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Apr 14

Alter und Würde

Was heißt in Würde altern?
Diese Frage wurde unserer Autorin Regine Sylvester von unserem Redakteur Rudolf Novotny, 32, gestellt. Hier ihre Antwort

Vor einer Woche hat Arno Widmann, 66, an dieser Stelle die Frage nach dem Altern in Würde beantwortet. Es war ein grandioser Text und – wie hätte es anders sein können – seine persönliche männliche Erfahrung. Continue reading →


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Apr 14

Irrtümer

Manche Dinge gehören zum Leben, auch wenn man persönlich auf sie verzichten möchte. So geht es mir mit den Irrtümern, aber größere Geister setzten sie in noble Zusammenhänge – wie Goethe: „Es irrt der Mensch, so lang er strebt.“ Oder wie Hegel: „Irrtum ist ein Moment in der Entwicklung der Wahrheit.“

Das erlebte ich 2009 bei einer ausverkauften Veranstaltung der Akademie der Künste, der 80. Geburtstag von Christa Wolf wurde gefeiert. Ich hatte mich mit einem kleinen Text am Gratulationsbuch beteiligt und war deshalb eingeladen. Meine Eintrittskarte reservierte einen Sessel in der allerersten Reihe. Ich fühle mich geschmeichelt. Mein Platz ist sogar in der Mitte, und Klaus Staeck, der Präsident der Akademie, sitzt neben mir. In seinen Augen steht Verwunderung. Da kannste mal sehen, denke ich.

Applaus, Christa Wolf kommt mit Familie und Freunden in den Saal. Jemand zeigt auf meinen Sessel. Der Akademiepräsident sieht meine Karte an und sagt, dass ich nicht hierher gehöre, nicht in die A-Reihe. Der A-Reihe folgen in diesem Haus übrigens noch B-, C-, D- und E-Reihen. Und dann erst kommt Reihe 1, meine Reihe. Mein Aufstehen erregt Aufsehen. Es wird dunkel, während ich meinen Platz, Entschuldigungen murmelnd, suche. Fotos von damals stehen im Internet, auch dieses: Auf meinem irrtümlich eingenommenen Platz sitzt Christa Wolf neben Klaus Staeck.

Irren ist menschlich.

Drei Männer, Steve Jobs, Ron Wayne, Steve Wozniak, gründeten 1976 die Firma Apple. Ron Wayne nahm elf Tage später seine Einlage von 800 Dollar zurück: Er war unsicher geworden, ob das Geschäft durchhalten würde. Es kam ganz anders. Ein BBC-Reporter irrte sich auch. Im September 2013 moderierte er die News mit einem Packen Druckerpapier in der Hand. Zuerst dachten die Zuschauer, dass der Packen etwas mit der Nachrichtenlage zu tun hätte. Hatte er aber nicht. Der Sender erklärte später, dass sein Anchorman nach seinem Tablet-PC hatte greifen wollen. Er sah nicht genau hin und hielt dieses Papierpaket, eine ganze Live-Ansage lang.

Irrtümer sind falsche Annahmen, aber derjenige, der sie verbreitet, ist von ihrer Richtigkeit überzeugt. Insofern ist der sich irrende Mensch eine ehrliche Haut. Anders als der Fehler verursacht der Irrtum meistens keinen Schaden, denn er ist aufzuklären.

Ein Kollege vom „Stern“ und seine schöne Frau luden in der dunklen Jahreszeit zum Spiele-Abend ein. Ich kam neu in die Runde, suchte die Hausnummer und las ohne Brille den Namen auf einem schwach beleuchteten Klingelschild. Eine Frau meldete sich, ich sagte: „Hier ist Regine, zum Spiele-Abend.“ „Komm rauf. Treppenlicht ist kaputt“, sagte die Frau und drückte den Türöffner.

Nur von ganz oben fiel Licht aus einer Wohnung in den Treppenschacht. Der berühmte Kollege wohnt aber bescheiden, dachte ich. Komm rein“, sagte die Frau. Ich kannte sie nicht, es war still hinter ihr. Sie rief in ein Zimmer: „Regine ist da, zum Spiele-Abend!“ Ein Mann saß am Computer und drehte sich lächelnd um: „Können wir machen.“ Ich kannte auch den Mann nicht. „Es ist ein Irrtum“, sagte ich leise und zog mich zurück, dem Paar war nun auch klar, dass mich keiner von beiden kannte. Falsche Hausnummer, aber sehr, sehr nette Leute. Auf dem Namensschild sah ich, dass dem Gastgeber im Vergleich mit dem Netten Paar ein Buchstabe gefehlt hätte. Minuten später stand ich im Lift, war Gast unter Gästen in einer erlesenen Wohnung und konzentrierte mich auf die Siedler von Catan.

