Liebeskummer

Es ist aus.
Er oder sie hat Schluss gemacht, jetzt kommt der Kummer aus Liebe. Das ist eines unserer stärksten Gefühle. Jahre später kann man über das Desaster lachen, man begegnet seiner verflossenen Liebe ohne diesen Schmerzblitz im Bauch und hat hoffentlich inzwischen eine bessere Lösung an der Hand. Aber damals war es schrecklich. „Es ist immer die eine Frage“, sagt Gabi. “Wie kann es sein, dass die Liebe bei mir lodert und beim anderen nicht?“

Die Frage gehört zu den Welträtseln. Ich weiß, dass Naturwissenschaftler den ganzen Liebeszauber auf chemische Grundmuster zurückführen, wozu bei Trennungsschmerz der Entzug der körpereigenen Opiate gehört. „Broken Heart Syndrome“ nennen Forscher diesen Zustand, die Symptome sind wie bei schweren Krankheiten, das kann bis zum Herzstillstand gehen. Und der Mandelkern, das ist eine Hirnregion, die Gefühle und Motivation steuert, knipst bei Liebeskummer sein neuronales Licht einfach aus. Das habe ich in einer Zeitung auf der Wissenschaftsseite gelesen. Warum macht dieser Mandelkern meinen Kopf irgendwie dunkel, während die Männer, die mich in meinem Leben verlassen haben, mit einem erleuchteten Hirn rechnen konnten? Warum trifft Liebeskummer so selten ein Paar gemeinsam? Warum ist die Chemie ungerecht? Denn im Normalfall geht einer befreit weg, und einer leidet wie ein Tier.

So war es immer, so bleibt es. Man wird auch nicht gelassener mit dem Alter. Es gibt Geschichten aus Seniorenheimen: Greisinnen verlassen weinend den Tanznachmittag, alte Männer verweigern Essen und Körperpflege aus enttäuschter Liebe. Dem

Wie übersteht man die Zeit? Matthias betet. Moni isst Schokolade. Carola ist immer nur übel, sie kann gar nichts essen und hat bei Liebeskummer, immerhin, eine gute Figur. „Du musst dich einfach ganz schnell wieder verlieben“, sagen Freunde, die helfen wollen. Aber das geht ja eben nicht.

Wir reden von einer Leidensstarre. Keine Kraft, keine Ausstrahlung, nur ein Jammergesicht. Mit dem schleppen wir uns zu Leuten, weil wir mit jemandem reden müssen. Ich selbst saß zwei Stunden auf den Treppenstufen von Thomas und Hedi, und als sie endlich vom Einkaufen kamen, mussten sie ihre Pläne für den Tag ändern, weil ich mein Unglück lange vor ihnen ausbreitete.

Man lässt im ersten Stadium der Verzweiflung auch Details raus – Liebeskummer besiegt das Schamgefühl. Man heult im Bus, betrinkt sich vormittags am Stehimbiss. Gabi sprang vom Boot in Seerosen, die zum Glück im flachen Wasser blühen. Ein Freund, der seinen Namen nicht lesen will, lief nachts durch den Volkspark Friedrichshain und schrie seine Verzweiflung in die Dunkelheit, später suchte er Rat bei guten Freunden – „aber sie wirkten auf mich extrem gelangweilt. Ich verstand nicht, wie die alle normal weiterleben können, wo doch gerade die Welt zusammenbricht.“

Man denkt bei Liebeskummer in sehr großen Dimensionen.

Meistens wird man nicht einfach so verlassen. Meistens gibt es einen Grund auf zwei Beinen. Deshalb ist der Liebeskummer um die Ecke mit der Eifersucht verwandt. Ein fremder Mensch will uns das Liebste wegnehmen. Fetzen fliegen, wenn das Unglück einen Namen und ein Gesicht hat. Auch Teilgeständnisse können die Lage verschlimmern. Es gibt diesen Witz: Ein Ehepaar liegt nebeneinander im Bett, die Frau fragt in die Stille: „Woran denkst du?“ Und der Mann sagt: „Kennst du nicht.“

In: Brigitte Woman 05/2007, April 2014 bearbeitet

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