10
Mai 14

Mut und Model

Wir leben in parallelen Welten. Das merke ich im Freundeskreis, der noch nie oder ganz selten die Castingshows des Privatfernsehen einschaltet. Anders als ich, denn ich interessiere mich nun einmal für alles, was zum Zeitgeist gehört. Continue reading →


15
Apr 14

Esoterik. Man kann ja nie wissen

Eine Freundin wird in der Neujahrsnacht bei Kerzenlicht ihre persönliche Tarotkarte ziehen, weil sie dann besser auf das nächste Jahr vorbereitet ist. Sagt sie. Manche Entwicklungen gehen lange an mir vorbei. In meinen Augen existieren sie nur in abgelegenen Parallelwelten. Aber plötzlich breiten sie sich aus – in der Öffentlichkeit, aber auch bei Leuten, die man zu kennen glaubte. So geht es mir mit der Esoterik.

Noch vor wenigen Jahren kannte ich nicht einmal das Wort.
Es kommt aus dem Griechischen von „esoteros“ und bezeichnet das Innere, das Verborgene. Träger esoterischer Überzeugungen glauben, dass sie mit bestimmten Mitteln und Methoden in Verborgenes vordringen und kosmische Kräfte erlangen können. Jeder sei dann im Besitz geheimen Wissens, könne seine Seele heilen, sich aus Verstrickungen lösen und erleuchten. Erfahrungen mit Phänomenen, für die moderne Wissenschaften keine oder noch keine Erklärungen haben, sind diesen Eingeweihten möglich: Kontakte mit Verstorbenen, die Zukunft voraussagen, Nachrichten von Geistern empfangen. Solche Sachen.

Es geht um Übersinnliches – um das, was über unseren Sinnen, dem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, steht.

Medienpräsente Leute berichten immer mal wieder von solchen Erlebnissen. Harald Glööckler, Modemacher und Unternehmer, sah sehr helles Licht in seiner Berliner Wohnung, er empfindet sich seitdem als Erleuchteter und weiß sich von Engeln begleitet. Die frühere Fußballerfrau und Designerin Claudia Effenberg glaubt an gute Geister, weil ihre kleine Tochter einen guten Geist gesehen, gesprochen und angelächelt hat. Sylvie van der Vaart, Moderatorin, lässt sich von einer Sterndeuterin beraten. Cher, Sängerin und Schauspielerin, geht zur Wahrsagerin, so wie bis zu seinem Tod auch Francois Mitterand, französischer Staatspräsident. Shirley MacLaine glaubt an Wiedergeburten: In einem früheren Leben war sie eine ägyptische Prinzessin, und ihr kleiner, niedlicher Hund Terry ist die Reinkarnation des ägyptischen Gottes Anubis. Die Schauspielerin hat auch mehrfach Ufos gesichtet. Der Trainer Giovanni Trapattoni sprühte bei der WM 2002 geweihtes Wasser auf das Fußballfeld. Schneller als bei den anderen genannten Beispielen war in Trapattonis Fall zu erkennen, dass der ganze Zauber nicht geholfen hat.

Esoterik, früher als „New Age“ bekannt, ist eine von vielen irrationalen Strömungen unserer Zeit – manches überschneidet sich mit Praktiken im Okkultismus, Transzendentales Denken, Parapsychologie, Spiritualität, Aberglauben, magische Techniken – und manches ist sehr speziell. Gemeinsames Streben ist eine aufmerksame – man sagt in diesen Kreisen „achtsame“ – Haltung gegenüber geheimen Kräften und Energien, einem Urwissen. Das Ich sieht in seine Seele und zieht sich in Wunschwelten zurück, vielleicht um aus Angstwelten zu flüchten.
Politische oder soziale Ziele spielen keine Rolle. Alle Ereignisse werden nur auf das eigene Subjekt bezogen. „Esoterik ist ein Zerrspiegel der Gesellschaft“ schreibt der Sachbuchautor Johannes Fischler.

Auch Religion hat wenig damit zu tun: Religiöse Menschen erkennen Gott oder Götter als oberste Richter an – in den irrationalen Lehren aber ist der Einzelne allmächtig und kann sich nach Belieben kosmischer Energien bedienen.

In diesen Tagen beschäftigen sich viele Menschen mit Fragen nach dem nächsten Jahr. Was bringt es? Was könnte man schon vorher wissen?

Ich selber habe mich viele Jahre am Bleigießen beteiligt, bei guten Freunden zu Silvester. Das war ein Spiel, bis die Glocken läuteten. Jeder am Tisch interpretierte das erstarrte Zufallsgebilde der anderen Bleigießer freundlich – „Ach, eine Sonne.“ „Ein schöner Mann im Profil.“ „Sieht wie ein Geldstück aus.“ Oder auch: „Das ist nichts, Du darfst noch mal.“ Um Mitternacht standen wir am Fenster und sahen in den Lichtkaskaden sprühenden Himmel über Berlin.

Ich glaube nicht, dass sich jemand an dem Gedanken festhält, mit viel Krach böse Geister zu vertreiben. Aber so fing das mal an. Ursprünge gehen leicht verloren.