Der Irrtum hat eine lange Geschichte, in der sich, beinahe zu jedem Thema, Beweise seiner Existenz finden. Die sich irrenden Personen sind oft Fachleute, denen es an nur Vorstellungskraft fehlt.

Einige Beispiele für meine Vermutung:

„Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und wird es keine Einheit geben. Das ist so sicher und so klar wie die Tatsache, dass der Regen zur Erde fällt.“ (1981, Erich Honecker)

„Die Annahme, dass die Sonne im Zentrum steht und sich nicht um die Erde dreht, ist töricht, absurd, im theologischen Sinne falsch und ketzerisch.“
(Inquisition zu Galileo)

„Ich bin überzeugt, dass weltweit ein Bedarf nach nicht mehr als fünf Computern besteht.“ (1943, Thomas J. Watson, Präsident von IBM)

„Wer in drei Teufels Namen will schon Schauspieler sprechen hören?“ (1927, H.M. Warner von Warner Brothers).

Mein Lieblingsirrtum stammt aus dem Jahr 1899 vom Leiter des amerikanischen Patentamtes: „Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden.“
Der Mann hat sein Pulver zu früh verschossen.

Brigitte Woman 01/14, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Vertrauen und Misstrauen

Um an den Rätseln der Welt nicht zu verzweifeln, mache ich mir bestimmte Vorgänge anschaulich. Zum Beispiel wenn ich Namen vergesse. Gespräche mit Freunden verenden so: „Meine Lieblingsschauspielerin ist die… du kennst die… eine Blonde… vor paar Jahren war sie für den Oscar nominiert und hatte mal eine Affäre mit dem… mit dem… der immer so traurige Rollen spielt… Mann!“ Keiner kommt drauf, und für Google sind die Informationen zu dürftig. Aber ich glaube, dass mir der Name irgendwann einfällt, und so stelle ich es mir vor: Mein Unterbewusstsein fährt mit dem Lift runter, läuft durch Korridore. Es öffnet Türen und ruft den Namen. Es findet ihn, packt ihn am Kragen, fährt nach oben und legt ihn auf meine Zunge.

Für alles, was ich nicht kann, nicht weiß, nicht ausstrahle, finde ich kindliche Erklärungen.

Ich wüsste sonst keinen Grund, warum ich nicht misstrauisch bin. Wahrscheinlich wurde der Liebe Gott – oder wer auch immer mit meiner Schöpfung beschäftigt war – bei letzten Handgriffen abgelenkt. Deshalb vergaß er, mir das Misstrauen einzupflanzen und gab mir zu früh einen Klaps auf den nackten Hintern, der mich in den Bauch meiner Mutter beförderte. Ich bin eine Unvollendete.

Ich vertraue zu viel. Ich habe bösen Menschen Geld geliehen. Eine Freundin ist mit unbekanntem Ziel verzogen, nachdem ich ihr meine Jugendstil-Kette geborgt hatte. Großspurig auftretende Handwerker erwiesen sich als Dilettanten und Zerstörer. Von meiner Bankfrau kann ich gar nicht reden, das geht mir immer noch sehr nahe.
Das Wort „Vertrauen“ wird – außer in religiösen Zusammenhängen – von herabsetzenden Eigenschaftswörtern begleitet wie: „blindes“, „falsches“, übertriebenes“. Die aus der Politik bekannte Wortfolge „Ich habe volles Vertrauen in…“ ruft reflexartige Zweifel hervor.

Die öffentliche Verbreitung von Misstrauen ist eine Säule unserer Meinungsbildung: Glaube keinem Rentenbescheid, keiner Kursprognose, keinem Hotelcheck, keiner einzigen Reality-TV-Sendung. Glaube nicht an den Wahrheitsgehalt von Kontaktanzeigen oder an Diskretion im Umgang mit deinen Daten. Glaube keinem Foto mit schönen Menschen und Körpern seit Fotoshop.

Misstrauen ist Desillusionierung.

