14
Apr 14

Das Glücksgeheimnis

In dem Buch „Das Glücksgeheimnis“ erzählen langjährige Paare über das Gelingen ihrer Liebe. Bei der Berliner Buchvorstellung im März 2009 fragte ein junger Mann aus dem Publikum, ob die beiden Autorinnen während ihrer Recherchen etwas entdeckt hätten, das die befragten Paare verband – ein Prinzip oder eine Regel. Die Co-Autorin Bärbel Schäfer antwortete sofort: „Loben, loben, loben!“ Und ich dachte auf meinem Stuhl: Das ist eine große Weisheit. Merke sie dir.

In meinem Leben bin ich in viele überflüssige Scharmützel gezogen, zum Beispiel mit meiner Mutter. Wir waren beide nicht imstande, uns mit milden Augen anzusehen. Das blieb so bis zu ihrem Tod. Vor einiger Zeit erzählte eine junge Freundin, sie käme mit ihrer Mutter aus der Eskalationsspirale nicht heraus, und die drehe sich bei jeder Begegnung. Älter und erfahrener geworden gab ich einen einfachen Rat: „Wenn du bei deiner Mutter ins Zimmer kommst, lobe irgendwas – und wenn es die Tischdecke ist.“ Später bedankte sich diese Freundin bei mir wie für eine Wundermedizin. Alles sei anders gewesen, nachdem sie „Schöne Tischdecke!“ gesagt hatte: die Mutter entwaffnet, die Stimmung friedlich, der Abschied herzlich.

Ich glaube an die Kraft des Lobens. Mit jedem Lebensjahr mehr.

Aber das Lob genießt wenig Respekt. Es steht eher im Ruf des opportunistischen, oberflächlichen Verhaltens. Wer etwas lobt, will sich wahrscheinlich irgendwo ranschmeißen und vor Auseinandersetzungen drücken.

Ganz anders läuft es bei der Kritik: Jemand, der sich kritisch äußert – und zwar instinktiv, bei jeder Gelegenheit und gegenüber jedermann – gilt als wacher und freier Geist. Man setzt voraus, dass so einer sein Urteil erst nach gründlicher Beschäftigung fällen wird. Bei Journalisten und Politikern gehört Kritik quasi zur Berufsausstattung. Ein Kollege vertritt folgende Ansicht: Der Journalist, der sich morgens beim Aufstehen nicht fragt, wen er heute mit einem Text ärgern könnte, der sei im falschen Beruf. Ob dem Mann seine Arbeit wirklich Spaß macht? Ob er privat ganz anders sein kann? Der FDP-Generalsekretär Christian Lindner geht gerne in Talkshows und signalisiert seine kritische Teilnahme, indem er den Kopf schüttelt, wenn andere reden.

Kritische Äußerungen können auch die reine Attitüde sein. Solche Auftritte lese ich manchmal im Feuilleton: ein bisschen snobby, ein bisschen absehbar, oft verächtlich, selten begeistert. Leute signalisieren anderen Leuten, dass sie intellektuell überlegen sind. Sie spinnen mit Gleichgesinnten ein unsichtbares Netz, eine Meinungsbruderschaft. Meistens sind es Männer.

Mir geht dieses Gebaren immer mehr auf den Geist – eine Lust, öffentlich auszuteilen und zu übertreiben. Oft reicht ein Wort. Eine Illustrierte resümiert nach vierzig Jahren „Tatort“ die Qualität der verschiedenen Kommissare. Über vier Schauspieler schreibt der Autor, sie wären „grässliche Fehlgriffe“ gewesen. „Fehlgriffe“ hätte für sein entschiedenes, subjektives Urteil voll ausgereicht, aber ihm fehlte wohl noch eine Gemeinheit.

Auch im Privatleben wirken kleine kritische Dosen besser. Eine gute Freundin neigt zu radikaler Offenheit, weil sie immer ehrlich sein will. Sie trifft im Kino eine Bekannte, die sie monatelang nicht gesehen hat und sagt nach der Begrüßung: „Du hast zugenommen!“ Die Angesprochene rafft ihren Mantel vor der Brust zusammen, stimmt stotternd zu und wirkt betreten.