Heute kaufen die Leute vor Silvester Feuerwerk, wofür sie unvernünftig viel Geld ausgeben. Nachbarn schenken sich Glückskleetöpfchen. Am 31. Dezember sucht man Gesellschaft, setzt Hütchen auf, feiert, trinkt. Wenn der Zeiger auf zwölf steht, stoßen alle Freunde und Fremde ihre Gläser aneinander. „Prosit Neujahr!“

Im Internet finde ich ein paar esoterische Tipps für die Jahreswende: Bevor man seine Kanonenschläge abschießt, soll man Sigillen darauf malen, das sind persönliche Wünsche in symbolischer Form, für unsereinen unlesbar. Man soll Entfremdungszaubereien veranstalten – ärgerliche Gegenstände in die Hand nehmen oder negative Gedanken auf Zettel schreiben, alles draußen um Mitternacht vergraben und laut sagen: „Ich trenne mich von dir.“ In anderes Ritual empfiehlt das Abschrubben der Türen und Fenster mit viel Salz. Im „Kleinen Lexikon des Aberglaubens“ steht, dass dem Salz eine starke antidämonische Kraft zugeschrieben wird. Hat also Sinn.

Weil ich nun schon in Esoterikforen unterwegs bin, informiere ich mich auch noch über den Weltuntergang, der nach dem Maya-Kalender bekanntlich am 21.12. 2012 stattfinden sollte. Passiert das eventuell dieses Jahr? Aber nach einem jetzt im Dschungel von Guatemala entdeckten, viel älteren Kalender gingen die Mayas von Zeiträumen aus, die deutlich über 2013 hinausreichen und den Druck rausnehmen.
Rituale bewegen sich zwischen Spiel, Tradition, Aberglauben, Vorsichtsmaßnahme und Selbstberuhigung, jenseits der Naturwissenschaften und Logik.

Im Alltag begegnen wir Rücksichtsmaßnahmen auf den Aberglauben: Weil die Zahl 13 in unserer Kultur als Unglückszahl gilt, gibt es in den meisten Flugzeugen keine Reihe 13, in vielen Hotels keine Etage 13, in manchen Krankenhäusern kein Zimmer 13. Im Motorsport wird die Startnummer 13 normalerweise nicht vergeben. Ich hatte am 13. Dezember, der dieses Jahr ein Freitag war, eine kleine Feier zu Hause. „Mutig!“ sagte jemand.

Aberglaube ist eine naive Strategie, die Hoffnung nährt und Unglück vermeiden will. In ihrem Roman „Heimsuchung“ schreibt die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über Hochzeitsbräuche vor hundert Jahren. Drei Seiten lang geht das so: „Die Braut darf nicht…“, „Der Brautzug muss…“, „Um zwölf Uhr nachts wird…“, „Bei der Hochzeit selbst soll…“, „Meldet sich zuerst eine Henne, wird.. .“ Es sind irre Auflagen, aber wenn die jemand einhielt, konnte er später wenigstens behaupten, alles seiner Person Mögliche für eine gute Ehe getan zu haben.
Dem Aberglauben wird mit Nachsicht begegnet. Warum auch nicht? Vielleicht hilft es ja doch.

Jogi Löw trug 2010 während der WM denselben blauen Pullover als Glücksbringer. Michael Schumacher setzte früher alle Hebel in Bewegung, um immer mit einer ungeraden Nummer an den Start zu gehen. Der rumänische Fußballer Adrian Mutu zieht seine Unterwäsche verkehrt an, links rum. Zahlreiche Kandidaten von Günther Jauch kommen mit Püppchen, die sie als Fetisch zum Millionär machen sollen.

Ich wusste von einer Freundin, einer begabten Dokumentarfilmerin, dass sie ein bisschen abergläubisch ist. Auf meine Anfrage schickte Gabriele eine Mail, die so lang war, dass ich hier nur eine Auswahl anbiete: Bei der ersten Übernachtung an einem fremden Ort verneigt sie sich drei Mal vor dem Spiegel, weil sich dann ihre Träume erfüllen. Wenn sie etwas vergessen hat und zurückkehren muss, setzt sie hin und zählt bis drei, bevor sie wieder das Haus verlässt. Sie lebt nach dem Mondkalender, der unter anderem die Termine für das Haare Schneiden bestimmt und für das Blumengießen. Gabriele ließ sich von einer alten Bäuerin eine Warze am Finger besprechen – vier Mal, in längeren Abständen. Die Kartoffelscheiben, mit der die alte Frau über die Warze strich, sollte meine Freundin später im Garten vergraben. Während der Behandlung wurde es Winter, und das Begraben wurde schwieriger wegen der gefrorenen Erde. Danach durfte sie sich einen Tag lang nicht die Hände waschen. Außerdem ging die Warze nicht weg.
Hallo?! Eine Dokumentarfilmerin?!

Im meiner Familie gab es nur einen Vorfall in spiritistischer Richtung: Als der Sänger von „Nirvana“ 1994 gestorben war, veranstaltete meine Tochter, damals ein halbes Kind, mit Freunden eine Seánce. Sie stellten Kerzen auf, setzten sich um einen Tisch, legten die Finger auf ein Glas und sprachen gemeinsam: „Kurt Cobain, wir rufen Dich!“ Das Glas soll ein bisschen gewackelt haben.

Ich glaube nur an die Naturwissenschaften und an mich.
Ich lese keine Horoskope, beobachte keine Wege schwarzer Katzen, ich klopfe nicht auf Holz und traue keinem Liebeszauber. Ich habe keine Scheu, zwischen Weihnachten und Silvester Wäsche zu waschen. Ich gehe durchs Leben, ohne die minutengenaue astrologische Konstellation bei meiner Geburt erforscht zu haben. Allein das hält eine andere Freundin, eine Fotografin, für unvorstellbaren Leichtsinn.

