Wie ich unter die Deutschen kam

Im März dieses Jahres meldeten die Statistiker einen Anstieg der Geburten in deutschen Großstädten: zwanzig Prozent mehr in Hamburg, elf Prozent mehr in Berlin! Nach Auskunft von Geburtshelfern soll eine allgemein gute Stimmung bei der Hebung der Geburtenzahl helfen. Was war denn vor neun Monaten?

Im Juni vor einem Jahr begann mit dem zweiten schönen Sommertag die Fußball-Weltmeisterschaft. Ich hatte, wie viele andere Berliner auch, vorher rumgejammert: Die Stadt wird voller Rechtsradikaler sein, nachts werden besoffene Fans mit Bierflaschen zuschlagen, es gab Warnungen vor weltweit anreisenden Taschendieben und Prostituierten und sogar von geplanten Terroraktionen. Einige Freunde erwogen für die Zeit der WM weit weg zu reisen. Ich beschloss, mich still zu verhalten.

Wenige Tage später kaufte ich mir zu meiner eigenen Überraschung einen dicken Stift und erschien mit schwarzrotgelber Wangenbemalung in Biergärten, um mir Spiele anzusehen. Ich hatte mich angesteckt an der Freude der Leute.

Die Flaggennäher stellten Aushilfskräfte ein, denn Stadt, Fenster, Autos, Fahrräder, Fußgänger schmückten sich mit Fahnen. Die deutsche überwog, aber neben ihr waren andere Nationen mit ihren Fahnen und ihren Farben unterwegs. Vier Wochen lang habe ich keinen Zoff erlebt. Es war, als ob diese Weltmeisterschaft Einheimische und Besucher in einen Liebestrank oder wenigstens in eine Freundlichkeitsbrause getaucht hätte. Über dieses Wunder ist später viel geschrieben worden, ich erlebte noch ein anderes Wunder, mein eigenes: Ich habe mich zum ersten Mal im Leben ohne schlechtes Gewissen als eine Deutsche gefühlt.

Im längeren Teil meines Lebens war ich nicht deutsch, sondern DDR. So jedenfalls sollte ich auf amtlichen Papieren meine Staatsangehörigkeit benennen. Ich wohnte in einem Drei-Buchstaben-Land. Der vollständige Name wurde selten ausgesprochen, zum Beispiel bei offiziellen Anlässen, und dann nicht immer zum Vorteil: Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hatte eine starke Veranlagung zum Fisteln und Buchstabenverschlucken – aus dem Land, dem er vorstand, wurde in seiner Aussprache eine „Dtsche Kratsche Pliek“. Ein Witz von einem Land. Ich beneidete die Amerikaner, die ihre rechte Hand aufs Herz legten, wenn ihre Hymne erklang, ich beneidete sie um ihr freiwilliges Zugehörigkeitsgefühl, um die Ungebrochenheit.

Während einer anderen Fußball-WM, 1974, war ich mit einer Delegation des DDR-Filmverbandes bei einem Festival in Prag. Viele Hotelgäste sahen sich die Spiele auf einem Fernseher im Foyer an. Die westdeutsche Nationalmannschaft spielte, und als sie ein Tor schoss, sprang ich auf und rief erfreut, dass Unsere ein Tor geschossen hatten. Jemand meldete es gleich weiter, und zurück in Berlin folgte eine ernste Aussprache. Westdeutsche Fußballer durften niemals, niemals für eine DDR-Bürgerin die Unseren sein.

So sauber wie meine Oberen trennten andere sozialistische Länder zwischen den Deutschen nicht: Ende der Siebziger war ich Mitglied einer kleinen Delegation, die in Rumänien neue Filme ansah und an Ort und Stelle über deren Einkauf für die DDR entschied. Über unseren Verhandlungen lag ein Schatten, weil unserem Gastgeber, dem Leiter des rumänischen Filmaußenhandels, die Schuhe geklaut worden waren. Er trug nun ausgetretene Filzlatschen, hatte schlechte Laune und verdächtigte jeden. Wir kauften ihm einen Film mehr ab, als wir eigentlich vorhatten.

Zum Abschluss gab es das landestypische Fest mit Schafen, künstlichen Holzhütten und künstlichen Hirten, die mit Zupf- und Blasinstrumenten von Tisch zu Tisch wanderten und den Delegationen aus sozialistischen Ländern mit Melodien aus deren Heimatländern ein Ständchen gaben. Das meiste habe ich vergessen, aber ich weiß noch, dass sie bei den Russen sehr passend „Kalinka“ spielten. Sie kamen zu den Nordkoreanern und boten „Butterfly, my Butterfly“, das Lied von Danyel Gérard von 1971, welches sie wohl in Beziehung zu Puccinis japanischer „Madame Butterfly“ und damit in einen allgemeinen asiatischen Kontext setzen wollten. Dann standen sie bei uns, und meine verstörte Delegation hörte: „Es gibt kein Bier auf Hawaii“.

So kam ich im rumänischen Bruderland unter die Deutschen, auch wenn eine wie ich nicht wissen konnte, was denn mit dem Bier auf Hawaii überhaupt los war.

Brigitte Woman 7/07, April 2014 bearbeitet

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