28
Mai 14

Leben mit Tüten

Immer ist er in Sorge um sein Hab und Gut. Der Obdachlose schiebt einen Einkaufswagen mit vielen, vielen Plastiktüten durch meine Gegend. Wenn er länger Station macht, stellt er alle in einer Reihe auf den Bürgersteig und sieht sie durch. Ich konnte sie zählen: 23 Stück. Continue reading →


25
Mai 14

Kreuze. Wo?

Heute will ich wählen. Ich halte die Zettel schon in der Hand und muss warten, weil die zwei Kabinen besetzt sind. Der Mann hinter mir liest die langen Texte zum Tempelhofer Feld und fragt mit südländischem Akzent die junge nette Wahlhelferin, wo er ankreuzen müsse, wenn er nicht wolle, dass das Feld bebaut wird. Continue reading →


08
Mai 14

Laterne, Laterne 2

In meiner Straße müssten eigentlich auch CDU-Mitglieder und CDU-Wähler wohnen. Ich dachte, die hätten irgendwie dafür gesorgt, dass ausschließlich Plakate der CDU aufgehängt wurden. Wo bleibt jetzt die Parteiverbundenheit und Solidarität, wo haben sie ihre Augen? Continue reading →


14
Apr 14

Vertrauen und Misstrauen

Um an den Rätseln der Welt nicht zu verzweifeln, mache ich mir bestimmte Vorgänge anschaulich. Zum Beispiel wenn ich Namen vergesse. Gespräche mit Freunden verenden so: „Meine Lieblingsschauspielerin ist die… du kennst die… eine Blonde… vor paar Jahren war sie für den Oscar nominiert und hatte mal eine Affäre mit dem… mit dem… der immer so traurige Rollen spielt… Mann!“ Keiner kommt drauf, und für Google sind die Informationen zu dürftig. Aber ich glaube, dass mir der Name irgendwann einfällt, und so stelle ich es mir vor: Mein Unterbewusstsein fährt mit dem Lift runter, läuft durch Korridore. Es öffnet Türen und ruft den Namen. Es findet ihn, packt ihn am Kragen, fährt nach oben und legt ihn auf meine Zunge.

Für alles, was ich nicht kann, nicht weiß, nicht ausstrahle, finde ich kindliche Erklärungen.

Ich wüsste sonst keinen Grund, warum ich nicht misstrauisch bin. Wahrscheinlich wurde der Liebe Gott – oder wer auch immer mit meiner Schöpfung beschäftigt war – bei letzten Handgriffen abgelenkt. Deshalb vergaß er, mir das Misstrauen einzupflanzen und gab mir zu früh einen Klaps auf den nackten Hintern, der mich in den Bauch meiner Mutter beförderte. Ich bin eine Unvollendete.

Ich vertraue zu viel. Ich habe bösen Menschen Geld geliehen. Eine Freundin ist mit unbekanntem Ziel verzogen, nachdem ich ihr meine Jugendstil-Kette geborgt hatte. Großspurig auftretende Handwerker erwiesen sich als Dilettanten und Zerstörer. Von meiner Bankfrau kann ich gar nicht reden, das geht mir immer noch sehr nahe.
Das Wort „Vertrauen“ wird – außer in religiösen Zusammenhängen – von herabsetzenden Eigenschaftswörtern begleitet wie: „blindes“, „falsches“, übertriebenes“. Die aus der Politik bekannte Wortfolge „Ich habe volles Vertrauen in…“ ruft reflexartige Zweifel hervor.

Die öffentliche Verbreitung von Misstrauen ist eine Säule unserer Meinungsbildung: Glaube keinem Rentenbescheid, keiner Kursprognose, keinem Hotelcheck, keiner einzigen Reality-TV-Sendung. Glaube nicht an den Wahrheitsgehalt von Kontaktanzeigen oder an Diskretion im Umgang mit deinen Daten. Glaube keinem Foto mit schönen Menschen und Körpern seit Fotoshop.

