Trennungen

Meine Freundin hält lange ein Lächeln durch, das durch seine Tapferkeit auf schwere private Probleme verweist. Sie wartet auf eine Nachfrage – „Du hast doch was!“ – und dann bricht bei ihr der Damm: Der Mann, mit dem sie über zwanzig Jahre verheiratet ist, will sie nicht mehr. Er hat keine Andere. Das ist der schlimmste aller schlimmen Fälle. Dann kann man keine unbekannte Person hassen, sich nicht emotional entladen und das eigene Unglück durch fremdes Eingreifen erklären. Selbst schuld, sehr bitter.

Natürlich hat sie ihren Mann an gemeinsame schöne Zeiten erinnert. Eine ähnliche Situation kenne ich aus einem Film: Woody Allen trottet neben der zur Trennung entschlossenen Diane Keaton her und beschwört etwas Früheres, Verbindendes: „Weißt du noch, wie wir gelacht haben, als wir im Urlaub den Liegestuhl nicht aufstellen konnten?“ Aber Diane Keaton will sich nicht erinnern. Auch der Mann meiner Freundin hält offenbar andere Erlebnisse in der Vergangenheit für entscheidender. Verlassene und verlassende Menschen erinnern sich anders.

Liebeskummer gehört in der Jugend dazu. Aber man darf sich auch später nicht sicher fühlen. Ein pensionierter Lehrer aus dem Kölner Raum verließ seine Frau nach fünfzig Jahren. Plötzlich und unerwartet, nach der Goldenen Hochzeit, nahm er sich eine eigene Wohnung. Die beiden erwachsenen Töchter kamen zu Besuch und drängten ihn, irgendeinen Grund zu sagen, warum er ihre Mutter verlassen habe. Der alte Vater sagte: „Ich habe ihr Gemecker nicht mehr ausgehalten.“ Absichten können langsam reifen.

Wer wirklich weg will, darf nicht weich werden. In meinem und anderer Leute Leben gab es immer wieder Fluchten vor der Flucht, Mitleid und Unschlüssigkeit, neuerliche Besuche mit neuerlichem Sex – alles hat die Trennung nur verschoben und keineswegs leichter gemacht.

Paare trennen sich am einfachsten, wenn jeder schon wieder jemanden hat. Das ist der Glücksfall. Meistens wird nur die Hälfte des Paares woanders erwartet. Die andere ist unerwartet allein, ab sofort ein Bündel Elend, das sich von Tütensuppe und Rachegedanken ernährt. Als mein Cousin seiner Frau mitteilte, dass er sich trennen wolle – nach meinen Beobachtungen völlig zu Recht – versteckte sie eine Rasierklinge in der Nagelbürste. Abschied ist ein scharfes Schwert. Er zog sofort aus.

Eine Freundin setzt auf ihre Unüberwindbarkeit als Ehefrau. Sie bleibt einfach auf dem Posten. Wenn sich ihr Mann in was Junges verguckt, sieht sie darüber hinweg. Sie spioniert ihm nie nach und weiß aus Erfahrung, dass sich die meisten Dinge von selbst erledigen. Tatsächlich kommen ja viele Männer nach ihren Ausflügen zurück. Woanders ist es auch nicht besser. Helmut Thoma, früher eine große Nummer bei RTL, oder der Bundesminister Horst Seehofer sind solche Beispiele. Ihre verlassenen Frauen haben niemals öffentlich gejammert. „Selbstbewusstsein ist entscheidend,“ sagt meine Freundin, „außerdem habe ich auch einiges auf dem Kerbholz.“ Wer selber einiges auf dem Kerbholz hat, sieht sich nicht als Opfer und bleibt interessant.

Aber auch gute Haltung muss nicht immer funktionieren. Eine Bekannte hat sich vorbildlich verhalten, als ihr Mann sagte, er müsse zu einer gewissen Juliane, er brauche diese Erfahrung, er würde sich sonst sein ganzes Leben lang vorwerfen, sie nicht gemacht zu haben. Diese Bekannte strich ihrem Mann durchs Haar und sprach freundlich: Sie verstehe das und wolle nichts mehr als sein Glück. Er solle diese wichtige Erfahrung machen und dann zurückkehren, sie würde auf ihn warten ohne Vorwürfe. Obwohl die Sache mit Juliane dann doch keine gute Erfahrung wurde, hat sich der Mann nie wieder daheim blicken lassen.

Männer brauchen Führung. Ihr Zustand ist oft schwankend, weshalb eine entschlossene Frau oft noch eingreifen kann. Als ein Kollege seiner südamerikanischen Freundin vorsichtig andeutete, dass er in der Beziehung nicht völlig glücklich sei, warf sie ein Fahrrad nach ihm. Ein Kraftbeweis. Die beiden sind noch zusammen.

Brigitte Woman 09/08, April 2014 bearbeitet

Comments are closed.