Papierflut.

Das meiste kann man wegschmeißen, aber man nimmt es ja doch erst einmal in die Hand. Der Rest gelangt in die Wohnung. Jedes Papier braucht einen bestimmten Platz, wenn es beantwortet oder aufbewahrt werden muss. Ich führe gern Besucher durch meine Wohnung, verschließe aber vorher die Tür zum Arbeitszimmer, meiner Sammelstelle des Unerledigten. Da lagern mehrere, leicht verrutschbare Stapel, auf dem höchsten liegt ein Blatt Papier. Unter der Überschrift „Zu erledigen“ sind dringende Aufgaben notiert, die sich im Stapel verbergen. Ich hake in Hochstimmung manches ab, schreibe neues hinzu, und wenn die Seite voll ist, mache ich einen Übertrag.

Wie machen es die anderen?
Die Dokumentaristin Gabriele Sch. legt alle Papiere in eine große Kiste. Ich wende ein, dass sie dadurch einen noch schlechteren Überblick hat als mit einem Stapel. „Aber im Moment bin ich erleichtert“, sagt sie. „Später sind die Papiere schwer zu finden, aber wenigstens sind sie da drin.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass auch erledigte Aufgaben durch Nachfragen wieder zu unerledigten werden: „Dem Drachen wachsen neue Köpfe.“ Nach einer halbherzigen Aufräumaktion brauchte sie andere Behältnisse. Sie ging nach der Ästhetik und entschied sich für eine Ordner-Serie, die, nebeneinander gestellt, auf den Rücken ein Rembrandt-Gemälde nachbildet, „De Staalmeesters“, 1662. Gewisse Umsortierungen führten zur Betrachtung eines Puzzles, was sie als eine Art Gottesurteil hinnimmt.

„Ich werde nie alles erledigt haben, ich arbeite nur noch nach Dringlichkeit“, sagt die Lektorin Franziska G.: „Morgens um drei wache ich vor Unruhe auf.“ Was sie besonders bedrückt macht, ist die Notwendigkeit, jede Rechnung genau zu kontrollieren. Für die Grundsteuer ihres Hauses sollte sie das Fünffache des tatsächlichen Betrags zahlen: Das Amt hatte versehentlich alle Flurstücke in der Nachbarschaft dazugezählt. „Mir ist das nur aufgefallen, weil der Betrag so auffallend hoch war. Eine niedrigere, aber immer noch zu hohe Summe hätte ich wahrscheinlich blind bezahlt. Man darf nie vertrauen.“

Man muss immer aufpassen, verschiedene Angebote einholen, das ganz Kleingedruckte lesen, eventuell mit Lupe. Zehntausende Rentenbescheide, die im September 2009 zugestellt wurden, waren falsch berechnet. Keiner wies zuviel Geld aus. Nachteile lauern überall. Die Sparkasse hat seit kurzem ihre Geschäftsbedingungen verändert. Sie überprüft bei Geldüberweisungen unter 1000 Euro nicht mehr den Zusammenhang zwischen Empfänger und Kontonummer. In versehentlicher Zahlendreher und der Absender verliert sein Geld an fremde Menschen. Rückforderungen sind kaum durchzusetzen.

Wer mag sich solche Nervenfresser zumuten? Einer muss es ja machen.
Der Journalist Arno W. hält die Verwaltung von Haushalt, Finanzen und heimischem Büro für eine Frauensache. Schon sein Vater habe diese Dinge ganz und gar seiner Ehefrau überlassen. Sie musste Panik verhindern. „Dafür wurde die Ehe erfunden. Und die Sekretärin.“
Tendenziell hat der Kollege Recht. Eine große Studie aus England fand heraus, dass in der Hierarchie hochstehende Manager wenig unter Stress leiden: Sekretärinnen und andere Angestellte nehmen ihnen den täglichen Kleinkram ab, mit dem sich andere so abquälen.
Ich frage den Theaterregisseur Thomas L. und seine Frau nach ihren Organisationsprinzipien.
Er: „Ich kann das nicht. Ich vertraue meiner Frau.“
Sie: „Wir haben nicht mal den richtigen Handytarif.“
Er: „Ich verstehe die Formulare nicht.“
Sie: „Der Mann ist keine Hilfe. Er verschlampt alle Rechnungen.“
Er: „Die Bürokratie verschlingt Lebenszeit.“
Sie: „Inzwischen habe ich 25 Ordner angelegt.“
Er: „Ich würde das ja vereinfachen.“
Sie: „Würde, würde.“
Gespräche über die Ordnung der Verwaltung bewegen sich auf vermintem Gelände. Es wird durch Unlust erschüttert, und immer kommt die Frage nach dem richtigen System auf.

