26
Feb 14

Unter sechs Millionen

Markus Lanz macht eine gute „Wetten, dass…?“-Show, vielleicht seine bisher beste. Doch die Quote sinkt weiter.

Man sieht nichts. Der Mann hat keine Augenringe, ist nicht abgemagert, wirkt nicht verstört. Markus Lanz steht bei „Wetten, dass…?“ im Empfangsapplaus, der nicht nur eingeübt worden sein kann – dafür lächeln die Leute zu lange. Sie wollen freundlich sein zu einem, der seit Wochen im Mittelpunkt emotionaler Debatten steht. Lanz hat die selber verursacht, aber die unerbittliche Wucht seiner Gegner überrascht. Sie wollen den Moderator mit einer Petition aus dem gebührenfinanzierten Programm rauswerfen, Kritiker sind angewidert, fassungslos. Und wer sich durch die Kommentare im Netz klickt, findet nahezu nur Häme  und Hysterie, die größte Verächter haben sich „die Drecksendung nie angesehen“, das häufigste Pathos am Schluss: „Armes Deutschland!“

Wir reden über Unterhaltung.

Und deshalb ist es erstaunlich, dass Markus Lanz in Düsseldorf eine ganz gute Sendung durchhält, vielleicht seine bisher beste, was dennoch nicht reines Gold bedeuten soll: Mit drei Stunden war alles wieder viel zu lang, kein Mensch versteht, warum es nicht auch mit einer Wette weniger ginge. Bei der Außenwette sollten die Kölner mit Kamelle-Spenden eine komplette Karnevalsprinzengarde auf einer Waage anheben – die Wette wurde so überdreht wie fade moderiert, allerdings trotzdem gewonnen.

Die Leute auf dem Sofa im Saal kommen gut miteinander aus. Hilary Swank, der berühmteste Gast, besitzt einen leuchtenden Charme. Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Judith Rakers, Christian Rach sind Gäste ohne Allüren, die sich, so weit sichtbar, für die Wetten interessieren. Christoph Maria Herbst changiert zwischen seiner Figur Stromberg und ihrer Aneignung – er sagt zu Heufer-Umlauf, der wegen einer Wette eine Feuerwehr-Uniform tragen musste: „Du kannst alles tragen, dir steht nix.“ Udo Jürgens singt erwartungsgemäß am Flügel. Adel Tamil singt „Lieder“, einen neuen Titel aus Zitaten seiner eigenen Titel, und Pharrell Williams performt „Happy“, derzeit eine Spitzennummer. Der Sieger der Kinderwette, ein Neunjähriger, tritt neben ihm als Breakdancer auf und wird Liebling der Herzen.

Die Wetten: Fußballer an der Beinbehaarung erkennen, ein Feuerwehrauto durch Ansaugen bewegen, an den Stangen von Hirschgeweihen einzelnen Hirschen einen Namen geben, an einer Wand durch reines Hochspringen Bilder bei 3,50 Meter aufhängen, von 20 verdrehten Zauberwürfeln den Status merken und einen davon blind auf einheitliche Farbseiten drehen. Alles nicht schlecht.

Lanz hält sich zurück, etwas Besseres hätte ihm nicht einfallen können. Ja, er lacht noch laut, aber er hat sich den Superlativwahn fast abgewöhnt. Lanz hört zu. Er lässt seine Gäste glänzen und führt die Gespräche ohne Mischung aus Unverfrorenheit und Beflissenheit. Ach, wenn das seine erste „Wetten, dass…?“-Moderation gewesen wäre. Es war aber die zwölfte.

Leider macht er dann doch einen Fehler und rechnet laut in der Sendung mit 6 oder 7 oder 8 Millionen Zuschauern. Aber gerade diese Show stürzt auf 5,85 Millionen Zuschauer ab. Unverdient so wenige wie noch nie. Gestartet war Markus Lanz im Oktober 2012 mit 13,6 Millionen.

