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Apr 14

Preis und Wert

Aus Geld kann mehr oder weniger Geld werden. Nur mal als Beispiel: Ich kaufe ein neues Auto und fahre beschwingt vom Hof. Wenn ich es am nächsten Tag aus irgendwelchen Gründen wieder verkaufen möchte, ist es weniger wert – obwohl nichts fehlt, kaputt ist oder abgenutzt. Es ist nur ein bisschen gebraucht.

Gebrauchtes hat keinen guten Ruf, und zum Verbrauchten ist es dann nicht mehr weit. In einem Brief an diese Zeitschrift stand, dass eine Leserin nicht mit George Clooney ins Bett gehen möchte: „Nee, der Mann ist mir zu verbraucht, und älter wird er auch.“ Das sitzt, aber nach allem, was ich so höre, laufen die Dinge für Clooney, 51, noch einigermaßen.

Manchmal kann etwas Altes sehr teuer werden: Ein Plakat von 1928 ging für über 100 000 Dollar bei einer Auktion weg: Ein Film-Poster, auf dem Micky Maus lacht – es war ein Druck, keine Originalzeichnung von Walt Disney. Ja, ich weiß, dahinter steckt der Markt. Er führt Angebot und Nachfrage zusammen. Aber viele Dinge sind mit Fantasien aufgeladen.

Für den internationalen Kunstmarkt hätte ich zu schwache Nerven. Lege ich da mein Geld auch sicher an? Selbst Kenner haben schon auf falsche Pferde gesetzt. Rubens soll zuletzt abgestiegen sein. Zum Glück hatte ich keinen. Aber „Der Schrei“ von Edvard Munch brachte letztes Jahr im Mai 120 Millionen Dollar, mehr als jedes andere Gemälde bei einer öffentlichen Versteigerung. Schlichen die Mitbieter wie geprügelte Hunde davon, waren sie heimlich froh, dass sie ihr Geld behalten hatten, gelten sie jetzt unter ihresgleichen als Knauser? Ich kenne leider keinen Menschen, der das wüsste.

Den teuersten Einkauf aus einer privaten Sammlung machte ein anonymer Kunstfreund. Er soll 2006 für einen Jackson Pollock 140 Millionen Dollar bezahlt haben. „No.5, 1948“ ist ein wirklich schönes, großes Bild: Action Painting, Öl auf Holz – ein Komposition wie tobendes Unterbewusstsein oder wie eine kosmische Erscheinung. Aber 140 Millionen? Immer Angst vor Einbrechern? Und wenn ich plötzlich mal Geld brauche – bekomme ich das Bild gut los? Zinsen gibt es auch nicht.

Das sind so meine Fragen.

Vor Jahren habe ich eine „Millionärsmesse“ besucht. Seitdem kenne ich mich im gehobenen Segment aus: Zigarren für 500 Euro das Stück in einem Mantel aus Blattgold, den man später mit der Asche in den Müll kehrt oder sehr lange für eine Zahnplombe sammeln könnte. Die Zigarren waren für mich als Nichtraucherin uninteressant. Lieber mochte ich einen Bettüberwurf mit zwei Kissen für 300 000 Euro, alles mit Diamanten verziert. Die Kissen müsste ich aber vor dem Schlafen umdrehen, denn die Diamanten würden mir das Gesicht zerkratzen. Ich sah Schuhvorwärmer mit Beleuchtung, Strandkörbe mit Ventilator, tragbare Luxustoiletten. Mir gefiel eine Badewanne aus honigfarbenem Zedernholz. Ich fragte nach dem Pflegeaufwand. „Manchmal einölen“, sagte der Berater, „aber das macht ja das Personal.“

Wie die meisten Menschen verdiene ich mein Geld unterhalb der Millionärsschwelle. Außerdem bin ich sparsam – ein ähnlicher Typ wie die Tochter einer Kollegin. Die griff mit ihrem Mann bei einem Urlaubsangebot zu: eine Woche auf Bali, pro Person etwas um die 500 Euro. Sehr günstig.