1992 führte ich ein Interview mit der Schweizer Geistheilerin Uriella, die dem Orden „Fiat Lux“ vorstand. Sie nannte sich „Das Sprachrohr Gottes“ und behauptete, Hirntumore wegstreichen zu können. Ich erfuhr damals unter anderem, dass Dämonen im Magma unserer Erde leben und dass bei Bohrungen in 16 Kilometer Tiefe versehentlich die Hölle angebohrt worden war, was ihr der Heiland bestätigt habe. Obwohl Uriella meine eigene, ungewöhnlich starke Aura lobend erwähnte, wurde ich keine Jüngerin.

Ich bin immun gegen alle Farben der Irrationalität.
Aber der allgemeine Trend geht in die andere Richtung.

Das Unerklärliche ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wird aufmerksam zur Kenntnis genommen.

Die Wochenzeitschrift Spiegel nahm in der 52. Woche dieses Jahres eine Geschichte über den „Glauben der Ungläubigen“ auf den Titel. Der beunruhigend faktenreiche Text stellt eine tiefe Anfälligkeit des Menschen für übersinnliches Denken fest: „Niemand ist wohl ganz frei vom Glauben ans Übernatürliche.“

Die Berliner Zeitung veröffentlichte Anfang Dezember das Porträt eines 66-jährigen Mannes aus Kassel, der sich als Orientale verkleidet Ashlati El Fantadu nennt. Mit Handlesen, Tarot-Karten und einer Glaskugel verdient er Geld, offenbar ausreichend. Am Ende, sagt der Mann, müssten sein Gast und er mit dem Gespräch zufrieden sein. Das schränkt die Breite seiner Verheißungen deutlich ein.

Mitte Dezember berichtete die Wochenzeitung Die Zeit über einen bärtigen Mann, einen ehemaligen Ostdeutschen übrigens. Das ist überraschend, weil Ostdeutschland auf dem Feld des Spiritismus den Westdeutschen weit hinterherhinkt. Aber dieser Mann, Hermann S., 59, Gärtner aus Glauchau, reist nach Jerusalem, weil er sich als Nachfolger des Messias sieht und die Welt retten will. Er sagt: „Es ist doch so: Wir sind alle Nachfolger von Jesus, nur einer muss den Job halt machen. Ich zieh das Ding jetzt durch.“ Lerne leiden, ohne zu klagen.

Der Boulevard berichtet traditionell und zuverlässig über Beziehungen zwischen Menschen und irrealen Erscheinungen. Märtha Louise ist die Schwester des norwegischen Thronfolgers. Sie gehört als Expertin für Engel zum ständigen Personal. „Sie sind hier, mitten unter uns. Wir müssen nur lernen, unsere Engel wahrzunehmen.“ Eine Journalistin der Illustrierten Gala fragt: „Können Sie auch meinen Engel sehen?“ Die Prinzessin, die an ihrer Engelschule auch Hellsehen unterrichtet, lächelt: „Ja, er steht direkt hinter dir.“

Das „Engel-Magazin“ habe ich erst jetzt entdeckt. Heft 1/2014 empfiehlt den „Mondhaus-Shop“ für Produkte, „mit denen Sie die Engel ins tägliche Leben einladen“.

Nach einer Forsa-Umfrage von 2005 glaubten zwei Drittel der Deutschen an Engel – das wären zwei Prozent mehr als der Anteil derer, die an Gott glauben. Der Spiegel meldete aber soeben nur noch 38 Prozent Engelgläubige. Vielleicht sind es wirklich weniger geworden. Eine Frau, die an Engel glaubt, kenne ich. Sie ist Hotelmanagerin, ich hielt sie für eine besonders vernünftige Person. Jetzt lernt sie in Engelkursen, wie man traurige Gedanken in klares Wasser einrührt, bis es sich schwarz verfärbt, weil es die Traurigkeit abzieht.

Die Wochenillustrierte Bunte druckte 2010 eine Serie – „Die Macht der übersinnlichen Kräfte“. Service spielte eine große Rolle: Angebote, Adressen und Preislisten für Pendeln, Kartenlegen, Wahrsagen, Kontakte mit Verstorbenen und viel mehr. Eine Dame bot telepathische Verbindung mit verstorbenen Haustieren an. Und das ging so: Der Kunde schickte ein Foto seines Lieblings, zahlte 55 Euro auf ein Konto und durfte dann sieben Fragen stellen. Die Dame leitete die an das Tier weiter und überbrachte seine Antworten. Die Serie war frei von Ironie und konnte ab dem zweiten Teil jede Woche begeisterte Leserbriefe veröffentlichen. Danach fühlte ich mich zum ersten Mal wie das Mitglied eines aussterbenden Stammes.

Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht vernünftig und überzeugend. Es ist schwer, für sie Verantwortung zu übernehmen, wenn man in Ersatzwelten fliehen kann, die zudem, durch die Bank, mit Überlegenheit und heilsamen Kräften locken. Alles wird versprochen, nichts wird garantiert.

Und manchmal passiert Unglaubliches: Ich hatte einen Kollegen, der bei Mondschein die Gürtelrose meiner Mutter besprach. Sie heilte ab, auch wenn sich alles in mir sträubte, das anzuerkennen. Ernsthafte Studien beweisen, dass die Einnahme von Plazebos – Lateinisch: Ich werde gefallen – dieselben medizinischen Erfolge erzielen kann wie Arzneimittel. Bestimmt wurden Kranke durch Bachblüten-Therapie, Globuli oder Meditation gesund. Denn der Glaube versetzt Berge.

Aber nicht alle.

Am 17. Dezember veröffentlichte das „British Medical Journal“ eine Studie: Von 7870 amerikanischen Teenagermütter behaupteten 45, niemals Sex gehabt zu haben. Die Leiterin der Studie, wähnte sich einer Entdeckung auf der Spur: Es könne sich um unbefleckte Empfängnisse handeln. Aber die jungen Mütter kamen aus religiösen Familien und wollten wohl nur keinen Ärger. Die Studie wird wissenschaftlich bezweifelt.