Thomas Gottschalk hatte bald nach dem Unfall eines Wettkandidaten Ende 2010 den Rückzug erklärt. Seine Quoten waren schon vorher immer schlechter geworden. Von außen erschien „Wetten, dass…?“ als ausgereizte Fernsehgeschichte. Aber im Sender muss noch etwas gebohrt haben. Samstagabend! Familie! Tradition! Die Suche nach dem Nachfolger bestand aus Gerüchten und Indiskretionen. Kein Zuschauer hätte noch gewusst, wer von den Prominenten, die absagten, gefragt worden war. Der schließlich ausgewählte Markus Lanz galt von vornherein als dritte oder vierte Wahl.

Er wurde auch von Anfang an angesägt.

Seine Redaktion machte das Format privatfernsehnah ohne Tempo, Stil und Ideen. Lanz hielt nicht dagegen. Er akzeptierte an seiner Seite Cindy aus Marzahn. Er machte Liegestütze mit einem Bierkasten auf dem Rücken. Er hüpfte im Sack um Tom Hanks herum, der als Vollpfosten aufgestellt war und eine Katzenmütze trug, die ihm Lanz vorher gereicht hatte –  wenn auch mit dem Satz: „Sie müssen das nicht machen.“

Die Mallorca-Ausgabe vom Juli 2013 kann deshalb nicht vom Leben überwuchert werden, weil sie im Netz bis zum jüngsten Tag aufgehoben werden wird. Im Mallorca sind bessere Gäste kurzfristig ausgefallen und durch schlechtere ersetzt worden – wie die Geissens, Mensch gewordenes Privatfernsehen. Das Publikum buhte wegen Fehlentscheidungen, Stefan Raab warb für einen Duschbügel. Der Schauspieler Gerard Butler musste sich Eiswürfel vorn in die Unterhose schütten, weil er eine Wette verloren hatte.

Bei einem Cluburlaub in Spanien habe ich ein abendliches Spiel unter Gäste gesehen: Frauen schoben Männern Tennisbälle unten in die Hosenbeine und führten sie mit der Hand so über den Mann, dass die Bälle am Ende aus dem anderen Hosenbein wieder herauskamen. Aber bei dem Spiel waren wenigstens alle besoffen.

Warum hat sich Markus Lanz nicht gegen Übergriffe gewehrt?

In langen Interviews im Stern und in der Berliner Zeitung erscheint Lanz als gebildeter, sprachlich gewandter, differenziert denkender Mann. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er der Depp. An allem schuld.

Gestern, am Sonntagmorgen, kommentierte ein kluger Beobachter im Netz: „Jetzt alles an Lanz festzumachen, der inzwischen, egal, was er tut, nichts mehr richtig machen kann, ist abseitig. Die Erosion um die Hälfte der Zuschauer hat andere Gründe, trotz des schwierigen Showumfeldes. Das Hemd wurde mit der ersten Sendung falsch zugeknöpft. Vom ZDF selbst. Von den Verantwortlichen dort.“

Angeblich will das ZDF an seinem Moderator festhalten, aber in der Sommerpause über alles nachdenken. Und dann?

Berliner Zeitung, 24. 02.2014


26
Feb 14

Flirten

Bestimmte Dinge verlernt man nicht, sagen die Leute: Fahrrad fahren, zum Beispiel. Ich aber glaube, dass man alles verlernt, wenn man nicht in Übung bleibt.

Aus diesem Grund bin ich in einer scharfen Kurve mit Fahrrad, Rucksack und Handy in den Chiemsee gestürzt, und zwar bis zum Hals, weil der Chiemsee gerade Hochwasser führte. Ich war auf dem Fahrrad außer Training. Die Schauspielerin Katharine Hepburn konnte noch im hohen Alter Spagat, weil sie vorher an jedem Tag ihres Lebens Spagat gemacht hatte. Das habe ich, seinerzeit auch eine Spagatkünstlerin, versäumt. Jetzt komme ich bei weitem nicht mehr runter, bin außer Form. Da lief eine Werbung im Fernsehen – Mann und Frau fahren auf zwei Rolltreppen aneinander vorbei und entzünden sich durch reines Blickewerfen. Das ist mir lange nicht mehr passiert, dachte ich da. Ich stehe auf der Rolltreppe immer nur tief in Gedanken.