Nach der Landung stellten Kontrolleure fest, dass der Pass der jungen Frau nur noch vier Tage gültig war. Sie musste das Land auf der Stelle mit dem nächsten Flugzeug verlassen, das landete in Neukaledonien. Ihr Mann flog mit, obwohl er einen gültigen Pass hatte. Er liebt seine Frau. Bali liegt im Indischen Ozean, Neukaledonien im südlichen Pazifik. Das Paar nahm ein Zimmer, verhandelte mit einem Honorarkonsul und durfte später auf Bali Urlaub machen. Nach Bezahlung der Umwege kostete die Reise um die 10 000 Euro.

Im Briefkasten liegt ein Angebot: Weil ich eine bestimmte Zeitschrift abonniere, könnte ich eine Woche für eine Bildungsreise in die Türkei fliegen, in guten Hotels übernachten – alles für 99 Euro. Das kommt mir sehr wenig vor.

Die Reise kostet erst einmal Flugbenzin. Außerdem entspricht sie mit der Arbeit von Piloten, Stewardessen, Kofferträgern, Köchen, Kellnern, Zimmerfrauen, Gärtnern, Busfahrern und Dolmetschern dem Gegenwert von sieben Patronen für meinen Drucker oder von acht Packungen Ersatztüten für meinen Staubsauger. Fünf Türkei-Reisen haben den Wert einer Zigarre im Blattgoldmantel.
Was kommt raus unterm Strich?

Brigitte Woman 05/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Allein in Gesellschaft

Ich würde so gerne ein anderer Mensch sein. Dieser Gedanke begleitet mich – besonders wenn ich Gesellschaften verlasse.

Für kleinere Kreise fehlt mir die Gelassenheit. Wenn man mich schon eingeladen hat, dann will ich auch ein guter Gast sein. Ich fühle mich mitverantwortlich für das Gelingen, so entsteht Druck. Es beginnt bei diesen Luftküssen. Seit sich kein Mensch mehr die Hand gibt, muss man mitmachen. Common Sense in Deutschland ist pro Wange ein Kuss. Aber ich weiß nie, auf welcher Seite man anfängt. Manche Gäste küssen auch drei Mal. Solche Küsse trafen mich schon voll auf den Mund, weil ich das Ganze für beendet hielt und in der Mitte angehalten hatte.

Ich kann es nicht aushalten, wenn das Gespräch bei Tisch versiegt. Es werden ja auch Leute eingeladen, die wenig oder gar nichts sagen. Was erwarten die eigentlich von einem Abend in Gesellschaft? Die Stille nach den abgeräumten Vorspeisetellern macht mich nervös. Meine innere Stimme sagt: „Du bist nicht im Dienst!“ Aber meine hörbare Stimme meldet sich zwanghaft zu Wort. Ich bin übrigens nicht schlecht im Erzählen, ich kann Leute zum Lachen bringen. Freundliche Gesichter wenden sich mir zu. Und Bums! werde ich für einen Abend zur Vorturnerin. Wenn wir später unsere Mäntel anziehen und die Luftküsse ihren zweiten Auftritt haben, weiß ich zu oft zu wenig von den anderen Gästen, und sie wissen immer zu viel über mich. Im Fahrstuhl stehe ich gelegentlich neben einer schönen Frau, die den ganzen Abend lächelnd geschwiegen hat. Wie interessant und geheimnisvoll! Wie Fantasie anregend! Wie gerne wäre ich wie die.

Bei größeren Gesellschaften, bei Bällen oder Empfängen, überfällt mich dagegen Schüchternheit: weil ich allein bin und nichts trinke. Ich wäre hin nach einem einzigen Glas. Mit Alkohol überwinden viele Schüchterne ihre Hemmschwelle, aber sie übertreiben auch – wie der empfindsame Künstler, der im Schloss Bellevue bei einem Empfang des Bundespräsidenten so viel getankt hatte, dass er vor aller Augen lang hin schlug. Auf der Frankfurter Buchmesse, das schwört eine Freundin vom Fach, bewegen sich auch Verleger von Weltrang tagsüber an den Ständen mit Stil, aber nachts im Frankfurter Hof auf allen Vieren.