Aber die Idee der Wunder ist zur materiellen Gewalt geworden. Zum Markt. „Esoterik ist die ersatzreligiöse Produktivkraft des 21. Jahrhunderts“, schrieb der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz schon vor Jahren.

Viele Menschen lesen Horoskope, nehmen homöopathischen Mittel, die der Hausarzt empfohlen hat, meditieren oder machen Yoga. Darum herum entstanden sehr profitable Geschäftsmodelle und Verkaufstrategien aus Luftblasen.

Jedes Jahr finden in Deutschland 20 Esoterikmessen statt. Der Umsatz der Branche wurde 2011 auf 25 Milliarden Euro geschätzt, Prognosen errechneten 35 Milliarden Euro für das Jahr 2021. Die deutsche Bierindustrie bringt es auf 9 Milliarden Euro.

Spiritualität kann man wie eine Dienstleistung kaufen und auch das Zubehör. Die Berliner Esoterikmesse kündigt sich für Februar 2014 so an: Ganzheitliche Lebensberatung, geistige Heilmethoden, Amulette, Auraphotographie, Aura-Soma, Aura-Chakra-Analysen, Ayurveda, bioenergetische Produkte, Duftöle- und Duftlampen, Didgeridoos, Engelbilder, Edelsteine, Essenzen, Feng-Shui Produkte, Himalayasalz, Kristalle, Klangschalen, Kräutermischungen, kolloidales Gold und Silber, lebende Hölzer, Lichtwesenessenzen, magische Öle, Meditationsmusik, Magnetfeldtherapie, Ohrkerzen, Pendel, Pyramiden, Räucherwerk, Runenorakel, Ruten, Salzkristalllampen, Steinheilkunde, Symbolschmuck, schamanische Produkte, Tachyonen, therapeutische Musikinstrumente, Traumfänger, Weihrauch, Windspiele, Zimmerbrunnen.
Die Hälfte der Angebote habe ich rausgekürzt, damit nicht zu viele Leser aussteigen.

Im Internet stehen 400 000 Einträge über Seelenwanderung, man findet Anzeigen für Börsen- und Finanz-Astrologie, Anleitungen zum Wahrsagen oder Kaffeesatz-Lesen: „Jeder kann es!. Dein Schicksal aus der Tasse.“

Relativ neu ist „feinstofflich aktive Bettwäsche“ der deutschen Online-Firma Ni-Ma. Die Bettwäsche soll einen „astral ungestörten Schlaf“ ermöglichen, vorausgesetzt die Symbole auf der Bettwäsche werden vor dem Schlafengehen mit einem „kosmisch übermittelten Code“ aktiviert. Dazu lege man die linke Hand auf eines der am Stoff aufgedruckten Symbole und spreche laut den Markennamen „Ni-Ma“ oder den in der Anleitung zu findenden Code des Symbols. Dem Geschäft mit der „feinstofflich aktiven Bettwäsche“ soll ein Konzept zugrunde liegen, das auf nachweisbaren Erkenntnissen der Quantenphysik beruht.
Völlig verrückt. Oder?

Aber jetzt kommt das wirklich Peinliche: Esoterik ist Frauensache. Weiblich, ab 40, auf der Suche nach sich selbst, ganz gut situiert, nicht ganz ausgelastet. Mehr als zwei Drittel der spirituell Interessierten sind Frauen.
2010 kam das entsprechende Fachblatt heraus: „Happinez“, sehr schönes Papier, sehr guter Druck, edles Layout, jede Ausgabe folgt einer anderen Grundfarbe – für 4.95 Euro im Bauer-Verlag. Der Chefredakteur Uwe Bokelmann sagte im Interview: „Es ist eine einzigartige Zeitschrift für Frauen, die nach Wegen suchen, ihrem Leben neue Impulse zu geben, ihren Horizont zu erweitern. Happinez will eine Inspiration sein für seine Leserinnen, einzigartig in allen Belangen und gemacht für intelligente Frauen mit hohem Einkommen und hohem Anspruch an ihr Leben.“

Wenn eine Zeitschrift lächeln und kuscheln könnte, dann wäre es Happinez. Stilles Einverständnis mit der Leserin, höchstens sanfte Vorwürfe, dem eigenen Glück im Wege zu stehen. Ein Wortschatz aus Floskeln, aber schöne Kochrezepte. Die Botschaft auf dem ersten Titel hieß „Liebe“, die folgenden hießen „Balance“, „Ankommen“, „Folge deinem Herzen“, „Erwachen“, „Loslassen“, „Intuition“.

Neben mir liegt das aktuelle Heft mit dem Titel „Verwandlung“. Ich schlage eine zufällige Seite auf: „Oft meinen wir, unser inneres Licht nicht ertragen zu können, und beginnen, uns eine Persönlichkeit zu erschaffen, die das Licht verdeckt und verdunkelt.“ Das ist kein Gedanke, nur eine irritierende Unterstellung. Fast alle Texte sind so gestrickt. Macht es glücklich, sich nur mit sich selber zu beschäftigen? Wer alles ausblendet, das negative Gefühle auslöst, lebt lächelnd allein im Kokon, gesellschaftsblind, ohne Verantwortung, unfähig zur Solidarität.

Auf der Suche nach Erleuchtung fliehen erwachsene, gebildete Frauen aus der wirklichen Welt. Könnten sie nicht besser kleinen türkischen Jungs beim Lesenlernen helfen? Nur mal als Beispiel.