Viele Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. Wolfgang dreht jeden Schlüssel, auch den vom Schuppen, zweimal im Schloss herum. Kaum ein Mensch nimmt noch Tramper mit. Manch einer übertreibt es vielleicht auch mit dem Argwohn. Der Regisseur, der oben in meinem Haus wohnt, verschleiert seine Abwesenheit mit Possen: Er trägt seinen Koffer die Treppe runter und erzählt mir an meiner Wohnungstür ganz laut, dass in dem Koffer schmutzige Wäsche sei, er müsse zur Reinigung und käme bald wieder. In Wirklichkeit muss er wochenlang weg zu Dreharbeiten. Weil ich mich um seine Post kümmere, bin ich als Einzige eingeweiht. Die Eckdaten für meine Briefkastenverantwortlichkeit teilt er mir per e-Mail mit, vermutlich für Fremde chiffriert.

Wer über Misstrauen nachliest, erfährt Nachteiliges. Am schlimmsten soll es als Beziehungskiller wirken. Wer misstrauisch ist, sucht ständig nach Beweisen, die seine Gefühle rechtfertigen. Das kann nicht gut gehen.

Natürlich reden die Misstrauischen nicht Klartext. Sie sagen nicht: „Ich bin ein misstrauischer Mensch!“ Nein. Misstrauen, behauptet der Regisseur von oben, habe einen Hautgout, eine dunkle Seite. Er spricht in seinem Fall lieber von „gesunder Skepsis“. Besser noch von „Vorsicht“. Richtig zufrieden ist er aber erst, nachdem ihm das Wort „Umsicht“ eingefallen ist.
Außerdem bittet er mich, immer gut auf unser Haus aufzupassen.

Letztes Jahr stehe ich am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags am Fenster. Ein junger Mann mit großer Tasche läuft auf der anderen Straßenseite. Er öffnet mit einer Karte viele Haustüren und verschwindet. Fast alle Fenster sind dunkel, viele Parkplätze leer – Weihachten ist Stoßzeit Diebesbesuche in verlassenen Wohnungen.

Ich spüre nun tatsächlich Misstrauen und rufe die Polizei an. Sie kommt ganz schnell mit blau blinkenden Fahrzeugen unter Sirenenklängen und stellt Dieb wie Tasche. Die Polizei bittet mich zum Gespräch hinzu. In der Tasche sind Pfandflaschen. Der junge Mann ist ein Sammler, er darf gehen und sieht mich böse an.

„Na denn“, sagen die Polizisten und fahren ab ohne einen Weihnachtsgruß.

Brigitte Woman 11/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Vorbilder

Heute geht es um Vorbilder, wir fangen mal mit einem Witz an: “Ich bin ein echtes Vorbild”, sagt ein junger Mann. “Ich rauche nicht, ich trinke nicht, bin meiner Freundin treu, gehe abends um zehn schlafen, stehe früh um sechs auf und arbeite den ganzen Tag.”
Sein Mitbewohner nickt und setzt den Gedanken fort:
“Aber wenn wir aus dem Knast raus kommen, hört das auf!”
Ja, ein Vorbild hat es leichter, wenn es keinen Anfechtungen ausgesetzt ist.

Das Vorbild ist auf der einen Seite sehr wichtig: Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hielt Vorbilder für ein menschliches Urbedürfnis. Neurowissenschaftler bestätigen heute den positiven Einfluss: Schon bei dem Gedanken an ein Vorbild werden Betroffene motivierter. Denn nur wenn Gefühle auf Trab kommen, ändere sich das Verhalten. Auf der anderen Seite haben Vorbilder seit Monaten schlechte Presse, es heißt, sie würden zerbröseln und stürzen, bekannte Namen fallen. Einige Kollegen stellen in kulturkritischen Essays fest: Das Vorbild ist in der Krise.

Abwarten.

Repräsentative Umfragen zeigen haltbare Maßstäbe: Mutter Teresa, Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Gandhi, der Dalai Lama – das sind Menschen über die man von fern viel Gutes gehört hat. Die größte Überraschung war für mich die Position der Eltern auf der Rangliste: Auf Platz 1 die Mutter, auf Platz 3 folgt der Vater nach Mutter Teresa. Irgendwie rührend und tröstlich, weil sich die Eltern doch in ewigen Auseinandersetzungen über Jahre als ein Vorbild behaupten müssen. Natürlich habe ich sofort meine Tochter, heute 35, gefragt, ob sie ein Vorbild habe. „Auf Anhieb nicht“, sagte sie. Ich lenkte sie in eine bestimmte Richtung: „Und wie ist es mit deiner Mutter?“ Sie antwortete sachlich: „In manchen Sachen ja, in manchen Sachen nein.“ Ich vertiefte das Thema nicht weiter.