Erfahrene Gastgeber sorgen für Überfüllung und gemischtes Publikum. Man soll sich durchs Gedränge schieben. Man soll sich wundern über ein Jackett aus Kunstrasen oder schwarze Zähne. Das Heterogene ist ein Spannungsfaktor. Das Überfüllte ist der Beweis, an einem begehrten Ort zu weilen. Ist jemand da, den ich kenne, an den ich mich eventuell ranhängen kann?

Erkenne deinen Status: Wer in den Augen seines Gegenübers Unruhe liest, gilt selbst nicht als allererste Wahl für ein längeres Gespräch. Dann sage ich schnell: „Man sieht sich.“ Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man an diesem Abend kein weiteres Wort miteinander wechseln wird.

Ich lasse mich treiben, zum Beispiel durch den Bundespresseball. Männern klopfen sich auf die Schulter und dröhnen: „Ich grüße Sie!“ Frauen begrüßen Frauen mit vertikalen Scannerblicken. Ich fühle mich unsichtbar. Endlich treffe ich einen älteren Herrn, den ich kenne. Er ist in junger Begleitung. Ich mache seiner hübschen Tochter ein Kompliment. Meine Interpretation war falsch. Das Pärchen sagt, es müsse weiter.

Der Single vagabundiert, Paare stationieren. Sie bleiben an den Stehtischen, da können sie abwechselnd zum Büfett gehen und den Essplatz frei halten. „Schatz, es gibt Hummer!“ Paare haben immer jemanden an ihrer Seite, mit dem sie sich notfalls unterhalten können.

Der Single ist für seine Unterhaltung allein verantwortlich, auf ihm lastet Erlebnisdruck. Ältere, allein stehende Damen bilden öfter Notgemeinschaften, sie schweifen ziellos umher und verlassen früh das Fest in Begleitung von Abschiedstüten. Ältere, allein stehende Herren bleiben an der Bar. Ab einem bestimmten Pegel sprechen sie jede vorübergehende Frau an.

Ich laufe auf sehr hohen Schuhen zwischen fremden Menschen. Das macht müde. Meistens gehe ich bei solchen Gelegenheiten zu früh weg. Ich glaube, dass man lange durchhalten muss, wenn man was erleben will. Angeblich wird immer spät ganz wild getanzt. Aber die Kraft habe ich heute nicht. Ich steige in ein Taxi und sehe nach, ob sich wenigstens die Abschiedstüte gelohnt hat.

Brigitte Woman 03/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Geld und Geiz und Sparsamkeit

„Die Phönizier haben das Geld erfunden“, schrieb Johann Nepomuk Nestroy. „Aber warum so wenig?“ Geld allein macht nicht unglücklich. Man muss es nur in Zusammenhängen sehen.

Investoren können eine Summe, die unsere Vorstellung sprengt, als Etat für ein Großunternehmen beschließen. Später wird aus dem Etat ein Etappenziel, das nach weiteren Zuschüssen schreit. Alle Verantwortlichen sind überrascht – zuletzt beim Flughafen Berlin-Schönefeld. Es kann passieren, dass Menschen mit guter Ausbildung Plus und Minus verwechseln und sich um 55 Milliarden Euro verrechnen – wie die Bankenholding Hypo Real Estate. Die weltberühmte Fotografin Annie Leibovitz hat 24 Millionen Dollar Schulden. Wann mag sie bemerkt haben, dass sie Schulden hat?Umgang mit Geld ist ein großes Thema.

Geld ist zunächst nichts weiter als ein Zwischentauschmittel. Nur weil sich alle Welt darauf geeinigt hat, kann es zu weiteren Tauschgeschäften eingesetzt werden. Geld für Güter, für Kredite, für Sicherheiten, für Status. Es dauerte nicht lange, bis mächtige irdische Kräfte für eine unterschiedliche Verteilung sorgten. Beim Besitz von Verstand denkt nahezu jeder Mensch, er habe genug davon. Beim Geld ist es umgekehrt.