Berliner Zeitung 28./29.Dezember 2013, April 2014 bearbeitet


15
Apr 14

Klamotten runter

Alle sind nackt, und keiner sieht hin. Beim FKK begrüßen sich zwei Stammkunden Ende April mit Handschlag und wünschen „Gutes Neues Jahr!“ Sie sehen sich ja immer nur während der warmen Tagen und beweisen der Welt, dass man auch unter deutscher Sonne braun werden kann. Man muss nur oft her kommen können. Deshalb sind die Rentner am braunsten. Betagte nackte Paare spazieren Hand in Hand. Wie in einem Paradies, das in die Jahre gekommen ist.

Die ersten Menschen der Schöpfungsgeschichte waren nackt und schämten sich nicht. Später ist viel passiert, aber auch heutzutage liegen an manchen Orten Nackte zwischen Nackten. Und ich selber mitten drin.

Das hat mit meiner Kindheit zu tun: mit illegalem FKK an der Ostsee, Anfang der fünfziger Jahre. Meine Eltern mieteten jedes Jahr eine private Unterkunft in Ahlbeck, das war auch illegal. Der Strand reichte bis an die polnische Grenze. In einer Art Niemandsland machte eine kleine verwegene Schar Urlaub ohne Kleidung.

Mein attraktiver, gut gebauter, schnell bräunender Vater galt hier als König. Nur der König durfte ein bestimmtes Kommando geben, wenn auf dem Meer wieder die Spanner heranruderten. Dann schrie mein Vater: „Uuhhaahh! Uuhhaahh!“ Die Nackten stürmten ins Wasser und kippten die Boote um. Ich sah als kleines Mädchen vom Ufer zu und war stolz.

Mein Vater schippte gerne Burgen. Zu Hause in Berlin war er Brunnenbaumeister, deshalb grub er wohl auch am Strand so tief, bis Grundwasser kam. Meine Mutter – Schlesierin, katholisch, dem FKK nicht zugeneigt – legte nur den Büstenhalter ab und zeigte sich nicht weiter. Aber weil sie meinen lebensfrohen Vater unter Kontrolle haben wollte, harrte sie mit einem grünen Strickschlüpfer in der Nässe aus, die in der Grube stand.

Das Ministerium des Inneren der DDR erließ 1954 ein Verbot: FKK sei nicht vereinbar mit sozialistischer Moral. Der erste Kulturminister, Johannes R. Becher, argumentierte als Schöngeist: FKK sei „im Interesse der Ästhetik nicht zu vertreten“, er schloss mit Pathos: „Habt Mitleid! Zeigt Erbarmen! Schont die Augen der Nation!“

Die Sittenpolizei lag nun mit Ferngläsern in den Dünen. Die Nackten malten mit dem Tuschkasten Bikinis und Badehosen auf den Körper, um die Sitte zu foppen. Wer trotzdem geschnappt wurde musste, in Handtücher gewickelt, auf die Wache. 150 Mark Strafe oder ein paar Tage Haft. Um die ostdeutschen FKK-Pioniere wehte ein Hauch von Rebellion.

Aber die Nackten wurden immer mehr, die Obrigkeit konnte nicht überall aufpassen. Intellektuelle und Künstler, sogar welche mit Nationalpreisen, protestierten und beriefen sich auf Freikörperkultur als Arbeitertradition. Zwei Jahre später wurde das Verbot aufgehoben. Mir fällt kein anderes Verbot ein, das die DDR aufgehoben hätte.

Die Nackten an der Ostsee mochten keine Textilträger, die am Ufer entlang schlenderten und gafften. Der Umgang wurde geregelt: Jeder Durchwanderer zog sich aus, solange er im ausgewiesenen FKK-Bereich war. Bei Gruppen musste sich nur der Erste ausziehen, alle anderen passierten in voller Montur. Jahre später lagen Unbekleidete und Angezogene friedlich nebeneinander. Am Wasser, auf der Wiese. Jeder, wie er wollte. Keine Schilder. Es war so üblich.

FKK wurde zur einzigen freiwilligen Massenbewegung der DDR – eine nicht organisierte, familiäre, unbekümmerte Szene bis zum letzten Baggerloch. Keine Politik. Nur Klamotten runter. Wir sind so frei.
1980 bekannten sich in der DDR 80 Prozent der Bevölkerung zum Nacktbaden.

Ost- und Westdeutsche haben Erfahrungen mit der Prüderie der Nachkriegszeit gemacht, unter Adenauer, unter Ulbricht. In beiden deutschen Staaten lockerten sich die sexuellen Sitten. Es gab trotzdem einen Unterschied in den gesellschaftlichen Konventionen. Was gehört sich und was nicht?

Die DDR war ein kleinbürgerliches Land, aber es war nicht katholisch, es war auch sonst wenig religiös. Vielleicht zeigten sich deshalb viele Leute nackt in der Öffentlichkeit, ohne sich zu schämen.