Ich habe das Flirten verlernt, die leichte, unangestrengte Kunst.

Ein Blick. Und ein Blick zurück. Du gefällst mir. Du mir auch. Und schon zuckt es zwei Menschen in den Mundwinkeln. Beflügelnde Geschenke, mehr muss ja nicht passieren. Auch große Orchester füllen manche Konzertabende nur mit Ouvertüren. Ich frage meine jungen Kolleginnen, wie sie flirten. Die Ausbeute ist mager. Sabine kann sich nicht erinnern, Carmen verweist auf ihre Kurzsichtigkeit. Abini erzählt, wie sie im Auto vor der Ampel wartete: Ein Mann im Auto nebenan senkte die Scheibe und wollte ihre Telefonnummer. Sie schüttelte den Kopf. „Warum nicht?“, fragte der Nachbar. „Mein Mann“, sagte sie. „Ist okay“, sagte er und fuhr weiter, sein Interesse kann nicht groß gewesen sein.

„Du musst  tiefe ernste Blicke werfen“, sagt eine Freundin. „Du musst spontan lächeln“, empfiehlt eine andere.

Mein letztes spontanes Lächeln schenkte ich einem sympathischen Herrn, der auf der Bahnhofsbank neben mir auf einen Zug wartete. Danach bat er mich, auf seinen Koffer aufzupassen und ging weg. Ich hatte mir immerhin sein Vertrauen erlächelt.

In einem Naturfilm habe ich einen Käfer gesehen, der in der Wüste so lange mit den Vorderbeinen auf den Boden trommelt, bis in weiter Ferne ein anderer Käfer aufhorcht und sich nähert, wonach es sofort zu sexuellen Handlungen kommt. An dem Vorgang stört mich das Signal der Bedürftigkeit. Einen Flirt muss man auch prüfen und beenden dürfen. Ein korpulenter Mann mit schwerem Akzent fragt mich in der Sophienstraße nach einer Adresse. Ich kann ihm nicht helfen. Er macht einen Schritt auf mich zu: „Jetzt wir uns kennen. Kaffeetasse?“

„Wenn dir ein Mann auf die Brust sieht, ist das kein Flirt, sondern ein Reflex“, behauptet meine Freundin Jutta. Ich lese, dass auch Frauen Reflexe haben: Wenn ihnen ein Mann gefällt, werben sie mit einer schnellen Auswärtsbewegung des Kopfes um seine Aufmerksamkeit, es folgt der „hair flip“ – da streicht die Hand sacht durch das eigene Haar – und dann kommt mit einem Lächeln die „Präsentation“: Die Frau kippt den Kopf um 45 Grad und zeigt so dem Betrachter ihre pulsierende Halsschlagader. Zum Zubeißen. Man kann das vor dem Spiegel üben.

Man kann sich auch im Internet orientieren, „Nur ein Klick zum Glück“, mit hunderten Flirt-Angeboten, mit Vorschlägen für SMS–Botschaften oder klaren örtlichen Einkreisungen wie „Die regierende Flirtseite im Weserbergland“. Man flirtet, aber man sieht sich nicht dabei. In den Buchläden stehen die Flirtratgeber und bieten geheime Tricks an, als ob ein unbekannter Kontinent zu erobern wäre.

Vor mehr als hundert Jahren kam der Begriff des Flirts in Meyers Lexikon.

Die unverbindliche Tändelei hatte damals gute Gelegenheiten wie Fahrten in offener Kalesche, Bälle mit Tanzkarten oder Sonntagspromenaden. Suchende streckten die Fühler aus, es gab sogar eine Fächersprache. Heute redet man von Anmachen, Anbaggern, Aufreißen – schon die Wörter klingen nach grober Mühsal.