Natürlich glauben wir an innere Werte, aber wir glauben eben auch an gutes Aussehen. Das Materielle soll nicht dominieren, aber ein Notgroschen wäre schon wichtig, oder ein bisschen mehr Spielraum. Wir vergleichen uns, aus reiner Fairness, mit Menschen neben uns. Aber die nahe liegende Frage „Wie viel verdienen Sie?“ wird Verlegenheit auslösen und lauter Lügen. Mein Kollege Arno unterlief solche Neugier durch übertriebene Großzügigkeit: Wenn er sich für eine Gefälligkeit bedanken wollte, überreichte er Sträuße, die danach nur in Wassereimern gehalten werden konnten. Wenn dieser Kollege in der Kantine an der Kasse stand, bezahlte er oft auch für das Essen des nächsten Wartenden – den er gar nicht kannte. Derjenige musste allerdings eine junge Frau sein. Der Kollege verdiente wahrscheinlich sehr gut. Aber weil bei seinem Benehmen davon nicht viel übrigbleiben konnte, entging er den Neidern.

Jemand, der viel Geld besitzt, braucht originelle Ideen, um es zu behalten. Hier beginnt das Schattenreich des Geizes.

Ein Regisseur lädt gerne Leute ein. Er liebt tiefe Gespräche. Aber wenn er meint, dass die Gäste genug gegessen und getrunken hätten, klopft er, unabhängig von der Tageszeit, auf sein Handgelenk und sagt: „Die böse, böse Uhr vertreibt meine lieben, lieben Gäste!“ Ein zu Recht berühmter Fernsehautor lädt zum Kaffee ein, ich soll Kekse mitbringen. Ich stelle sie auf den Tisch und stecke einen Keks in den Mund. Er nimmt den Teller und versteckt ihn unter seinem Sessel, er will alles haben, will nicht teilen. Wir geraten in ein Handgemenge, das ich als die Jüngere gewinne. Aber die gute Stimmung ist dahin.

Der Geizige ist – außer bei Enkeln, die nach seinem Tod ein Millionenvermögen in verstaubten Einweckgläsern finden – ein ungeliebter Mensch. Zu Lebzeiten gönnt er sich und anderen nichts, obwohl er es könnte. Aber wann wird aus dem gesellschaftlich geächteten Geiz die gesellschaftlich akzeptierte Sparsamkeit? „Der Sparsame“, so heißt es in einem weisen Spruch, „kauft nur 1-lagiges Toilettenpapier. Der Geizige benutzt es von beiden Seiten.“

Überall wird gespart. Redaktionen benutzen Schreibprogramme, die schon einfache Texte produzieren können, und sparen Journalisten. Die Bahn spart Zugverbindungen. Drei junge australische Künstler sparen bei einer Performance in Berlin: Zwei Frauen und ein Mann belegen am Rand der viel befahrenen Schönhauser Allee ein kleines Schotterstück. Dort starten sie mit nichts in zehn Tage: Sie sind ganz nackt, wirklich. Sie haben kein Essen, kein Trinken, keine Decke, kein Dach. Sie wollen sich ganz der Hilfe ihrer Mitmenschen ausliefern.

Schon fünf Minuten nach Beginn der Aktion bringen ihnen fremde Leute was zum Überwerfen. Es folgt alles, was man braucht, auch ein Zelt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, irgendwo im Urlaub, auch so eine Performance zu wagen, die was einbringt. Ich lasse davon ab. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters.

Brigitte Woman 11/12, April 2014 bearbeitet


14
Apr 14

Gute Sprüche

Bei guten Sprüchen horche ich auf und überlege, ob das nur Witze sind oder schon Weisheiten, die ich beherzigen sollte.

Es gibt ein arabisches Sprichwort: „Vor der Ehe Augen auf. In der Ehe halb geschlossen.“ So etwas meine ich. Leider bin ich der Redewendung als junge Frau nicht begegnet, und später ergab sich keine Gelegenheit, sie auszuprobieren. Aber ich nehme auch kleinere Sprüche gerne mit, beispielsweise den: „Nie Samstags zu Ikea.“ Wer sich an diesem Tag mit einem sperrigen Einkaufswagen an der Hand und einer schwankenden Grünpflanze im Arm den Kassenschlangen genähert hat, wird zustimmen.

