Fliehende Männer

Bis Weihnachten hätten sie gerne etwas Wichtiges geregelt. Spätestens bis Silvester. Es sind solche Daten, bei denen sie ihre Lage als besonders unbefriedigend empfinden: die Zeit der Jahresbilanzen.

Ich rede von meinen allein stehenden Freundinnen. Sie arbeiten viel und erfolgreich, sie haben was im Kopf, sie sind emanzipiert, witzig und sehen richtig gut aus. Es sind junge Frauen und ältere. Alle eint diese komische Sehnsucht, sich wieder zu verlieben. Das ist der offene Posten in ihrer Abschlussbilanz. Ich weiß, wovon sie reden.

Glücklich gebundene Frauen und entschlossene Solistinnen müssen nicht weiter lesen. Es geht hier um das Problem einer speziellen Frauengruppe, und es klingt so, als käme es aus einem anderen Jahrhundert: Wie erobert man einen Mann und hält ihn auch noch fest? Das Schwierige an der Sache ist das Festhalten.

Mit den heutigen Männern, da sind wir uns alle einig, ist etwas Bestürzendes passiert. Wir schließen nicht aus, dass es warmherzige, bindungsfähige, ebenbürtige und erotische Männer gibt. Wir wissen nur nicht, wo sie sich aufhalten.

Was wir stattdessen erleben, ist Folgendes: Ein fremder, gar nicht übler Mann macht uns den Hof. Er ist nicht verheiratet, er zeigt Interesse, er bleibt dran. Das gefällt uns, wir sind ja auf der Suche. Aus Erfahrung klug, halten wir Distanz. Erst mal zappeln lassen, Rückruf frühestens nach drei Tagen, vorläufig keine freien Termine: das ganze Ratgeberprogramm. Bis wir dann doch weich werden, bis er uns haben kann oder auch nur denkt, dass er uns haben könnte. Dann zieht sich der Mann überraschend zurück.

Wir warten ein paar Tage und schicken eine freundliche SMS. „Bin ganz in deiner Nähe. Wollen wir uns auf ein Glas treffen?“, tippte meine Freundin Katharina. Tage später seine Antwort: „Ich habe deine SMS leider zu spät gelesen. Schönen Tag und liebe Grüße.“ Der Liebhaber schlug nicht etwa einen anderen Termin vor, er zog es vor, sich seit nunmehr vier Wochen überhaupt nicht mehr zu melden. Von Hundert auf Null. Meine Tochter wurde nach einer Reise von ihrem Freund am Flughafen abgeholt. Sie war fiebrig erkältet, er setzte sie vor ihrer Wohnung ab und sagte: „Ich komme morgen vorbei und koche Hühnersuppe.“ Er kam aber nicht. Er ging auch nicht ans Telefon. Er verschwand. Sie hat ihn später einmal von fern im Kaufhof gesehen.

Frauen können sich nicht vorstellen, dass jemand so etwas macht. Dass jemand einfach türmt. Hält sich der Mann vielleicht in einem Funkloch auf? Hatte er einen Unfall, ist er verletzt, vielleicht tot? Das wäre furchtbar, doch als Erklärung ein gewisser Trost. So ging es mir einmal mit einem Arzt, in den ich vor Jahren schrecklich verliebt war. Es hatte gesagt, bei ihm sei es genauso. Wir machten Pläne. Danach verstummte er. Ich war in großer Sorge. Eine Freundin rief für in seiner Praxis an, er meldete sich. Sie legte auf und sagte zu mir: „Er lebt.“ Keine gute Nachricht.

Die ledigen Männer von heute – das sage ich in unerlaubter Verallgemeinerung – sind unglaublich feige. Sie fachen ein Feuer an und fliehen vor den Flammen. Sie stellen sicher und suchen weiter. Inzwischen ist es so, dass ein Mann, der einer Frau in die Augen sagt, dass er sich in eine Neue verliebt hat oder dass er sich noch nicht binden möchte oder dass seine Gefühle nicht ausreichen – inzwischen genießt so einer große Achtung. „Ist wenigstens ehrlich“, sagen wir. Man weiß, woran man ist.

Man weiß auch, was man an seinen Freundinnen hat. Sie nehmen Anteil. Sie begleiten Liebesgeschichten von Anfang an und kennen jedes Stadium. Wir reden offen, aber nicht so indiskret wie die Frauen in „Sex in the City“. Wir beugen uns über das Display eines Handys und studieren, sorgfältig wie bei einer Exegese, die SMS eines eventuellen Zukünftigen. Klingt die Anrede liebevoll? Legt er sich auf ein Datum für das Wiedersehen fest? Als ich kürzlich auf Französisch kommunizieren musste, besorgte Katharina eine Muttersprachlerin, die alle Meldungen des fernen Mannes auf Nebentöne abhorchte. Meine Schwester Elke hat mir einmal mit ihrem perfekten Spanisch geholfen. Und Freundin Lenka mit dem ihr eigenen, meist berechtigten Misstrauen. Nach allem, was ich weiß, erleben Männer solche Fürsorge anderer Männer nicht. Vielleicht sind sie deshalb so unschlüssig.

Da hockt ein älterer, verwahrloster Mann in einem Hauseingang in Berlin. An seinem Hemd klebt ein Zettel. Ich beuge mich runter und lese auf seiner Brust: „Ich möchte mich verlieben!“ Der Alte führt ein Produkt vor, er will die Aufkleber verkaufen, 50 Cent das Stück. Ich sage, dass Gefühle nicht zu kaufen sind. „Ick nehme auch Spenden,“ antwortet er.

Brigitte Woman 01/09, April 2014 bearbeitet

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