Im Bus stellt sich ein Bursche dicht neben Jana, eine junge Journalistin, und sagt nur: „Hast du Lust?“ Das Magazin Stern druckt ein Foto auf einer Doppelseite: Sehr viele, noch kindliche Mädchen stehen hinter einer Absperrung. Sie warten auf die vier Jungs von Tokio Hotel. Die erste Reihe hat ein großes Plakat aufgestellt, darauf steht: „Wir wollen eure Schwänze sehen!“

Ich glaube aber nicht, dass sie wirklich damit rechnen.

Brigitte Woman 11/ 06


26
Feb 14

Cluburlaub

Als ich eine junge Frau war, reiste ich mit Mann und Kind in den Urlaub. Als sich die private Lage änderte, verreiste nur noch mit der kleinen Tochter, beschäftigt mit mütterlicher Fürsorge. Wir waren immer zusammen, im Zimmer, im Restaurant, am Meer, bei Ausflügen. Jahre später – ich erinnere mich an meine damalige Verblüffung – lag ich abends alleine im Hotelbett in Portugal. Die Tochter war noch aus. Sie verreiste gerne mit mir, aber sie hatte auch eigene Interessen. Das Kind war erwachsen geworden. Es fand schneller als ich das Gate beim Einchecken, wuchtete unsere Koffer aufs Band, orientierte sich mühelos in fremden Städten. Die Fürsorge verkehrte sich mit den Jahren.

Seit einiger Zeit hat die Tochter einen festen Freund, jetzt reisen machen die beiden zusammen Urlaub-

Nun könnte ich ja mit einer Freundin verreisen. Aber ab einem gewissem Alter umgibt weibliche Zweckbündnisse ein Hauch von Resignation. Ich habe solche Frauenpärchen oft gesehen, sie trugen Wanderschuhe und Sonnenhüte. Sie interessierten sich bei Exkursionen für die Landeskultur und fotografierten schon aus dem fahrenden Bus. Sie frühstückten früh, sie gingen früh schlafen. Diese Frauen, immer zu zweit, waren nicht auf Abenteuer aus. Wahrscheinlich haben sie sich gut erholt.

Ich bin noch nicht so weit, in Deckung zu bleiben.

Aus mir ist eine Club-Urlauberin geworden.

Keine schlechte Lösung – viel Komfort, und an das Duzen gewöhnt man sich, aber es gehört trotzdem Mut dazu, allein auf einen großen Tisch zuzusteuern, an dem sich alle zu kennen scheinen. Mich kennt keiner. Das letzte Mal landete ich in einem so genannten ABBA-Club. Zunächst glaubte ich, damit sei ein gewisser Sound gemeint, aber das Kürzel meint Anreisen, Baggern, Bumsen, Abreisen. Das volle Programm greift zuverlässig bei beharrlichen Besuchen des Nachtclubs auf dem Gelände. Auch Frauen meiner Generation erscheinen erst zum Spätaufsteherfrühstück und erzählen glaubhaft von Eroberungen. Männer zwinkern ihnen vom Nebentisch zu. Ich hingegen bin in einer Lücke zwischen den beiden großen B’s gestrandet.

Manches ist auch eine Frage des Timings. Beim Club Med lud mich ein Mann zur Fahrt mit dem Katamaran ein. Das hatte ich noch nie gemacht, also warum nicht mal so ein Abenteuer? Wir segelten weit hinaus. Als das Festland nur noch ein Strich am Horizont war, brach der Mast. Wir schaukelten hilflos auf hohen Wellen, mir wurde bewusst, dass nur ein bisschen fester Stoff zwischen mir und dem tiefen Ozean war. Genau in diesem Moment fragte mich der Fremde, ob ich einen Freund hätte.

Ich habe gelogen. Später wurden wir abgeschleppt.