Misstrauen ist Desillusionierung.

Viele Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. Wolfgang dreht jeden Schlüssel, auch den vom Schuppen, zweimal im Schloss herum. Kaum ein Mensch nimmt noch Tramper mit. Manch einer übertreibt es vielleicht auch mit dem Argwohn. Der Regisseur, der oben in meinem Haus wohnt, verschleiert seine Abwesenheit mit Possen: Er trägt seinen Koffer die Treppe runter und erzählt mir an meiner Wohnungstür ganz laut, dass in dem Koffer schmutzige Wäsche sei, er müsse zur Reinigung und käme bald wieder. In Wirklichkeit muss er wochenlang weg zu Dreharbeiten. Weil ich mich um seine Post kümmere, bin ich als Einzige eingeweiht. Die Eckdaten für meine Briefkastenverantwortlichkeit teilt er mir per e-Mail mit, vermutlich für Fremde chiffriert.

Wer über Misstrauen nachliest, erfährt Nachteiliges. Am schlimmsten soll es als Beziehungskiller wirken. Wer misstrauisch ist, sucht ständig nach Beweisen, die seine Gefühle rechtfertigen. Das kann nicht gut gehen.

Natürlich reden die Misstrauischen nicht Klartext. Sie sagen nicht: „Ich bin ein misstrauischer Mensch!“ Nein. Misstrauen, behauptet der Regisseur von oben, habe einen Hautgout, eine dunkle Seite. Er spricht in seinem Fall lieber von „gesunder Skepsis“. Besser noch von „Vorsicht“. Richtig zufrieden ist er aber erst, nachdem ihm das Wort „Umsicht“ eingefallen ist.
Außerdem bittet er mich, immer gut auf unser Haus aufzupassen.

Letztes Jahr stehe ich am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags am Fenster. Ein junger Mann mit großer Tasche läuft auf der anderen Straßenseite. Er öffnet mit einer Karte viele Haustüren und verschwindet. Fast alle Fenster sind dunkel, viele Parkplätze leer – Weihachten ist Stoßzeit Diebesbesuche in verlassenen Wohnungen.

Ich spüre nun tatsächlich Misstrauen und rufe die Polizei an. Sie kommt ganz schnell mit blau blinkenden Fahrzeugen unter Sirenenklängen und stellt Dieb wie Tasche. Die Polizei bittet mich zum Gespräch hinzu. In der Tasche sind Pfandflaschen. Der junge Mann ist ein Sammler, er darf gehen und sieht mich böse an.

„Na denn“, sagen die Polizisten und fahren ab ohne einen Weihnachtsgruß.

Brigitte Woman 11/13, April 2014 bearbeitet


14
Apr 14

Touristen

Wegen einer Recherche musste ich ein Bordell besuchen und bat meinen damaligen Chefredakteur, einen aufgeschlossenen Mann, mich in eine Szene zu begleiten, von der ich keine Ahnung hatte. Wir kamen in so ein Haus und nahmen im Kontaktraum Platz. Eine junge Frau setzte sich auf den Schoß meines Chefs und ging ihm an die Wäsche. Als sich unsere Augen trafen, fragte die Hübsche höflich: „Wo kommst’n du her?“ Ich sagte: „Mitte. Krausnickstraße.“ Sie strahlte: „Icke Große Hamburger.“ Das ist bei mir um die Ecke. Sie stieg von meinem Chef runter.

Anwohner nehmen gerne Kontakt auf, wenn sie sich zufällig treffen. So läuft es auch mit den Prostituierten, die nachts an der Oranienburger Straße stehen – hohe Stiefel, geschnürte Mieder, große Klappe. Aber nett. Eine macht mich auf meinen defekten Scheinwerfer aufmerksam, als ich aus dem Auto steige. Ich bedanke mich, und sie ruft mir nach: „Dit wollte ick neulich schon deine Tochta sagen.“ Man sieht sich, man lächelt sich an. Ich mag meinen Kiez und diese Frauen, aber ich sehe ein Problem: Sie ziehen die Touristen an.