Eine Freundin mustert mich aufmerksam: „Wenn du dich mal nicht so fühlst, zieh’ was Helles an.“ Auch ein Spruch, der stimmt. Um mich noch besser zu fühlen, wasche ich mir an miesen Tagen zuerst die Haare und ziehe eine neue Strumpfhose an, möglichst frisch aus der Verpackung.

Mein Leben als Konsumentin kennt Griffe dicht daneben, falsche Größen, unbequeme Schuhe, unbedachte Schnäppchen. Ich nähere mich meinen Wünschen nur an. Als ich blaue Stiefel wollte, kaufte ich das erstbeste Paar, danach ein etwas besseres. Keines ist wirklich toll. In meiner Wohnung gibt es zu viele Sachen, die ich nur aus Unschlüssigkeit mitgenommen habe.

Aber jetzt lebe ich besser mit einem Spruch: „Nach jedem Einkauf sollst du zu Hause Freudensprünge machen.“ Vor dem Bezahlen schalte ich mein Gedächtnis an. Es prüft, ob das zur Entscheidung stehende Produkt bei mir zu Hause bereits vorhandene Produkte bei weitem übertrifft. Der Spruch imaginiert meine Gefühle beim Auspacken und Anprobieren vor dem Spiegel Und dann – ich hätte es ja auch nicht glauben wollen – erlischt fast immer die Gier. Auf die Frage: „Werde ich deswegen Luftsprünge machen?“, antwortet eine innere Stimme: „Wahrscheinlich nicht.“

Ich bin mit einem Paar befreundet, beide arbeiten im Filmgeschäft und sind seit 35 Jahren verheiratet. Die Frau hat etwas Elfenhaftes, Verführerisches, der Mann ist jungenhaft geblieben und verdient viel Geld. Sie werden beide Versuchungen erlebt haben, denke ich. Könnte es irgendeine Regelung für gelegentliches Fremdgehen, für Affären geben? Irgendwann, wir kennen uns gut genug, stelle ich die indiskrete Frage. Sie haben eine Antwort: Eine andere Beziehung würde akzeptiert, „wenn einer von uns was Besseres findet.“

Den Spruch merke ich mir. Er klingt cool, aber er verlangt eine ernsthafte Prüfung der Begierde und der Maßstäbe. Mit dem Spruch auf dem Gewissen macht man nichts Halbes.

Meine Mutter liebte Sprichwörter, sie sitzen mir immer noch im Nacken. Ich denke: „Am Abend wird der Faule fleißig“, wenn ich nach 22 Uhr die Küche durchwische. Mein ganzes Leben schrumpft auf die Kurzfassung: „Hinterher ist man schlauer“.

Vor Jahren gab es im Fernsehen „Das Glücksrad“. Das drehte sich und gab verschiedene Buchstaben frei, aus denen drei Kandidaten so früh wie möglich ein Wort oder Redewendungen zusammensetzen sollten. Einmal hieß die Aufgabe „Geflügelter Spruch“. Viele Buchstaben standen da, einige fehlten noch. Wer weiß was? „Ick löse!“ rief der Kandidat aus Berlin: „Der Zwerg reinigt die Kittel!“ Das war falsch.

Brigitte Woman 09/12, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Touristen

Wegen einer Recherche musste ich ein Bordell besuchen und bat meinen damaligen Chefredakteur, einen aufgeschlossenen Mann, mich in eine Szene zu begleiten, von der ich keine Ahnung hatte. Wir kamen in so ein Haus und nahmen im Kontaktraum Platz. Eine junge Frau setzte sich auf den Schoß meines Chefs und ging ihm an die Wäsche. Als sich unsere Augen trafen, fragte die Hübsche höflich: „Wo kommst’n du her?“ Ich sagte: „Mitte. Krausnickstraße.“ Sie strahlte: „Icke Große Hamburger.“ Das ist bei mir um die Ecke. Sie stieg von meinem Chef runter.

Anwohner nehmen gerne Kontakt auf, wenn sie sich zufällig treffen. So läuft es auch mit den Prostituierten, die nachts an der Oranienburger Straße stehen – hohe Stiefel, geschnürte Mieder, große Klappe. Aber nett. Eine macht mich auf meinen defekten Scheinwerfer aufmerksam, als ich aus dem Auto steige. Ich bedanke mich, und sie ruft mir nach: „Dit wollte ick neulich schon deine Tochta sagen.“ Man sieht sich, man lächelt sich an. Ich mag meinen Kiez und diese Frauen, aber ich sehe ein Problem: Sie ziehen die Touristen an.