Brigitte Woman 1/06


26
Feb 14

Immer ist was

Immer ist was. So lautet der von mir am häufigsten gedachte Satz.

Man hat sich angestrengt, man ist gerannt und hat tatsächlich alle Termine gehalten. Nun, so denke ich, müsste es doch mal eine kleine Belohnung geben: Müßiggang, Planlosigkeit, Stille. Alles hätte ich verdient. In solchen Momenten wird mir die Handtasche geklaut. Oder ich verliere mein Schlüsselbund. Oder ich bekomme Ischias.

Ich würde so gerne die Früchte meiner bisherigen Anstrengungen pflücken, Erntedankfest sozusagen. Alles bisschen runterfahren – die Erwartungen, die Geschäftigkeit oder die Abenteuerlust. Aber ich komme damit nicht durch. Mein Leben hält mich auf Trab.

Ich bin eigentlich nie krank, aber vor vier Monaten jagte ein Schmerz hinten über den Oberschenkel bis zum Knie. Nach längerem Humpeln ging ich mit Wärmflasche zu Bett, ließ mich akupunktieren, nahm Medikamente, hielt intensiv Ruhe, trieb intensiv Sport. Nichts half. Dann riet mir eine verehrte Schriftstellerin, sie ist über siebzig Jahre alt, zum Osteopathen, zu einem Zaubermann, mit dem sie selbst beste Erfahrungen gemacht hatte. Diese Behandlung entwickelte ein amerikanischer Arzt schon 1874, es geht dabei um eine Heilmethode, die den Menschen als Ganzes betrachtet. Die Kosten kann ich bei meiner Krankenkasse nicht absetzen. Aber mir war inzwischen alles egal.

Der Osteopath, ein junger, sportlicher Mann, erspürte mit bestimmten Handgriffen die Spannungen in meinem Körper und machte ein ernstes Gesicht. Wir würden uns viel Zeit nehmen müssen, sagte er. Der Ischias habe mit meiner Lebensführung zu tun, und die Ursache des Schmerzes sitze an anderer Stelle: Es gebe einen Lymph-Stau. Während der wöchentlichen Konsultation lag ich in Unterwäsche auf einer Liege, die meiste Zeit packte sich der Mann auf mich – die linke Hand unter meinem Hintern, mit der anderen massierte er meine Kaiserschnittnarbe. Ich sah an die Decke und dachte an die Schriftstellerin, es war ihr honoriger Name, den ich in meiner Lage anrief. Später sagte sie mir, dass ihr Zaubermann ein anderer Arzt in der Praxisgemeinschaft gewesen war, nur ein ähnlicher Name.

Wir reden hier dem Unerwarteten, das uns aus der Bahn wirft. Immer ist was.

Manchmal sind es Kettenreaktionen. Am einem gemütlichen Wochenende stelle ich die Kaffeemaschine an und mache Milch warm. Ich lese kurz in der Zeitung, weshalb die Milch überkocht und die Herdplatte bräunlich verkrustet. Die Papp-Lasche an einer neuen Milchpackung klemmt, ich ziehe kräftig und bespritze meinen schönen schwarzen Pullover. Ich wasche ihn weisungsgemäß bei dreißig Grad in der Waschmaschine, aber er verfilzt und schrumpft auf eine kindliche Größe.

So läuft das oft bei mir: Eben war alles noch gut, aber dann nichts mehr. Von diesem Effekt leben Filmkomödien, ich empfehle an dieser Stelle den Klassiker „Umsonst ist noch zu teuer“ mit Tom Hanks. Da beginnt ein sympathisches amerikanisches Ehepaar, ein schönes altes Haus zu renovieren und lebt am Ende verzankt auf einer Ruine.