Mich beunruhigen die Forschungsergebnisse über die Bedeutung eines Vorbilds. Ich selber habe nämlich keins, aber manchmal tue ich so: „Du bist mein großes Vorbild“, sage ich zu meinem Kollegen Arno, nur weil der in dreißig Minuten einen Leitartikel schreiben kann. Mein großes Vorbild nenne ich auch Menschen, die nachts sicher Auto fahren, seit Jahrzehnten eine glückliche Ehe führen oder jeden neuen Tag mit dem Sonnengruß beginnen. Es geht um Details, die ich nicht hinkriege.

Vorbilder werden geachtet, Idole werden vergöttert. Erklären kann man es nicht.

Als Reporterin buchte ich vor Jahren eine „Diana-Walking-Tour“ in England und lebte zwei Tage unter Verrückten. Eine Frau fühlte eine Lähmung ihrer Beine, weil eine unsichtbare Barriere am Geburtshaus der Prinzessin stand. Eine andere, sie hatte schon mehrmals an der Tour teilgenommen, warf ihr ganzes Geld zum Fenster raus. Sie kaufte jeden Monat Gedenkbriefmarken, jeden zweiten Monat einen Gedenkteller und wöchentlich bis zu zehn Zeitschriften, die sie auf eine Erwähnung der Prinzessin hin durchsuchte. Bei jeder Station unserer Tour hinterlegte sie weiße Rosen. Die füllige Frau von Ende 50 wollte gerne auch aussehen wie Diana, möglich geworden war nur die gleiche Frisur.

Eine andere Kategorie im Bewunderungsgeschäft sind Trash-Prominente, die nichts können. Als Kreationen des Privatfernsehens wurden sie berühmt. Der Schäfer Heinrich singt verschwitzt und falsch am Ballermann. Die Geissens sind reiche Prolls, die ihr Personal schlecht behandeln. Micaela Schäfer zieht sich überall zwanghaft aus, Gina-Lisa hat dicke Lippen und vorspringende Brüste. Die einfältige Georgina findet sich als Einzige toll. Solche Flachzangen bekommen für jeden Auftritt einen Haufen Geld. Wahrscheinlich glauben sie, dass jemand, der so viel Kohle verdient, nicht dumm sein kann. Keiner meiner vornehmen Freunde kennt diese Leute. Sie hören aber alle gerne zu, wenn ich aus der Parallelwelt erzähle.

Ganz früher hatte ich auch ein Vorbild, die Cousine meiner Klassenkameradin Eva Friedrichsen: Das war Rosi – grazil, Katzenaugen, lange, dunkle Locken. So wollte ich später auch aussehen.

Rosi war sechzehn. Eva und ich waren zwölf. Einmal erzählte mir Eva im Vertrauen, dass Rosi was Verbotenes mit Jungs mache. „Was denn?“ Eva legte los: Rosi würde sich im Bett nackt auf den Rücken legen, und neben dem Bett müssten zwei Hocker stehen. „Warum?“ Auf denen würde Rosi die Beine ablegen. „Und dann?“ Aber mehr Informationen hatte Eva dann auch nicht. Rosi ist knapp vor dem Mauerbau in den Westen abgehauen. Bis heute weiß ich nicht, wofür diese beiden Hocker gut gewesen sein könnten.

Brigitte Woman 09/13, April 2014 bearbeitet


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Apr 14

Hätte. Könnte. Würde.

Immer mal wieder spüre ich eine Irritation. Das geht schon eine Weile so – es ist nichts Körperliches, nur ein diffuses Gefühl. Es entsteht durch eine einfache Erkenntnis: Das Leben ist irreversibel, ist unumkehrbar.