Früher hieß der Besucherstrom amtlich „Fremdenverkehr“. Als dieses Wort gegen das Wort „Tourismus“ ausgewechselt wurde, war ich viel jünger und dachte, dass man das aus Anstand gemacht hätte – Fremdenverkehr klingt ja ein bisschen anzüglich. Aber das neue Wort sollte nur ausdrücken, dass keine Fremden kommen. Sondern Reisende, Gäste, Besucher mit Interesse an unseren Museen, Theatern, an der Kunstszene, später auch an Mauerresten. Ostern waren zwei Millionen Besucher in Berlin. Ich habe das Gefühl, allen begegnet zu sein, denn sie bevorzugen meine Gegend.

Touristen sind mit einem anderen Zeitgefühl unterwegs als wir Anwohner. Touristen schlendern, plötzlich bleiben sie vor einem Bonbonladen stehen, unsereiner dahinter läuft in ihren Rücken. Als Fußgängerin muss ich mich durch Menschenströme kämpfen, keiner geht aus dem Weg, wenn ich schwere Taschen schleppe, aus denen Porreestangen oder Teppichreiniger ragen. Als Autofahrerin achte ich auf Personen, die auf der Straße liegen: Das sind Hobbyfotografen, die bäuchlings dem Postfuhramt eine spezielle Perspektive abtrotzen.

Wir Anwohner sind in der Minderheit. An einem Sommerabend habe ich zwischen Alexanderplatz und meiner Wohnung ausschließlich Fremdsprachen gehört, zwei davon konnte ich nicht mal einem Kontinent zuordnen – ich sah mich schon als Opfer einer Sendung mit versteckter Kamera.

Meine Stadt ist arm. Touristen geben Geld aus. Ich fühle mich verpflichtet, als Berlinerin einen guten Eindruck zu machen. Wem im Gegenwind der auseinander gefaltete Stadtführer ins Gesicht flattert, der kann mit meiner Hilfe rechnen. Ein Mann fragt mich mit schwerem Akzent nach einer Straße, deren Namen ich noch nie gehört habe. Ich zucke die Schultern, sorry. Er macht einen Schritt auf mich zu und setzt nach: „Jetzt wir uns kennen. Kaffeetasse?“

Ganz am Anfang folgten die Menschen aus Nahrungsgründen den Weideplätzen und Wasserstellen. Früher gab es noch kein Pub-Crawling: Weil Alkohol bei uns relativ billig ist, reisen von weither Touristen zum Komasaufen an. Von Scouts geführt folgen solche Horden den Kneipenrouten, unterwegs reicht der Scout seinen Kunden Wodka-Lemon aus der Flasche, damit die Abstände nicht zu groß werden.

Früher wohnte man im Hotel oder bei Freunden. Heute gibt es preiswerte Unterkünfte ohne menschliche Anbindung. Eine zu Recht preisgekrönte junge Schriftstellerin kann in der Invalidenstraße nicht mehr schlafen, sie zieht jetzt um: Ihr Hausbesitzer hat acht von zehn Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt. Die Schriftstellerin wird nachts wach – Musik, Gelächter, Schlägereien. Sie tappt über die Etagen, klingelt und bettelt um Ruhe. Besoffene Feriengäste lachen sich kaputt über die Person im Nachthemd. So kann keine Literatur entstehen. Nicht unter einem Dach.

Jeder von uns ist mal Tourist und verkennt die Lage. Mir fallen die Leute ein, die in Ägypten von einem Ausflug ins Hotel heimkehren wollten. Sie stiegen in einen Bus und nannten mit deutscher Sprachfärbung ihr Ziel. Der Busfahrer verstand sie nicht. Die Frau zog ihren Mann zum Ausgang und sagte laut: „Der kennt sisch hier nit aus.“

Brigitte Woman 07/12, April 2014 bearbeitet