Aber man muss nicht ins Kino gehen, um aus schöner Harmonie zu fallen. Der Intendant des Deutschen Theaters saß mit einer Mitarbeiterin und einer Sekretärin in seinem Büro. Sie tranken eine Tasse Kaffee und besprachen friedlich die Geschäfte. Da stürzte ein Schauspieler herein. Er trug ein Gewehr, richtete es auf den Chef und verlangte eine Rolle in der nächsten Inszenierung. „Jetzt wird Ernst gemacht!“, schrie er. Die Frauen flüchteten, der Intendant schlug das Gewehr herunter und schrie um Hilfe. Im Handgemenge stürzten die beiden Männer und rollten kämpfend unter den Schreibtisch, weshalb sie nicht zu sehen waren, als einige Leute, die die Hilferufe gehört hatten, ängstlich durch den Türspalt spähten. Der Intendant konnte sich selbst befreien. Das Gewehr entpuppte sich als Attrappe. Aber der schöne ruhige Arbeitstag war nun natürlich hin.

Brigitte Woman 10/ 06


26
Feb 14

Ehrlichkeit

Es ist komisch mit der Ehrlichkeit – sie hat ein gutes Image, aber sie passt nicht jederzeit überall hin. Ich rede nicht von einer Aussage vor Gericht, von Spesenabrechnungen, dem Verkaufsgespräch neben einem Gebrauchtwagen, von Parteiprogrammen oder Medikamenten-Beipackzetteln, hier ist Ehrlichkeit zumindest wünschenswert. Aber im privaten Leben braucht Ehrlichkeit ein bisschen Flankenschutz durch Takt, Instinkt und passende Gelegenheit. Ich möchte auch nicht gleich hören, dass ich den völlig falschen Urlaubsort gebucht habe oder mein neues Handy gleich wegschmeißen kann. Nicht jetzt, später vielleicht.

Ehrlichkeit ist im Alltag eine Frage der Dosierung und Fairness.

Manche Leute ziehen ihre Ehrlichkeit aus der Tasche wie einen Revolver. Ich pfeife auf diese Einmischung, mit der mir jemand nur sagen will, dass er anders leben würde als ich. Soll er doch. Im übrigen bin ich von dieser Eigenschaft keineswegs frei, vielleicht fällt sie mir deshalb bei anderen so unangenehm auf, vielleicht liegt sie in der Familie. Meine Mutter hat immer ihre ehrliche Meinung gesagt, und am liebsten mir: „Frau Manteufel hat dich auf der Straße in einem blauen Mantel gesehen, du sollst scheußlich ausgesehen haben.“ „Aber ich habe doch nur den schwarzen Mantel, in dem stehe ich gerade vor dir“, sagte ich. „Und in dem siehst du auch scheußlich aus“, sagte meine Mutter. Sie konnte nicht anders. Sie musste alles rauslassen.

Ehrlichkeit liegt in Konkurrenz mit Verschwiegenheit.

Vor Jahren sah ich den Mann einer guten Freundin in einem abgelegenen kleinen Hotel. Er war in Begleitung, eine eindeutige Situation. In seinen Augen stand Angst, als er mich entdeckte. Bin ich unehrlich, weil ich mit meiner Freundin nie darüber gesprochen habe? Die beiden sind bis heute verheiratet. Als Bill Clinton damals gezwungen wurde, die genauen Details seiner Beziehung mit Monica Lewinsky öffentlich zu offenbaren, habe ich das nicht als schönen Sieg der Ehrlichkeit empfunden, sondern als Zumutung. Auch für mich.

„Man soll nie ungefragt seine Meinung äußern“, sagt ein kluger Freund. Er selbst hält sich sein Leben lang daran und ist bei verschiedenen Leuten vielleicht auch deshalb ein beliebter Mann. Seine temperamentvolle Frau hingegen spricht gerne unaufgefordert offen. Sie sagte bei einem großen Fest zum Gastgeber, zu einem wirklich berühmten Schriftsteller, dass sie ihm nicht zu nahe treten wolle, aber seine schlechten Zähne müsse er endlich mal behandeln lassen. Worauf dieser Dichter einen Abend lang den Mund verschloss. Gegenüber jedermann und nicht nur wegen der Zähne.

Brigitte Woman 4/06