Alle wollen kritisch sein und möchten selber lieber gelobt werden. Jeder von uns weiß doch, wie gut es tut, gelobt zu werden oder ermutigt. Wenn jemand zu mir sagt: „Du schaffst das schon!“, fühle ich mich tatsächlich besser. Ein Fernsehregisseur erzählt, dass Schauspieler gelobt werden müssen, um ohne Angst spielen zu können. Wenn ein Kind das Laufen lernt, dann wagt es den nächsten Schritt, weil es für den ersten gelobt wurde. Loben hilft beim Wachsen.

Beim unserem letzten Klassentreffen, Jahrzehnte nach dem Abitur in Berlin-Mitte, saß ich neben Peter, den ich mag, weil er immer lustig und offen ist. Wir kamen später zu intimeren Themen. Ich fragte, wie gut der Sex mit seiner Frau nach sehr langer Ehe funktioniere. „Weihnachten is öfter,“ antwortete er. Da erinnerte ich mich an dieses schöne Buch „Das Glücksgeheimnis“. Deshalb schlug ich meinem alten Schulkameraden vor, seine Frau immer mal wieder zu loben, ihr zu sagen, wie schön sie sei, wie verführerisch. Aber er wehrte ab: „Ick will nich lügen!“

Brigitte Woman 03/11, April 2014 bearbeitet


13
Apr 14

Daseinsverwaltung

Kinder und Jugendliche möchten schnell erwachsen werden. Ihnen steht eine Zukunft vor Augen, in der sie eigenes Geld verdienen, ihre freie Zeit nach eigenem Ermessen einteilen können. Sie wissen nicht, worauf sie sich gefasst machen müssen: auf einen Zangengriff, der erwachsene Menschen piesackt und erschöpft. Eine Erledigungsmaschinerie zwingt den mündigen Bürger zur mühsamen Verwaltung seiner kleinen irdischen Existenz. Auch wenn er sich ganz still verhält.

Ich kenne keinen einzigen Menschen, der einer Aufforderung wie dem Einreichen der Steuererklärung freudig nachkommt oder die Kündigungsfrist seiner ungünstigen Autoversicherung noch nie verpasst hat. Ich kenne aber viele Menschen, die sehr schlechte Laune bekommen, wenn das Thema beiläufig angesprochen wird. „Hör auf, du verdirbst mir den ganzen Abend!“ Es macht Druck und sorgt für Gefühle des Versagens, der Unzulänglichkeit, die im Gegensatz zu der visionären Vokabel „Selbstbestimmung“ stehen.

Wir reden von Dingen im Alltag, die irgendwie erledigt werden müssen, von einer beträchtlichen Grauzone zwischen dem Beruflichen und dem Privaten. Jeder weiß, dass es die gibt und kennt das Gefühl der Überforderung.

Aber in Studien über das Zeitbudget, unter anderem 2009 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), findet sich kein Bereich, der diesen Selbstverwaltungskram beachtet. Diese Arbeiten gehören nicht zur bezahlten Erwerbstätigkeit. Sie passen auch nicht in die Freizeit, weil in dieser Rubrik nur so schöne Dinge wie Schlafen, Familienleben, Entspannung, Hobbys, Unterhaltung, Mediennutzung, Spiele und Ähnliches erwähnt werden. Dann gibt es noch den wachsenden Anteil der unbezahlten Arbeit – gemeint sind Bildung, Hausarbeit, handwerkliche Tätigkeiten, Pflege von Angehörigen, Ehrenämter.
Kein Wort fällt über Zeitfresser wie Behördengänge, Formulare ausfüllen, Telefon–Warteschleifen, Jobsuche, Auto zur Durchsicht bringen, Belege sammeln, Nebenkostenabrechnungen prüfen, Archivierung von Schriftstücken, Arztbesuche, Kontrolle der Kontoauszüge oder das Studium schwer verständlicher amtlicher Briefe. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat herausgefunden, dass 86 Prozent der Befragten Schwierigkeiten beim Lesen der Post vom Ämtern, Behörden und Gerichten haben. Unabhängig von der Schulbildung. In gewisser Weise ist das ein Trost.