„Schämt ihr euch denn gar nicht?“ Ein älteres Ehepaar aus Hamburg steht im Sommer 1990 am Strand von Warnemünde schimpft und meint auch mich. Bei den Kurverwaltungen an der Ostsee gehen Beschwerden westdeutscher Badegäste ein. Eine Frau aus dem Schwarzwald empört sich im Deutschlandfunk: „Sie sollen sich abgrenzen. Die meisten sind wüst und hässlich. Die Freiheit, die die Nackten sich herausnehmen, ist für andere eine Zumutung.“ Ein Ostler hält in einem Leserbrief im „Magazin“ dagegen: „Nun kommen die Wessis, bringen uns die Pornohefte, die Peepshows und den Telefonsex und erklären uns, wie unmoralisch unästhetisch und absolut unpassend FKK ist.“

Der erste Ost-West-Konflikt entzündet sich an der Nacktheit, nach und nach entwickelt sich ein Kulturkampf. Im Jahr 1999 sind zum ersten Mal mehr westdeutsche Gäste an der Ostsee als ostdeutsche: 52 Prozent. Die Bildzeitung entdeckt im Juli den „Nacktkrieg“.
Der „Spiegel“ kämpf – wie der erste DDR-Kulturministe – für das Ästhetische: „Doch was will er eigentlich, der nackte Mensch, der nicht am FKK-Strand, sondern mitten unter uns seine primären Geschlechtsmerkmale präsentiert, als gehörten sie zur Auslage einer Ladengalerie? Will er uns – mit Rousseau, Loriot und den Sprüchen vom Damenklo – zurufen, dass Natur überall und immer schön sei? Wir alle wissen: Die Wahrheit sieht anders aus. Sie trägt Hängebauch, hat fleckige Haut und krumme Beine, während ihr Protagonist mit dem winzigen Vorderlader übers Gelände paradiert wie ein taumelnder Spatz, der sich zum Pfau berufen fühlt…. Deshalb fordern wir: Nfor-Truppen an die Ostseefront. Entwaffnung aller Nackten. Zieht ihnen die Hosen an.“

Der Autor sollte einmal nach Montalivet-Les-Bains an den Atlantik fahren.

Das Camp entstand 1950 als eines der ersten Naturistenzentren der Welt. Naturisten sind eine Gruppe mit Grundsätzen. Es geht um Verbundenheit mit der Natur. Man soll Wasser sparen, keinen Müll hinterlassen, keinen Nachbarn stören, nur leise Radio hören, möglichst nicht rauchen. Und: Man soll nackt sein unter Tausenden von anderen Nackten. Am Anfang habe ich gefremdelt. Ich probiere im Schuhgeschäft auf dem Dorfplatz Sandalen an. Als ich mit dem Kopf hochkomme, hängt mir die Männlichkeit des Verkäufers vor der Nase. Aber ich schwöre: Man gewöhnt sich.

Immer bin ich umgeben von Adams und Evas und ihren Kindern. Von diesem Ort geht etwas Biblisches aus. Menschen in allen Lebensstadien sind dabei. Schöne Körper, gezeichnete, gebrechliche. Die Camper sprechen viele Sprachen und lächeln, wenn sie sich begegnen. Kein Zank, kein Stress. Allerdings gibt es einen Zaun und eine Schranke am Tor. Die Bewachung soll heimliche Beobachter abwehren, die fremder Leute Nacktsein betrachtenswert, aufregend, erregend finden.

Auf dem Lake Travis kenterte vor wenigen Jahren ein Boot, weil alle 60 Passagiere auf die Seite drängten, von der der einzige öffentliche FKK-Strand von Texas zu sehen ist. In Bulgarien können Frauen nackt am Strand liegen. Dafür müssen sie sich aber hinter Bretterwände zurückziehen, in die Männer Gucklöcher gepult haben. Aus dem Englischen Garten in München – erstes innerstädtisches Nacktbadegebiet – ziehen sich immer mehr Frauen zurück, weil das Anstarren nervt, besonders von Männern aus Ländern, die keinen FKK kennen.

Im Islam ist Nacktheit extrem eingeschränkt. Vor sechs Jahren stellte ein ägyptischer Rechtsgelehrter in einem religiösen Gutachten fest, dass Nacktheit beim Akt die Ehe ungültig mache. Er löste in seinem Land eine erregte Debatte aus, die aber weniger lange dauerte als die in den USA nach dem Super Bowl 2004: Während des Auftritts in der Halbzeitpause wurde eine nackte Brust der Sängerin Janet Jackson sichtbar, Sekunden später erloschen alle Scheinwerfer. Skandal. Strafanzeigen empörter Amerikaner wegen unsittlicher Entblößung. Die verantwortliche Mediengesellschaft Viacom muss 3,5 Millionen Dollar bezahlen. Seitdem werden in den USA die großen Veranstaltungen – auch die Oscar-Verleihung – mit fünf Sekunden Verzögerung ausgestrahlt, um mit Schnitten Schlimmes zu verhindern.

Jede Überzeugung fordert andere Überzeugungen heraus. Nicht nur, aber besonders in Deutschland, sind Bestrebungen entstanden, in vielen Lebenslagen nackt zu sein: „Nacktiv“. Nackt beim Wandern, Joggen, Rudern, Reiten. Zum Nacktrodeln kamen 25 000 Zuschauer in den Harz. Im Juni fand ein Welt-Nackt-Radel-Tag statt. 300 Nackte besuchten in Wien die Ausstellung „Nackte Männer“. 3000 Menschen buchten eine FKK-Kreuzfahrt durch die Karibik. Auf Youtube ist ein Video zu sehen: junger Norweger beim Skispringen. Nackt im Wind.

Mir selbst genügt eigentlich ein See nördlich von Berlin, das Schild „FKK-Bereich“ steht neben einem Baum oben am Weg. In diesem heißen Sommer war ich mehrmals da. Es hat sich was verändert.

Die Nackten sehen mit bunten Tattoos und Piercings nicht wie nackte Körper aus, eher wie Bilder. Unter FKK-Freunden gehört es sich nicht, jemanden anzustarren. Bei einem Paar in der Mitte des Lebens fällt das schwer. Beide durchtätowiert, okay. Beide richtig dicke Ringe durch die Brustwarzen, okay. Aber unten rum ist auch viel los. Der Penis ist penetriert mit mehreren Ringen. An der Scham der Frau hängt eine kleine Kette raus. Eine Kette? Zum Läuten? Klingelingeling, hier kommt der Eiermann? Wie kommt so ein Paar durch die Metalldetektoren bei der Flugsicherheitskontrolle? Das sind so Fragen.