In diese Wissenslücken springen Postwurfsendungen mit den „weltweit besten Anti-Papierstapel-Tipps“, die man durch den Kauf des neuen Praxishandbuchs erfahren kann, gratis gibt es die Broschüre „In 24 Stunden zum Leertischler“, dem Gegenstück zum Volltischler.
Moderne Ratgeber füllen Regale in den Buchhandlungen. Seit Jahren ist „simplify jour life“ von Werner Tiki Küstenmacher und Lothar J. Seiwert ein Bestseller: Man soll lernen, sein Leben zu vereinfachen. Im Vorwort steht, dass etwas Ungewöhnliches geschieht, wenn ich mich an die Empfehlungen halte: „Sie werden von anderen Menschen angesprochen werden, warum Sie so glücklich aussehen…Sie werden von Ihren Mitmenschen geschätzt und geliebt werden…“ Ich habe das Buch sorgfältig durchgearbeitet und, was soll ich sagen, ich merke noch nichts.
Obwohl ich Hängeregistraturen benutze, wenn auch nicht die im Buch empfohlene besonders teure Sorte, obwohl auf meinem Fußboden nichts herumliegt, stellt sich das bisher nicht als „der entscheidende Schritt zu einem einfachen und glücklichen Leben“ heraus.
Am Vorabend jeden Tages soll man zu verschlankende Mappen auf den Schreibtisch legen und sie am nächsten Tag „nebenbei“ durchsehen. Ich soll „Wegwerf-Erinnerungen in meine Wiedervorlage legen“. Ich käme mir nicht wie eine Versagerin vor, wenn ich eine Liste mit 14 Dingen mache, die ich an einem Tag gut geschafft habe – wozu gehören könnte, dass ich „ohne Stolpern die Treppe heruntergelaufen“ bin. Ich soll an einem gezielt erfolglosen Tag Gelassenheit üben: zum Beispiel „eine falsche Telefonnummer anrufen“ und „Entschuldigung!“ sagen. Ich soll das Zeitungslesen an Familienmitglieder delegieren, weil der Informationsgehalt ohnehin gering sei – was ich als Printjournalistin als besondere Kränkung empfinde. Und es gibt Drohungen: Menschen mit voll gestellter Bodenfläche hätten finanzielle Probleme, Menschen mit viel Gerümpel im Haus meistens Übergewicht. Da zuckt man zusammen.
Auch wenn es im Buch vernünftige Ratschläge gibt steht viel Unsinn drin. Der Verkaufseffekt muss durch die enorme Verzweiflung der Leser entstanden sein.

Erledigen, Aufräumen, Wegwerfen – das sind die drei Schubkräfte im Kampf gegen das Chaos. Es gibt Beistand bei Steuersachen, Finanzen, Wohnungsauflösungen, Weihnachtseinkäufen, es gibt Alltags-Managementkurse und Life-Work-Balance-Spezialisten. RTL berichtete über eine Hamburger „Wohnkosmetikerin“, die Möbel umstellt. Gestresste Amerikaner lassen sich ihr Privatleben von Helfern organisieren, die telefonisch von Asien aus Hotelzimmer und Restaurantplätze reservieren, Nachhilfestunden geben oder Hubschrauber besorgen – ein Nachrichtenmagazin berichtete über diese Fassette der Globalisierung.