Die Post wird verschickt. „Wenn i einmal ins Postkastl schau, wird mir im Magen flau“, sang Peter Cornelius schon 1982 in seinem Dauerhit „Reif für die Insel“. Hans Magnus Enzensberger hat im Spiegel eine „Musterkarte der gedruckten Zumutungen“ veröffentlicht. Er zählt auf, welche Post in seinem Briefkasten landet. „Schon ihre bloße Zahl ermattet die Seele und lässt Hassgefühle aufkommen“, schreibt er. Versandhauskataloge, Anlagetipps, Lottoscheine, Vorsteuerberichtigungsanträge, Geheimnummern und viel, viel mehr: Enzensberger muss lange für diese Liste gesammelt haben, beim Nachzählen komme ich auf 265 verschiedene Arten Papierflut.

Das meiste kann man wegschmeißen, aber man nimmt es ja doch erst einmal in die Hand. Der Rest gelangt in die Wohnung. Jedes Papier braucht einen bestimmten Platz, wenn es beantwortet oder aufbewahrt werden muss. Ich führe gern Besucher durch meine Wohnung, verschließe aber vorher die Tür zum Arbeitszimmer, meiner Sammelstelle des Unerledigten. Da lagern mehrere, leicht verrutschbare Stapel, auf dem höchsten liegt ein Blatt Papier. Unter der Überschrift „Zu erledigen“ sind dringende Aufgaben notiert, die sich im Stapel verbergen. Ich hake in Hochstimmung manches ab, schreibe neues hinzu, und wenn die Seite voll ist, mache ich einen Übertrag.

Wie machen es die anderen?
Die Dokumentaristin Gabriele Sch. legt alle Papiere in eine große Kiste. Ich wende ein, dass sie dadurch einen noch schlechteren Überblick hat als mit einem Stapel. „Aber im Moment bin ich erleichtert“, sagt sie. „Später sind die Papiere schwer zu finden, aber wenigstens sind sie da drin.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass auch erledigte Aufgaben durch Nachfragen wieder zu unerledigten werden: „Dem Drachen wachsen neue Köpfe.“ Nach einer halbherzigen Aufräumaktion brauchte sie andere Behältnisse. Sie ging nach der Ästhetik und entschied sich für eine Ordner-Serie, die, nebeneinander gestellt, auf den Rücken ein Rembrandt-Gemälde nachbildet, „De Staalmeesters“, 1662. Gewisse Umsortierungen führten zur Betrachtung eines Puzzles, was sie als eine Art Gottesurteil hinnimmt.

„Ich werde nie alles erledigt haben, ich arbeite nur noch nach Dringlichkeit“, sagt die Lektorin Franziska G.: „Morgens um drei wache ich vor Unruhe auf.“ Was sie besonders bedrückt macht, ist die Notwendigkeit, jede Rechnung genau zu kontrollieren. Für die Grundsteuer ihres Hauses sollte sie das Fünffache des tatsächlichen Betrags zahlen: Das Amt hatte versehentlich alle Flurstücke in der Nachbarschaft dazugezählt. „Mir ist das nur aufgefallen, weil der Betrag so auffallend hoch war. Eine niedrigere, aber immer noch zu hohe Summe hätte ich wahrscheinlich blind bezahlt. Man darf nie vertrauen.“

Man muss immer aufpassen, verschiedene Angebote einholen, das ganz Kleingedruckte lesen, eventuell mit Lupe. Zehntausende Rentenbescheide, die im September 2009 zugestellt wurden, waren falsch berechnet. Keiner wies zuviel Geld aus. Nachteile lauern überall. Die Sparkasse hat seit kurzem ihre Geschäftsbedingungen verändert. Sie überprüft bei Geldüberweisungen unter 1000 Euro nicht mehr den Zusammenhang zwischen Empfänger und Kontonummer. In versehentlicher Zahlendreher und der Absender verliert sein Geld an fremde Menschen. Rückforderungen sind kaum durchzusetzen.