Am meisten irritiert das Eindringen bekleideter Badegäste. Eine Tussi im Pink-Bikini telefoniert laut und läuft dabei ungerührt zwischen uns durch. Junge Paare vom Textilstrand gehen bei uns ins Wasser und lieben sich im Stehen, man sieht es an den schnellen kleinen Wellen.

Letztes Wochenende waren die Nackten bereits in der Minderheit. Überall lagen Leute in Bikinis, Badeanzügen, Badehosen. Angezogene pubertierende Jugendliche, die normalerweise keinen Fuß in einen FKK-Bereich setzen, sahen sich vorsichtig um. Und plötzlich schämte ich mich, so ohne alles.

Berliner Zeitung 10./11.August 2013, April 2014 bearbeitet


14
Apr 14

Schöne Männer

Es zählen die inneren Werte, natürlich, aber nicht zuerst. Zuerst guckt man, weil jemand gut aussieht. Beim Essen sagt man ja auch: Das Auge isst mit.

Äußere Reize sind unsere ersten Informationen über fremde Menschen. Mehr weiß man da noch nicht, fällt aber ruckzuck ein Urteil. Bei einem schönen Mann zum Beispiel reagiert mein Mandelkern positiv. Das ist eine Region, die zu den stammesgeschichtlich ältesten im Gehirn gehört, ich kann nichts dagegen machen, innere Werte sind erstmal egal. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Schönheit wird in Millisekunden erkannt, reflexartig, eher unbewusst. Und ich schmelze dahin. Ob ein Mann oder eine Frau – Schönheit kann mich milde stimmen, bestechen, überwältigen.

Schöne Menschen bekommen bei vielen Gelegenheiten einen Bonus: weniger strenge Urteile vor Gericht, leichter Kredite bei der Bank, höhere Gehälter, sie machen schneller Karriere, schon als Babys erhalten sie mehr Zuwendung – das alles ist wissenschaftlich bewiesen. „Schönheit“, sagt der Buchautor Ulrich Renz, „ist ein Skandal.“

Na ja. Nicht alle schönen Menschen haben nur Vorteile. Jedenfalls möchte ich nicht in der Haut schöner Männer stecken – so wie die angefeindet werden. Ich habe es noch im Ohr: „Robert Redford, der Kotzbrocken“, das sagte eine Freundin. Sie hatte keine Informationen über den Schauspieler, sie wollte nur sein gutes Aussehen runtermachen. Vielleicht möchte man geistreich und anspruchsvoll erscheinen, wenn man Schönheit als billige Oberfläche abtut.

Schöne Männer wirken provokativ. Zu schön, um viril zu sein. Attraktivitätsforscher sprechen von „stereotypen Abwehrreflexen“: Schöne Männer müssten sich nicht anstrengen. Sie wäre langweilig. Sie wären eitel. Schönlinge, Beaus, Schwiegermutterlieblinge. Der naturschöne Mann ist eine Ausnahme, deshalb sind die Regelfälle nicht gut auf ihn zu sprechen, aber auch Frauen behaupten – ich habe viele gefragt – dass sie sich für interessante Männer interessieren, aber doch nicht für schöne.

Die Männer, die ich attraktiv finde, haben keine gute Presse und wenige Verteidiger. Den Weltfußballer David Beckham machten die Sportseiten zum Weichei, als er während der WM 2006 krank wurde und sich während eines Spiels übergeben musste. Wenn man in den Schauspieler Hugh Jackman reinsteche, „würde es „Pfiffft! machen und Eiweißpulver rieseln“, schreibt eine Frau im Internet zu Thema Schöne Männer. Markus Lanz moderiert eine unterhaltsame Talkshow schlagfertig, selbstironisch. Und er sieht gut aus. Spiegel-online nannte ihn „Witwenbeglücker“, so bellt der Mops den Mond an. Vor der Aufführung des Films „Syriana“ fragte der Kinoleiter scherzhaft, ob die Frauen etwa einen Mann wie George Clooney gut fänden, die sollten sich mal melden. Da gingen die Hände ganz hoch, der Mann verließ perplex die Bühne. Ich hatte mich auch gemeldet. Die Frau neben mir, schon älter, stieß mich an und sagte: „Clooney finden Sie gut? Bei mir hätte der keine Chance!“ Es ist leicht Angebote abzulehnen, die man nicht erhalten hat.

Schönheit ist ein unverdientes Geschenk: eine Kreuzung aus bestimmten Genen. Wer nicht so schön ist, fühlt sich benachteiligt. Oder er bezweifelt die Echtheit: „Sieht doch total künstlich aus, dieser Mund von Angelina Jolie“, schreibt jemand im Internet. Aber in der Biografie, die gerade auf meinem Nachtisch liegt, sind auch Kinderfotos von Angelina Jolie abgebildet, deshalb kann ich behaupten, dass sie diese besonderen Lippen schon im Alter von vier Jahren hatte.

Leider ist die stumme Bewunderung einer Naturschönheit dem skeptischen Taxieren gewichen: Bei der Frau am Pool stechen die Brüste in den Himmel, aha, Implantate. Auf einer faltenfreien Stirn steigen die Augenbrauen in einem bestimmten Winkel? Botox. Aufgerissene Augen? Lidstraffung. Auf RTL2 kann man bei „Extrem schön“ zusehen, wie Chirurgen, Zahnärzte und Stilisten aus nicht gut aussehenden Frauen ziemlich gut aussehende Frauen machen.