Ja, ja, das weiß jedes Kind. Ich habe auch als Kind gewusst, dass ich älter würde und nicht jünger. Aber ich habe darüber nicht nachgedacht. Ein Jahr folgte dem anderen, und die Sommer waren lang. Eine Perlenkette aus Naivität, Verwegenheit, Glück, Zufall, Dummheit und Pech legte sich um meinen Hals und wurde mein Leben. Irgendwann kann man nichts mehr herumreißen, das Grübeln erobert die Stimmung: Hätte ich damals… dann wäre ich… und könnte jetzt…

Mit solchen Gedanken stehe ich nicht allein. Bei meinen Freund Henry treten sie als Klagen über finanzielle Entscheidungen auf: Hätte er seinerzeit bestimmte Aktien gekauft, sagt er, dann wäre er jetzt richtig, richtig reich. Hätten Moderatorinnen, Schlagersänger, Fußballer, Schauspieler, Zahnärzte, Rechtsanwälte und andere vermögende Menschen nach der Wende ihr Geld nicht auf Ostimmobilien gesetzt, wären sie vermögend geblieben. Wäre Lothar Matthäus nicht nur Frauen eines bestimmten Typs verfallen, wäre vielleicht eine bei ihm geblieben. Hätte Guttenberg nicht so entschlossen über das Abschreiben seiner Doktorarbeit geschwindelt… – es gibt viele Sachen, auf die man sich eingelassen hat, ohne sie später aus der Welt schaffen zu können. Eine Freundin hat den Zeitpunkt verpasst, ihren erwachsenen Sohn aus der Wohnung zu werfen, jetzt kontrolliert er als Pascha ihr Leben. Unlängst fiel ich in Liebeskummer wie in ein Koma. Wie viel taktischer würde ich mich verhalten, wenn ich diese Beziehung noch einmal anfangen könnte.

Leben ist, wenn die Zeit weiterläuft. Im Film kann jemand in einer Zeitschleife hängenbleiben, wie Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in der Wirklichkeit führt jeder Tag zum nächsten Tag. Alles geht in eine Richtung. Schauspieler kann man älter schminken, aber kaum jünger. Man sieht das Künstliche.

Die Kunst kann alles behaupten. Jenny Erpenbeck lässt im Roman „Aller Tage Anfang“ eine Frau fünf Mal sterben, zuerst als Säugling, zuletzt und endgültig als alte Schriftstellerin. In diesem Buch ist der Tod der Hauptperson immer nur eine, durchaus einleuchtende Möglichkeit, die Geschichte kann ebenso einleuchtend weitergehen. In Intermezzi genannten Einschüben korrigiert die Autorin das zuletzt Erzählte und entlässt die Frau in das Weiterleben. Oder doch nicht?

Wer an der Zeitschraube dreht, betritt die Welt des Phantastischen, des Unmöglichen. 1984 hockte ein nackter Arnold Schwarzenegger – eine Kampfmaschine in Menschenhaut – auf einer dunklen Anhöhe in Los Angeles. Der „Terminator“ ist ein Zeitreisender aus dem Jahr 2029. Er kommt mit dem Auftrag, eine Frau zu töten, weil sie einen Sohn gebären wird, der in der Zukunft die Rebellion der Menschen gegen Maschinen anführt. Die Korrektur der Vergangenheit verändert die bereits existierende Zukunft. Für mich klingt das nicht unmöglich, seit ich gehört habe, dass große Teile des Universums in schwarzen Löchern verschwinden. Echt.

Was bedeutet Zeit für einen Lebenslauf? In Mark Twains Erzählung „Der geheimnisvolle Fremde“ befreunden sich drei Jungen mit einem Unbekannten. Sie lieben ihn, auch nachdem sie wissen, dass er ein Engel ist und ein Neffe des Teufels. Der Engel kann Gedanken lesen und kennt die Zukunft als feststehende Folge von Handlungen. Durch das Überspringen einer einzigen Handlung kann er das Leben eines Menschen von Grund auf ändern. Die Jungen bitten ihn, Schlimmes zu verhindern. Der allmächtige Engel aber ist gleichgültig: Wenn er einen Blick, einen Gang, ein Erwachen um ein Weniges verschiebt, kann sich alles zum noch Schlimmeren kehren.

Wegen dieser Erzählung überlege ich, ob der Zeitpunkt, zu dem ich die Wohnung verlasse, mein Leben aus den Angeln heben könnte. Ob ich lieber früher oder später gehen sollte. Leider werde ich es nie erfahren, man hat ja nur einen Versuch.

Brigitte Woman 07/13, April 2014 bearbeitet