Wer mag sich solche Nervenfresser zumuten? Einer muss es ja machen.
Der Journalist Arno W. hält die Verwaltung von Haushalt, Finanzen und heimischem Büro für eine Frauensache. Schon sein Vater habe diese Dinge ganz und gar seiner Ehefrau überlassen. Sie musste Panik verhindern. „Dafür wurde die Ehe erfunden. Und die Sekretärin.“
Tendenziell hat der Kollege Recht. Eine große Studie aus England fand heraus, dass in der Hierarchie hochstehende Manager wenig unter Stress leiden: Sekretärinnen und andere Angestellte nehmen ihnen den täglichen Kleinkram ab, mit dem sich andere so abquälen.
Ich frage den Theaterregisseur Thomas L. und seine Frau nach ihren Organisationsprinzipien.
Er: „Ich kann das nicht. Ich vertraue meiner Frau.“
Sie: „Wir haben nicht mal den richtigen Handytarif.“
Er: „Ich verstehe die Formulare nicht.“
Sie: „Der Mann ist keine Hilfe. Er verschlampt alle Rechnungen.“
Er: „Die Bürokratie verschlingt Lebenszeit.“
Sie: „Inzwischen habe ich 25 Ordner angelegt.“
Er: „Ich würde das ja vereinfachen.“
Sie: „Würde, würde.“
Gespräche über die Ordnung der Verwaltung bewegen sich auf vermintem Gelände. Es wird durch Unlust erschüttert, und immer kommt die Frage nach dem richtigen System auf.

In diese Wissenslücken springen Postwurfsendungen mit den „weltweit besten Anti-Papierstapel-Tipps“, die man durch den Kauf des neuen Praxishandbuchs erfahren kann, gratis gibt es die Broschüre „In 24 Stunden zum Leertischler“, dem Gegenstück zum Volltischler.
Moderne Ratgeber füllen Regale in den Buchhandlungen. Seit Jahren ist „simplify jour life“ von Werner Tiki Küstenmacher und Lothar J. Seiwert ein Bestseller: Man soll lernen, sein Leben zu vereinfachen. Im Vorwort steht, dass etwas Ungewöhnliches geschieht, wenn ich mich an die Empfehlungen halte: „Sie werden von anderen Menschen angesprochen werden, warum Sie so glücklich aussehen…Sie werden von Ihren Mitmenschen geschätzt und geliebt werden…“ Ich habe das Buch sorgfältig durchgearbeitet und, was soll ich sagen, ich merke noch nichts.
Obwohl ich Hängeregistraturen benutze, wenn auch nicht die im Buch empfohlene besonders teure Sorte, obwohl auf meinem Fußboden nichts herumliegt, stellt sich das bisher nicht als „der entscheidende Schritt zu einem einfachen und glücklichen Leben“ heraus.
Am Vorabend jeden Tages soll man zu verschlankende Mappen auf den Schreibtisch legen und sie am nächsten Tag „nebenbei“ durchsehen. Ich soll „Wegwerf-Erinnerungen in meine Wiedervorlage legen“. Ich käme mir nicht wie eine Versagerin vor, wenn ich eine Liste mit 14 Dingen mache, die ich an einem Tag gut geschafft habe – wozu gehören könnte, dass ich „ohne Stolpern die Treppe heruntergelaufen“ bin. Ich soll an einem gezielt erfolglosen Tag Gelassenheit üben: zum Beispiel „eine falsche Telefonnummer anrufen“ und „Entschuldigung!“ sagen. Ich soll das Zeitungslesen an Familienmitglieder delegieren, weil der Informationsgehalt ohnehin gering sei – was ich als Printjournalistin als besondere Kränkung empfinde. Und es gibt Drohungen: Menschen mit voll gestellter Bodenfläche hätten finanzielle Probleme, Menschen mit viel Gerümpel im Haus meistens Übergewicht. Da zuckt man zusammen.
Auch wenn es im Buch vernünftige Ratschläge gibt steht viel Unsinn drin. Der Verkaufseffekt muss durch die enorme Verzweiflung der Leser entstanden sein.