Am Ende drehen die sich, schlank durch Fettabsaugung, lächelnd mit neuen Zähnen, mit einem neu modellierten Gesicht vor ihrer nicht operierten Familie. Mann und Frau hatten äußerlich vorher ganz gut zusammengepasst. Jetzt nicht mehr. Hoffentlich hält die Liebe trotzdem.

Brigitte Woman 01/12, April 2014 bearbeitet


14
Apr 14

Aus der Welt fallen

Seit einiger Zeit verfolgt mich der bestürzende Gedanke, dass ich nicht mehr in die Welt passe.
Früher schwamm ich im Fluss des Lebens mit, als Fisch unter Fischen. Meine Gewohnheiten hielt ich für zeitgemäß und verbreitet. Ich nahm selten Anstoß an anderen Menschen. Das Fernsehpublikum entschied sich zwischen wenigen Sendern, und weil viele Leute dasselbe Programm sahen, ergab sich täglicher Gesprächsstoff zwischen gesellschaftlichen Schichten. Volle Frauenlippen waren ein Geschenk der Natur. Wer unterwegs einen Kaffee trinken wollte, suchte sich ansprechende Räume, in denen Menschen auf Stühlen saßen und aus Tassen tranken, die nicht anschließend auf die Straße geworfen wurden. Alle Berliner Theaterbesucher zogen sich ordentlich, sogar festlich an.

Es waren glückliche Jahre.

Jetzt wundere ich mich über viele neue Sitten. Ich gehöre allerdings zu einer Generation, die die Türen von Telefonzellen fest hinter sich zuzog: So sicherte man kleine Privatsphären – kein Fremder sollte hören, was am Telefon besprochen wurde. Es könnte sein, dass junge Menschen von heute solche Schrulle nicht glauben möchten.

Junge Frauen mit gürtelbreiten Röcken, denen man früher wegen ihrer Aufmachung eine leichtsinnige Lebensart unterstellt hätte, tragen T-Shirts, auf denen „Fuck You“ geschrieben steht. Die Aufforderung ist eine Provokation, schon klar. So müssen sich die Mädchen nicht genieren, wenn sie absichtlich die Blicke auf sich ziehen.

Es ist üblich, mit Zoten belästigt zu werden: In einer Radiowerbung geht es um Preissenkungen bei Roller, einem Online-Shop. Der Trailer beginnt mit einer Frauenstimme, die „tiefer“ stöhnt. „Tiefer! Tiefer!“ Stefan Raab kündigt in seiner Sendung „TV total“ ein spektakuläres Video an – gleich könne man Biber bei der Paarung beobachten: „Legen Sie schon mal die Taschentücher bereit!“ Soll alles Ironie sein, aber was ist daran komisch? Als bei „Deutschland sucht den Superstar“ eine Jurorin „Gänsehaut“ bei einer Darbietung bekommen haben will, fragt der schmierige Moderator nach: „Überall?“

Weil mich immer interessiert, was andere Menschen interessiert, sehe ich häufig Privatfernsehen. Dort passieren seit ein paar Jahren unglaubliche Dinge. Bei „Frauentausch“ sah ich eine Frau, die der Tauschmutter ins Gesicht spuckte. Bei „Das Supertalent“ trat ein Mann auf, der „An der schönen blauen Donau“ furzen konnte. Hier war, vielleicht, noch ein kultureller Ansatz zu erkennen. Aber beim nächsten Auftritt schob sich dieser Mann ein Blasrohr in seine anale Öffnung (Nahaufnahme). Dann schoss er durch Leibeswinde einen Pfeil in einen Luftballon, der beim Platzen goldenen Glitter verstreute. Ich schwöre, so war es.

Man nimmt inzwischen alles hin. Es gibt keinen Aufruhr, es gibt keinen Konsens über Anstand, Diskretion. Es gibt Quoten und parallele Welten.

„Warum siehst du dir so etwas an?“, fragen die vornehmen Freunde. Weil ich als Journalistin Munition sammle und nach Gründen suche, warum im echten Leben die Sitten verkommen. Juristen, zum Beispiel, erleben Gelächter, Applaus, Zwischenrufe in ihren Verhandlungen. Das Publikum verlangt nach einem Event, nach Unterhaltung – so wie in den lärmenden, getürkten Gerichtsshows im Privatfernsehen. Dieses Benehmen im Publikum habe erst nach der Anlaufen dieser Shows begonnen, sagt eine Richterin im Interview.

Ich will manche Sachen nicht zulassen, wenigstens in meinem Umfeld nicht. Ich spreche den neuen jungen Ladenbesitzer an, der mit Bekannten draußen sitzt, alle schnippen Kippen auf die Straße. Ich erzähle denen was von der Belastung des Grundwassers und dem Sinn eines Aschenbechers. Sie geben Versprechen ab, die sie nicht halten werden. Aber ich bin einfach nicht der Typ, der still leidet. Wahrscheinlich gelte ich längst als Zicke. Die Hundehalter machen keinerlei Anstalten, beim Gassigang ihre Tiere von den schönen Blumenkübeln vor dem Uhrenladen wegzuziehen. Ich beobachte das täglich aus meinem Fenster. Viel Wut hat sich angesammelt.

Und dann explodiert man eben. Ich schreie eine Frau an, sie solle ihren verdammten Köter sein Geschäft woanders verrichten lassen. Die Frau sucht nach der Stimme von oben, entdeckt mich am offenen Fenster und reagiert kühl: „Aber nicht in diesem Ton!“

Brigitte Woman 07/11, April 2014 bearbeitet