Christiane Thiel kommt ins Haus. Eigentlich ist sie Sozialarbeiterin. Als sie ihre Stelle verlor, fing sie bei sich zu Hause mit dem Entrümpeln an, geriet danach in geradezu euphorische Stimmung und erzählte davon. Die erste Freundin bat um Hilfe, so ging es los mit dem „Heilsamen Aufräumen“, das sie nebenbei betreibt und in Fachsprache „Therapeutisches Setting“ nennt.
Bereits ein Gespräch mit Christiane Thiel entspannt, weil sie menschliche Schwächen kennt und versteht: Sammelleidenschaften, Sentimentalität, Bindungssehnsüchte, unerfüllbarer Perfektionsdrang, halbe Lösungen. „Die meisten Menschen wollen in einem strukturierten Umfeld wohnen und messen sich an einem propagierten Standard, dem sie nicht genügen können. Aber der Leidensdruck muss sehr groß sein, bevor sie etwas verändern.“ Ich frage, ob es nicht die Intimsphäre verletzt, wenn sie in eine fremde Wohnwelt eindringt. „Ja“, sagt sie, „man kommt sich schon nahe, wenn man auf allen Vieren durch Schafzimmer kraucht und alte Liebesbriefe sortiert. Aber das vergisst man bald. Ich nehme dem Kunden ja nichts weg. Er wird seine Erinnerungen behalten, auch wenn er jetzt sofort das Streichholz wegwirft, mit dem er eine Kerze entzündet hat, bevor er vor Jahren in einem Hotel in Venedig ein Kind zeugte.“

Leidensdruck ist eine individuelle Größe. Der Filmautor Wolfgang K. ist der festen Überzeugung, dass sich die meisten Dinge von selbst erledigen. Wenn er am Computer arbeiten muss, schiebt er störende Papiere mit dem Unterarm zur Seite und legt auf kleiner freier Fläche los. Er freut sich, wenn er Einladungen nicht wiederfindet – geschenkte Lebenszeit, sagt er. Ein wichtiger Mann meines Lebens kickte beim Aufräumen einen Sammelsurium-Karton unter den Schrank und strahlte mich an: „Jetzt ist er weg.“ „Aber ich weiß doch, dass er noch da ist“, schrie ich.

Ich bin eine anstrengende Perfektionistin. Das ist kein Ehrentitel, sondern eine Heimsuchung. Ich will alles ordentlich abarbeiten, auch einzelne, herausgerissene, bereits vergilbte Zeitungsseiten, auf denen interessante Texte stehen. An einem Wochenende lese ich den Haufen bis auf einen Rest herunter und fülle ihn in den folgenden Tagen mit neuen Zeitungen auf. Wie Sisyphos.

Weil ich nie alles schaffe, beschwichtige ich mein Gewissen mit mechanischen Tätigkeiten, aber die Prioritäten gehen verloren, wenn ich Fenster putze statt den Brief von der Krankenkasse zu beantworten. Dieses Verhalten hat einen sperrigen Namen: „Prokrastination“ – (lat. pro = für, crastinus = morgen). Es bedeutet: Aufschieben. Etwas Wichtiges jetzt nicht tun. Morgen, morgen, nur nicht heute. Aufschieber sind keine Faulpelze, sie weichen nur bestimmten Aufgaben durch andere Beschäftigungen aus. Die Zeitschrift Bunte hat die Prokrastination in ihrer wöchentlichen Rubrik Gesundheit untersucht: „Neusten Studien zufolge liegt der Anteil von Prokrastinierern inzwischen schon bei 40 Prozent der Bevölkerung.“ Eine erstaunliche Menschenmenge hinkt der Verwaltung des Lebens hinterher.

Der Schauspieler Henry H. wollte vor einem Jahr seinem Telefonanbieter kündigen und verpasste den Termin um fünf Tage. In diesem Jahr nur noch um vier Tage. Er hat viele Ablagen und Ordner, muss aber trotzdem lange suchen, weil er seine Unterlagen oft „verordnet“ hat. Er will immer das richtige Produkt kaufen und scheitert an einem neuen Toilettendeckel, der ständig verrutscht und hinten, wo man schlecht rankommt, nachgezogen werden muss. Henry H. sitzt im Café und träumt von der Anschaffung neuer Möbel, die aus seiner Höhle ein aufgeräumtes Büro machen. Ich frage, warum er nicht einfach damit anfängt. „Weil ich immer was anderes mache“, sagt er.

Sofern man mit sich im Reinen bleibt, weil die Balance zwischen Aufschieben und Erledigen einigermaßen stimmt, ist es nicht schlimm. Aber es droht die Gefahr, immer weiter abzurutschen. Die lange Bank verwandelt sich in eine Schräge. Und unten lauert dieser Drachen, dem die mühsam abgeschlagenen Köpfe längst wieder nachgewachsen sind.

Brigitte Woman 06/10, April 2014 bearbeitet

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