Erledigen, Aufräumen, Wegwerfen – das sind die drei Schubkräfte im Kampf gegen das Chaos. Es gibt Beistand bei Steuersachen, Finanzen, Wohnungsauflösungen, Weihnachtseinkäufen, es gibt Alltags-Managementkurse und Life-Work-Balance-Spezialisten. RTL berichtete über eine Hamburger „Wohnkosmetikerin“, die Möbel umstellt. Gestresste Amerikaner lassen sich ihr Privatleben von Helfern organisieren, die telefonisch von Asien aus Hotelzimmer und Restaurantplätze reservieren, Nachhilfestunden geben oder Hubschrauber besorgen – ein Nachrichtenmagazin berichtete über diese Fassette der Globalisierung.

Christiane Thiel kommt ins Haus. Eigentlich ist sie Sozialarbeiterin. Als sie ihre Stelle verlor, fing sie bei sich zu Hause mit dem Entrümpeln an, geriet danach in geradezu euphorische Stimmung und erzählte davon. Die erste Freundin bat um Hilfe, so ging es los mit dem „Heilsamen Aufräumen“, das sie nebenbei betreibt und in Fachsprache „Therapeutisches Setting“ nennt.
Bereits ein Gespräch mit Christiane Thiel entspannt, weil sie menschliche Schwächen kennt und versteht: Sammelleidenschaften, Sentimentalität, Bindungssehnsüchte, unerfüllbarer Perfektionsdrang, halbe Lösungen. „Die meisten Menschen wollen in einem strukturierten Umfeld wohnen und messen sich an einem propagierten Standard, dem sie nicht genügen können. Aber der Leidensdruck muss sehr groß sein, bevor sie etwas verändern.“ Ich frage, ob es nicht die Intimsphäre verletzt, wenn sie in eine fremde Wohnwelt eindringt. „Ja“, sagt sie, „man kommt sich schon nahe, wenn man auf allen Vieren durch Schafzimmer kraucht und alte Liebesbriefe sortiert. Aber das vergisst man bald. Ich nehme dem Kunden ja nichts weg. Er wird seine Erinnerungen behalten, auch wenn er jetzt sofort das Streichholz wegwirft, mit dem er eine Kerze entzündet hat, bevor er vor Jahren in einem Hotel in Venedig ein Kind zeugte.“

Leidensdruck ist eine individuelle Größe. Der Filmautor Wolfgang K. ist der festen Überzeugung, dass sich die meisten Dinge von selbst erledigen. Wenn er am Computer arbeiten muss, schiebt er störende Papiere mit dem Unterarm zur Seite und legt auf kleiner freier Fläche los. Er freut sich, wenn er Einladungen nicht wiederfindet – geschenkte Lebenszeit, sagt er. Ein wichtiger Mann meines Lebens kickte beim Aufräumen einen Sammelsurium-Karton unter den Schrank und strahlte mich an: „Jetzt ist er weg.“ „Aber ich weiß doch, dass er noch da ist“, schrie ich.

Ich bin eine anstrengende Perfektionistin. Das ist kein Ehrentitel, sondern eine Heimsuchung. Ich will alles ordentlich abarbeiten, auch einzelne, herausgerissene, bereits vergilbte Zeitungsseiten, auf denen interessante Texte stehen. An einem Wochenende lese ich den Haufen bis auf einen Rest herunter und fülle ihn in den folgenden Tagen mit neuen Zeitungen auf. Wie Sisyphos.

Weil ich nie alles schaffe, beschwichtige ich mein Gewissen mit mechanischen Tätigkeiten, aber die Prioritäten gehen verloren, wenn ich Fenster putze statt den Brief von der Krankenkasse zu beantworten. Dieses Verhalten hat einen sperrigen Namen: „Prokrastination“ – (lat. pro = für, crastinus = morgen). Es bedeutet: Aufschieben. Etwas Wichtiges jetzt nicht tun. Morgen, morgen, nur nicht heute. Aufschieber sind keine Faulpelze, sie weichen nur bestimmten Aufgaben durch andere Beschäftigungen aus. Die Zeitschrift Bunte hat die Prokrastination in ihrer wöchentlichen Rubrik Gesundheit untersucht: „Neusten Studien zufolge liegt der Anteil von Prokrastinierern inzwischen schon bei 40 Prozent der Bevölkerung.“ Eine erstaunliche Menschenmenge hinkt der Verwaltung des Lebens hinterher.