Früher hieß der Besucherstrom amtlich „Fremdenverkehr“. Als dieses Wort gegen das Wort „Tourismus“ ausgewechselt wurde, war ich viel jünger und dachte, dass man das aus Anstand gemacht hätte – Fremdenverkehr klingt ja ein bisschen anzüglich. Aber das neue Wort sollte nur ausdrücken, dass keine Fremden kommen. Sondern Reisende, Gäste, Besucher mit Interesse an unseren Museen, Theatern, an der Kunstszene, später auch an Mauerresten. Ostern waren zwei Millionen Besucher in Berlin. Ich habe das Gefühl, allen begegnet zu sein, denn sie bevorzugen meine Gegend.

Touristen sind mit einem anderen Zeitgefühl unterwegs als wir Anwohner. Touristen schlendern, plötzlich bleiben sie vor einem Bonbonladen stehen, unsereiner dahinter läuft in ihren Rücken. Als Fußgängerin muss ich mich durch Menschenströme kämpfen, keiner geht aus dem Weg, wenn ich schwere Taschen schleppe, aus denen Porreestangen oder Teppichreiniger ragen. Als Autofahrerin achte ich auf Personen, die auf der Straße liegen: Das sind Hobbyfotografen, die bäuchlings dem Postfuhramt eine spezielle Perspektive abtrotzen.

Wir Anwohner sind in der Minderheit. An einem Sommerabend habe ich zwischen Alexanderplatz und meiner Wohnung ausschließlich Fremdsprachen gehört, zwei davon konnte ich nicht mal einem Kontinent zuordnen – ich sah mich schon als Opfer einer Sendung mit versteckter Kamera.

Meine Stadt ist arm. Touristen geben Geld aus. Ich fühle mich verpflichtet, als Berlinerin einen guten Eindruck zu machen. Wem im Gegenwind der auseinander gefaltete Stadtführer ins Gesicht flattert, der kann mit meiner Hilfe rechnen. Ein Mann fragt mich mit schwerem Akzent nach einer Straße, deren Namen ich noch nie gehört habe. Ich zucke die Schultern, sorry. Er macht einen Schritt auf mich zu und setzt nach: „Jetzt wir uns kennen. Kaffeetasse?“

Ganz am Anfang folgten die Menschen aus Nahrungsgründen den Weideplätzen und Wasserstellen. Früher gab es noch kein Pub-Crawling: Weil Alkohol bei uns relativ billig ist, reisen von weither Touristen zum Komasaufen an. Von Scouts geführt folgen solche Horden den Kneipenrouten, unterwegs reicht der Scout seinen Kunden Wodka-Lemon aus der Flasche, damit die Abstände nicht zu groß werden.

Früher wohnte man im Hotel oder bei Freunden. Heute gibt es preiswerte Unterkünfte ohne menschliche Anbindung. Eine zu Recht preisgekrönte junge Schriftstellerin kann in der Invalidenstraße nicht mehr schlafen, sie zieht jetzt um: Ihr Hausbesitzer hat acht von zehn Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt. Die Schriftstellerin wird nachts wach – Musik, Gelächter, Schlägereien. Sie tappt über die Etagen, klingelt und bettelt um Ruhe. Besoffene Feriengäste lachen sich kaputt über die Person im Nachthemd. So kann keine Literatur entstehen. Nicht unter einem Dach.

Jeder von uns ist mal Tourist und verkennt die Lage. Mir fallen die Leute ein, die in Ägypten von einem Ausflug ins Hotel heimkehren wollten. Sie stiegen in einen Bus und nannten mit deutscher Sprachfärbung ihr Ziel. Der Busfahrer verstand sie nicht. Die Frau zog ihren Mann zum Ausgang und sagte laut: „Der kennt sisch hier nit aus.“

Brigitte Woman 07/12, April 2014 bearbeitet