Der Schauspieler Henry H. wollte vor einem Jahr seinem Telefonanbieter kündigen und verpasste den Termin um fünf Tage. In diesem Jahr nur noch um vier Tage. Er hat viele Ablagen und Ordner, muss aber trotzdem lange suchen, weil er seine Unterlagen oft „verordnet“ hat. Er will immer das richtige Produkt kaufen und scheitert an einem neuen Toilettendeckel, der ständig verrutscht und hinten, wo man schlecht rankommt, nachgezogen werden muss. Henry H. sitzt im Café und träumt von der Anschaffung neuer Möbel, die aus seiner Höhle ein aufgeräumtes Büro machen. Ich frage, warum er nicht einfach damit anfängt. „Weil ich immer was anderes mache“, sagt er.

Sofern man mit sich im Reinen bleibt, weil die Balance zwischen Aufschieben und Erledigen einigermaßen stimmt, ist es nicht schlimm. Aber es droht die Gefahr, immer weiter abzurutschen. Die lange Bank verwandelt sich in eine Schräge. Und unten lauert dieser Drachen, dem die mühsam abgeschlagenen Köpfe längst wieder nachgewachsen sind.

Brigitte Woman 06/10, April 2014 bearbeitet


26
Feb 14

Unter sechs Millionen

Markus Lanz macht eine gute „Wetten, dass…?“-Show, vielleicht seine bisher beste. Doch die Quote sinkt weiter.

Man sieht nichts. Der Mann hat keine Augenringe, ist nicht abgemagert, wirkt nicht verstört. Markus Lanz steht bei „Wetten, dass…?“ im Empfangsapplaus, der nicht nur eingeübt worden sein kann – dafür lächeln die Leute zu lange. Sie wollen freundlich sein zu einem, der seit Wochen im Mittelpunkt emotionaler Debatten steht. Lanz hat die selber verursacht, aber die unerbittliche Wucht seiner Gegner überrascht. Sie wollen den Moderator mit einer Petition aus dem gebührenfinanzierten Programm rauswerfen, Kritiker sind angewidert, fassungslos. Und wer sich durch die Kommentare im Netz klickt, findet nahezu nur Häme  und Hysterie, die größte Verächter haben sich „die Drecksendung nie angesehen“, das häufigste Pathos am Schluss: „Armes Deutschland!“

Wir reden über Unterhaltung.

Und deshalb ist es erstaunlich, dass Markus Lanz in Düsseldorf eine ganz gute Sendung durchhält, vielleicht seine bisher beste, was dennoch nicht reines Gold bedeuten soll: Mit drei Stunden war alles wieder viel zu lang, kein Mensch versteht, warum es nicht auch mit einer Wette weniger ginge. Bei der Außenwette sollten die Kölner mit Kamelle-Spenden eine komplette Karnevalsprinzengarde auf einer Waage anheben – die Wette wurde so überdreht wie fade moderiert, allerdings trotzdem gewonnen.

Die Leute auf dem Sofa im Saal kommen gut miteinander aus. Hilary Swank, der berühmteste Gast, besitzt einen leuchtenden Charme. Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Judith Rakers, Christian Rach sind Gäste ohne Allüren, die sich, so weit sichtbar, für die Wetten interessieren. Christoph Maria Herbst changiert zwischen seiner Figur Stromberg und ihrer Aneignung – er sagt zu Heufer-Umlauf, der wegen einer Wette eine Feuerwehr-Uniform tragen musste: „Du kannst alles tragen, dir steht nix.“ Udo Jürgens singt erwartungsgemäß am Flügel. Adel Tamil singt „Lieder“, einen neuen Titel aus Zitaten seiner eigenen Titel, und Pharrell Williams performt „Happy“, derzeit eine Spitzennummer. Der Sieger der Kinderwette, ein Neunjähriger, tritt neben ihm als Breakdancer auf und wird Liebling der Herzen.

Die Wetten: Fußballer an der Beinbehaarung erkennen, ein Feuerwehrauto durch Ansaugen bewegen, an den Stangen von Hirschgeweihen einzelnen Hirschen einen Namen geben, an einer Wand durch reines Hochspringen Bilder bei 3,50 Meter aufhängen, von 20 verdrehten Zauberwürfeln den Status merken und einen davon blind auf einheitliche Farbseiten drehen. Alles nicht schlecht.

Lanz hält sich zurück, etwas Besseres hätte ihm nicht einfallen können. Ja, er lacht noch laut, aber er hat sich den Superlativwahn fast abgewöhnt. Lanz hört zu. Er lässt seine Gäste glänzen und führt die Gespräche ohne Mischung aus Unverfrorenheit und Beflissenheit. Ach, wenn das seine erste „Wetten, dass…?“-Moderation gewesen wäre. Es war aber die zwölfte.

Leider macht er dann doch einen Fehler und rechnet laut in der Sendung mit 6 oder 7 oder 8 Millionen Zuschauern. Aber gerade diese Show stürzt auf 5,85 Millionen Zuschauer ab. Unverdient so wenige wie noch nie. Gestartet war Markus Lanz im Oktober 2012 mit 13,6 Millionen.

Thomas Gottschalk hatte bald nach dem Unfall eines Wettkandidaten Ende 2010 den Rückzug erklärt. Seine Quoten waren schon vorher immer schlechter geworden. Von außen erschien „Wetten, dass…?“ als ausgereizte Fernsehgeschichte. Aber im Sender muss noch etwas gebohrt haben. Samstagabend! Familie! Tradition! Die Suche nach dem Nachfolger bestand aus Gerüchten und Indiskretionen. Kein Zuschauer hätte noch gewusst, wer von den Prominenten, die absagten, gefragt worden war. Der schließlich ausgewählte Markus Lanz galt von vornherein als dritte oder vierte Wahl.

Er wurde auch von Anfang an angesägt.

Seine Redaktion machte das Format privatfernsehnah ohne Tempo, Stil und Ideen. Lanz hielt nicht dagegen. Er akzeptierte an seiner Seite Cindy aus Marzahn. Er machte Liegestütze mit einem Bierkasten auf dem Rücken. Er hüpfte im Sack um Tom Hanks herum, der als Vollpfosten aufgestellt war und eine Katzenmütze trug, die ihm Lanz vorher gereicht hatte –  wenn auch mit dem Satz: „Sie müssen das nicht machen.“

Die Mallorca-Ausgabe vom Juli 2013 kann deshalb nicht vom Leben überwuchert werden, weil sie im Netz bis zum jüngsten Tag aufgehoben werden wird. Im Mallorca sind bessere Gäste kurzfristig ausgefallen und durch schlechtere ersetzt worden – wie die Geissens, Mensch gewordenes Privatfernsehen. Das Publikum buhte wegen Fehlentscheidungen, Stefan Raab warb für einen Duschbügel. Der Schauspieler Gerard Butler musste sich Eiswürfel vorn in die Unterhose schütten, weil er eine Wette verloren hatte.

Bei einem Cluburlaub in Spanien habe ich ein abendliches Spiel unter Gäste gesehen: Frauen schoben Männern Tennisbälle unten in die Hosenbeine und führten sie mit der Hand so über den Mann, dass die Bälle am Ende aus dem anderen Hosenbein wieder herauskamen. Aber bei dem Spiel waren wenigstens alle besoffen.

Warum hat sich Markus Lanz nicht gegen Übergriffe gewehrt?

In langen Interviews im Stern und in der Berliner Zeitung erscheint Lanz als gebildeter, sprachlich gewandter, differenziert denkender Mann. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er der Depp. An allem schuld.

Gestern, am Sonntagmorgen, kommentierte ein kluger Beobachter im Netz: „Jetzt alles an Lanz festzumachen, der inzwischen, egal, was er tut, nichts mehr richtig machen kann, ist abseitig. Die Erosion um die Hälfte der Zuschauer hat andere Gründe, trotz des schwierigen Showumfeldes. Das Hemd wurde mit der ersten Sendung falsch zugeknöpft. Vom ZDF selbst. Von den Verantwortlichen dort.“

Angeblich will das ZDF an seinem Moderator festhalten, aber in der Sommerpause über alles nachdenken. Und dann?

Berliner Zeitung, 24. 02.2014